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Unter Tage gestorben

Bergleute gedenken am Sonntag in Tauchritz all jenen Kollegen, die in hiesigen Gruben ihr Leben lassen mussten.

Frisch vom Tischler: Joachim Neumann vom Verein Oberlausitzer Bergleute mit der Gedenktafel für die im Landkreis tödlich verunglückten Bergmänner. Am Sonntag wird sie ihren Platz in der Tauchritzer Kirche finden – in der Loge der Familie von Varnsdorf.
Frisch vom Tischler: Joachim Neumann vom Verein Oberlausitzer Bergleute mit der Gedenktafel für die im Landkreis tödlich verunglückten Bergmänner. Am Sonntag wird sie ihren Platz in der Tauchritzer Kirche finden – in der Loge der Familie von Varnsdorf. © Nikolai Schmidt

Von 1972 ist der jüngste Eintrag. „Ja, das war damals im Kalkbergwerk. Da war unsere Grubenwehr noch dabei.“ Die vom Tagebau Berzdorf meint Joachim Neumann, Chef des Vereins Oberlausitzer Bergleute. Das Unglück, das damals geschah, forderte ein Todesopfer.

Ein Bergwerk in Ludwigsdorf? Tatsächlich wurde bis 1990 Kalk abgebaut. Heute ist nichts mehr davon zu erahnen, dass es hier mal unter Tage ging, dass es über Leitern tief hinab ging in kilometerlange Stollen. Heute ist an dieser Stelle, wie an so vielen wo einst Bergbau betrieben wurde, Wasser. Aber Ältere kennen den Tagebau noch, wissen um die Ludwigsdorfer Karsthöhlen, deren größte 140 Meter lang war. Weil später der gesamte Kalkbruch vom Wasser geflutet wurde, sind auch die Karsthöhlen für immer verschwunden. Und mancher kann sich vielleicht auch noch an das Unglück von 1972 erinnern.

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Der Verein um Joachim Neumann will die Erinnerung an diesen toten Bergmann lebendig halten – genau wie an die insgesamt 250 Bergleute, die zwischen Görlitz und Zittau bei der Arbeit verunglückten. So viele hat der Verein nämlich ermitteln können. Aber man weiß längst nicht um jedes Unglück, ist Joachim Neumann sicher. Auf jenes, das sich 1906 in Moys, einem heutigen Stadtteil von Zgorzelec ereignete und das vier Opfer forderte, stieß der Verein nur zufällig. „Jemand hat es mal in einer Doktorarbeit beiläufig erwähnt.“ Sonst gibt es nichts, auch in damaligen Zeitungen fanden sich keine Hinweise, es hat damals wohl keinen interessiert, vermutet Neumann. Dabei wurde von Moys aus die ganze Stadt damals mit Energie versorgt.

Am Sonntag wollen die Oberlausitzer Bergleute zusammen mit Vertretern der Bergbauvereine Lauchhammer, Senftenberg und Olbersdorf sowie dem Ring der Bergingenieure allen gedenken, die in den Gruben ihr Leben ließen. Alle Bergleute werden ihre Uniform tragen. Das Datum ist nicht ganz zufällig gewählt, es sollte zum Tag der Oberlausitz passen, der am 21. August begangen wird. Joachim Neumann und sein Verein haben extra eine Gedenktafel tischlern lassen – gefördert von der Veolia-Stiftung. Die Tafel listet die Bergwerke auf und nennt die Todesopfer zahlenmäßig – seit dem Jahr 1817, als es die ersten Opfer in Olbersdorf gab. Die meisten Toten gab es demnach in Hirschfelde – hier starben seit 1911 sogar 49 Bergmänner. Aber auch Olbersdorf kostet insgesamt 31 Männern das Leben. Berzdorf hat unrühmliche 26 Todesopfer zu verzeichnen.

In einer feierlichen Zeremonie mit Segnung und Musik vom Shantychor soll die Tafel am Sonntag in die Kirche getragen werden. In der Loge der Familie von Varnsdorf, die sich links oberhalb des Altars befindet, soll sie an einer Wand befestigt werden. Davor liegt in einer Lade ein Buch, das die einzelnen Unglücke auflistet und genauer beschreibt. Es lässt Platz für Ergänzungen, denn viele Unglücke, so vermutet man, sind noch gänzlich unbekannt und könnten in dem Buch ergänzt werden, sobald jemand bei Forschungen oder beim Lesen alter Unterlagen darauf stößt.

Die Loge der von Varnsdorfs wurde deshalb ausgewählt, weil sie in sich geschlossen zur Kirche einen gewissen räumlichen Abstand hat. „Es ist ein Ort, an den jeder gern kommen kann, der kein direkter Kirchenraum ist“, sagt Neumann. Außerdem gibt es eine Verbindung zu den von Varnsdorfs. Als Amtshauptmann der Oberlausitz war von Varnsdorf 1730 der erste, der nach Kohle schürfte. Da er aber nicht tief genug kam, fand er nur Torf. Diese Geschichte werden die rund 80 Gäste, die für Sonntag erwartet werden, sicher auch hören. Zuvor möchten Joachim Neumann und seine Vereinskollegen ihnen aber auch die beiden Ausstellungen zeigen, die ebenfalls den Bergbau im Landkreis dokumentieren: jene im Bahnhof Hagenwerder, die unter anderem ein Modell des Werk III in Hagenwerder zeigt. Aber auch die im ehemaligen Tauchritzer Pfarrhaus, wo es ganz konkret darum geht, was der Bergbau für das kleine Tauchritz und die umliegenden Dörfer bedeutete.

Immerhin haben hier mal 6.000 Menschen gearbeitet, Grube und Kraftwerk hatten gigantische Ausmaße, von denen heute kaum noch etwas zu sehen ist –abgesehen vom stattlichen Berzdorfer See. „Was in sieben Millionen Jahren in der Erde entstanden war, hat der Mensch in kaum mehr als 100 Jahren weggefressen“, sagt Joachim Neumann nachdenklich. Und viele ließen dabei ihr Leben.

Öffentliche Gedenkveranstaltung für die verunglückten Bergleute: am 18. August um 14 Uhr an der Tauchritzer Kirche. Im Anschluss gibt es im Pfarrhof bei der Kirche Kaffee und Kuchen.

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