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Unterstützung in jeder Lebenslage

Eine Ausstellung zeigt die bewegte und bewegende Geschichte der Familieninitiative Radebeul.

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Immer mittendrin: Barbara Plänitz (Mitte) als junge Mitgründerin der späteren Fami. Hier freuen sie sich über den mit 50.000 Mark dotierten Karl-Kübel-Preis. Das Geld floss in die Sanierung des heutigen Familienzentrums.
Immer mittendrin: Barbara Plänitz (Mitte) als junge Mitgründerin der späteren Fami. Hier freuen sie sich über den mit 50.000 Mark dotierten Karl-Kübel-Preis. Das Geld floss in die Sanierung des heutigen Familienzentrums. © Arvid Müller

Von Beate Erler

Radebeul. Am Freitagnachmittag, zwei Tage vor dem Internationalen Frauentag, sind die Frauen der Familieninitiative Radebeul e. V. (Fami) im Stress. Nicht aufgrund des Frauentages, sondern weil der Verein genau am 8. März vor 30 Jahren gegründet wurde. Eigentlich wollten sie damals von einem Verein gar nichts wissen, denn von zwangsweisen Gruppen hatten sie, kurz nach dem Fall der Mauer, erst einmal genug. Aber es hieß, ohne einen Verein im Rücken, kämen sie zu gar nichts, erinnert sich Kathrin Wallrabe, eine der Gründerinnen von vor 30 Jahren.

Mit der Nummer 26 war die Fami einer der ersten Vereine im Landkreis nach der Wende mit 16 Mitgliedern, davon 15 Frauen. Auch heute schwirren in dem gelben Haus in Altkötzschenbroda mit der Aufschrift „Familienzentrum“ fast nur Frauen umher. Die Ausstellung, die sich mit der Geschichte des Vereins beschäftigt, hat seit Sonntag im Café geöffnet.

Dort stehen überall große gerahmte Bilder auf dem Fußboden, die alle wichtigen Stationen noch einmal vor Augen führen: Die Gründerinnen und ihre damalige Motivation, die Ruine des Hauses, das seit 26 Jahren die Zentrale der Fami ist, Preisverleihungen und Feste. Gerald Leuschner, der einzige Mann im Raum, steckt noch letzte Rahmen fest: „Die Ausstellung ist während unserer Archivarbeit entstanden und es war viel Arbeit das gesamte Material zusammenzutragen“, sagt er.

Hier gab es einiges zu tun: Nach einem Jahr Bauzeit wurde die Sanierung des Hauses 1994 abgeschlossen und die Fami eröffnet.
Hier gab es einiges zu tun: Nach einem Jahr Bauzeit wurde die Sanierung des Hauses 1994 abgeschlossen und die Fami eröffnet. © Arvid Müller

Nun ist die Frage, wo was aufgehängt werden soll, denn die Ausstellung soll auf beiden Etagen des Cafés zu sehen sein. Eine der Gründerinnen ist Barbara Plänitz, die auch heute bei der Vorbereitung hilft. Bis vor zwei Jahren hat sie noch fest im Familienzentrum gearbeitet, aber ist nun in Rente.

Sie erinnert sich an die Anfänge: „Ich hatte damals mein drittes Kind bekommen und wie fast alle Mütter blieb ich länger mit meiner Tochter zu Hause“, sagt die heute 67-jährige Radebeulerin. Erziehungsurlaub hieß das damals und manchen Frauen fiel in dieser Zeit die Decke auf den Kopf.

Stillgruppe wurde organisiert

Außerdem wünschten sich viele einen gemeinsamen Treffpunkt, eine Art Familiencafé, wo Kinder willkommen waren und wo sie sich frei informieren, beraten und austauschen konnten. Also fing Barbara Plänitz an eine Stillgruppe zu organisieren: Zuerst trafen sie sich gemeinsam in verschiedenen Wohnungen und überlegten wie sie ihre Ideen umsetzen konnten: „Wenn mich meine Nachbarinnen besuchten, waren wir drei Mütter und neun Kinder, die sich in einem kleinen Zimmer trafen“, erinnert sich auch Kathrin Wallrabe.

30 Jahre später und immer noch aktiv: Barbara Plänitz (Mitte) mit Gerald Leuschner und Britta Schöne bei der Vorbereitung zum Jubiläum.      
30 Jahre später und immer noch aktiv: Barbara Plänitz (Mitte) mit Gerald Leuschner und Britta Schöne bei der Vorbereitung zum Jubiläum.       © Arvid Müller

Sie alle waren unzufrieden mit dem Stillstand, dem Verfall und der Lethargie nur wenige Jahre vor dem Ende der DDR. Mit der offiziellen Vereinsgründung im April 1990 ging es langsam bergauf: „Die Idee der Fami war von Anfang an, eine Anlaufstelle für die Themen Alltag, Familie und Beruf zu sein“, sagt der Geschäftsführer Mathias Abraham. Aber diese Anlaufstelle hatte lange Zeit selber kein eigenes „Zuhause“.

Die Frauen trafen sich in einem Büro auf der Eduard-Bilz-Straße, danach ging es in einen Hort auf der Marienstraße, die nächste Station war das Lutherhaus der Friedenskirchgemeinde Radebeul und auch eine Privatwohnung diente als Treffpunkt. Bis sie schließlich einen Tipp bekamen: Damals noch eine Ruine mit Außentoilette, stand das Haus mit der Nummer 20 im Sanierungsgebiet Altkötzschenbroda zum Verkauf. „Wir waren, trotz seines Zustandes, total begeistert, denn endlich hatten wir einen festen Platz gefunden“, erinnert sich Barbara Plänitz.

Etwa 400 aktive Mitglieder

Auch beim Geld für die Sanierung des Hauses kam noch einmal etwas Glück und Unterstützung von außen hinzu: Der Verein gewann Anfang der 1990er-Jahre den Karl-Kübel-Preis, der zu dieser Zeit mit 50.000 Mark dotiert war. Die Stiftung verlieh den Preis an Organisationen und Initiativen, die sich für die Belange von Eltern und Kindern engagierten. Mit diesem zusätzlichen Geld konnten die Bauarbeiten nach einem Jahr abgeschlossen werden und das Familienzentrum 1994 eröffnen.

Heute hat die Familieninitiative Radebeul etwa 400 aktive Mitglieder aus Radebeul und Umgebung und arbeitet an immer neuen Angeboten für die Bürger der Stadt. In den letzten Jahren sind zum Beispiel die Schuldnerberatung, eine Demenzberatungsstelle und Trauergruppen dazu gekommen.

Die neueste Zusammenarbeit läuft mit dem Kulturbahnhof in Radebeul Ost: Dort startet am 13. März das Freitagscafé und auch weitere Angebote sind dort geplant, um den Ort mit etwas mehr Leben zu füllen, so Mathias Abraham.