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Unter den Dielen

Matthias Kirste findet auf seinem Dachboden eine Pistole und gibt sie bei der Polizei ab. Die Beamten ermitteln trotzdem gegen den Weinböhlaer.

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Von Philipp Siebert

Diese Nummer wird Matthias Kirste nie vergessen: 231 418. Die sechs Ziffern sind in die Pistole Marke Mauser eingestanzt, die der 52-jährige Mann aus Weinböhla jetzt unter den Dielen seines Dachbodens gefunden hat. Eigentlich wollte er die Bretter nur erneuern. Unter den Balken fand er aber die Pistole aus dem Ersten Weltkrieg. Jetzt hat er eine Anzeige wegen unerlaubten Waffenbesitzes am Hals.

Doch von vorn. Seit 2008 wohnt Matthias Kirste mit seiner Frau in dem gut einhundert Jahre alten Haus auf der Gellertstraße. Er hat es von einer schon weit über 90 Jahre alten Dame gekauft und seitdem Stück für Stück selbst renoviert. Dach und Fenster sind neu gemacht. Auch der Garten und das Haupthaus. „Jetzt wollte ich den Boden in dem kleinen Anbau hinter dem Haus sanieren“, sagt er. Der Weinböhlaer braucht Platz für Skier, Koffer und andere Sachen. Also machte sich Matthias Kirste mit seinem Sohn Christian an die Arbeit. „Mit einem Nageleisen haben wir die Bretter hochgehoben“, erzählt der Kfz-Schlosser. Eines nach dem anderen. Zuerst in der Mitte. Dann in den Ecken. Die vorletzte Diele ließ sich ganz leicht anheben. Matthias Kirste stutzte erst, ließ dann das Nageleisen plötzlich fallen. Er hatte sofort gesehen, was unter dem alten Brett lag.

„Ich wusste erst einmal gar nicht, was ich sagen sollte.“ In der Dämmschicht war die Mauser versteckt, verstaut in einem braunen Holzschaft. Die Pistole war in einem sehr guten Zustand, nur ein wenig verstaubt. „Die muss dort seit Jahrzehnten gelegen haben“, vermutet Matthias Kirste.

Doch was mit der Pistole anfangen? Behalten wollte er sie nicht. Ausprobieren auch nicht. Verkaufen schon gar nicht – „wer weiß, was manche Leute damit anfangen.“ Also versteckte er die Waffe erst einmal bei sich zu Hause und ging am nächsten Tag zur Polizei – ohne die Mauser.

Dort staunten die Beamten nicht schlecht, machten sich mit Matthias Kirste sofort auf den Weg nach Weinböhla. Pistolenfunde werden bei der Polizei nicht oft gemeldet. Die Mauser nahmen die Beamten mit. „Das war’s“, dachte Matthias Kirste. Falsch gedacht.  

Jetzt ermitteln die Beamten gegen den Weinböhlaer wegen unerlaubten Waffenbesitzes. Die Pistole ist noch voll funktionsfähig. Nur die Patronen fehlen. „Das ist Vorschrift“, sagt Polizeisprecher Thomas Geithner, „der Waffenfinder hat aber genau das Richtige gemacht.“ Viel schwerwiegender wäre das Vergehen, hätte Matthias Kirste die Mauser einfach behalten oder sogar unter der Hand verkauft. Seine Ehrlichkeit solle dem Weinböhlaer daher nicht zum Verhängnis werden. „Das ist nur eine Formsache“, beruhigt der Polizeisprecher. Zurückbekommen wir Matthias Kirste seinen Dachbodenfund aber nicht. Nach den Untersuchungen entscheiden die Beamten, was mit der Mauser passiert. Entweder wird sie verschrottet, oder sie landet in der Asservatenkammer.

Vorher versucht die Polizei jedoch zu klären, woher die Waffe stammt. Bis 1935 wurde die halbautomatische Mauser gefertigt. „Sie muss also aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammen“, heißt es von der Polizei.

Etwas mehr hat Matthias Kirste bereits rausgefunden. Auf dem Dachboden des Haupthauses hat er bereits vor einem Jahr ein Foto von 1913 gefunden. Soldaten der 12. Reserve-Kompanie des deutschen Heeres sind darauf zu sehen, freuen sich über die Entlassung aus dem Wehrdienst. Er dachte sich nicht viel dabei. Doch einige von den Männern in Uniform trugen einen ähnlichen Waffenschaft bei sich, wie der, den er gefunden hat. „Ich könnte mir gut vorstellen, dass der Waffenbesitzer auf diesem Foto zu sehen ist“, meint Matthias Kirste. Der Mann müsste seiner Vermutung nach auch einmal in seinem Haus gewohnt haben und die Pistole unter den Dielen versteckt haben.

Wer er ist oder wie er heißt, weiß der Weinböhlaer jedoch nicht. „Das muss die Polizei klären.“