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Urlaub geplatzt - wegen Flixbus

Abiturienten aus Dresden warteten vergebens auf ihre gebuchte Fahrt. Kein Einzelfall. Welche Rechte haben Sie?

Sitzengelassen: Mit dem Abitur in der Tasche wollten Gina Tischer, Alexander Reuther, Maurice Benz, Sarah Kießling, Robert Rothe und Tom Schöne (v.l.) mit dem Flixbus in die Ferien an die Ostsee fahren. Doch sie warteten vergebens.
Sitzengelassen: Mit dem Abitur in der Tasche wollten Gina Tischer, Alexander Reuther, Maurice Benz, Sarah Kießling, Robert Rothe und Tom Schöne (v.l.) mit dem Flixbus in die Ferien an die Ostsee fahren. Doch sie warteten vergebens. © Matthias Rietschel

Es sollte eine Woche voller Spaß, Feiern am Strand und Sonnenbaden werden. Zwei Monate lang hatten sich Alexander Reuther und seine Freunde auf die Zeit an der Ostsee gefreut. Noch während die jungen Dresdner im Mai in den Abiturvorbereitungen steckten, buchten sie einen Flixbus, der sie nach den Prüfungen in den Norden bringen sollte. 

In Zingst wollten sie ihre Zelte aufschlagen, der Campingplatz war bereits reserviert. Am 11. Juli wurden den Schülern am Elbufer feierlich die Zeugnisse überreicht. Am 18. Juli standen sie mit gepackten Taschen mitten in der Nacht an der Haltestelle am Hauptbahnhof Dresden. Geplante Abfahrt: 1.55 Uhr. Doch was nicht kam, war der Flixbus. An der Hotline des Fernbusanbieters erfuhr die Clique, dass ihre Fahrt wegen Corona kurzfristig storniert worden war.

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Kundeninfos? Fehlanzeige

„Die Enttäuschung war natürlich riesig. Wir hatten uns nach dem Homeschooling und den Abiprüfungen so auf die Ferienwoche gefreut“, sagt Alexander Reuther, einer der Absolventen. Immer wieder hatten die Jugendlichen im Vorfeld auf der Internetseite des Unternehmens nachgeschaut. Das hatte Ende Mai sein Geschäft wieder aufgenommen. Die Busse rollten wieder. Von Einschränkungen stand nichts geschrieben. „Erst viel später haben wir gesehen, dass eine E-Mail mit der Stornierung unserer Fahrt eingegangen war, als wir schon längst an der Haltestelle saßen“, sagt Reuther. „Das ist doch eine Frechheit!“

Als auch kein Anschlussbus in Sicht war, versuchten die Jugendlichen noch in der Nacht, eine Fahrt mit der Bahn nach Zingst zu buchen. „Es standen aber nicht mehr genügend Plätze zur Verfügung. Außerdem hätten die Tickets das Urlaubsbudget gesprengt“, sagt der 18-Jährige.

Die jungen Dresdner sind nicht allein mit ihrem Ärger. Die Verbraucherzentrale Sachsen verzeichnete in den vergangenen vier Wochen drei Beschwerden über Flixbus. „Die Dunkelziffer von unzufriedenen Kunden dürfte deutlich höher sein“, sagt Claudia Neumerkel, Rechtsreferentin bei der Verbraucherzentrale Sachsen. 

Über die Beweggründe von Flixbus, immerhin Marktführer im Segment Fernbusreisen, lässt sich nur spekulieren: Bietet das Unternehmen Fahrten an, obwohl nicht sicher ist, dass diese überhaupt stattfinden können? Und warum werden die Kunden nicht rechtzeitig über Änderungen informiert? Mehrere Anfragen der SZ ließ Flixbus eine Woche lang unbeantwortet. In der Stornierungsmail an die jungen Dresdner hieß es lediglich: „In Folge der Covid-19 Pandemie müssen wir operative Anpassungen in unserem Fahrplan vornehmen und dir mitteilen, dass deine Fahrt leider ausfällt.“

Keine Entschädigung - trotz EU-Verordnung

In den Augen von Claudia Neumerkel ist das Verhalten von Flixbus beschämend. Es sei wenig glaubhaft, dass die Entscheidung für die Absage der Fahrt so kurzfristig getroffen worden ist. Nachzuweisen sei das aber kaum. „Grundsätzlich kann es natürlich immer passieren, dass eine Busfahrt annulliert wird, genauso wie bei einem Flug“, so die Verbraucherschützerin. 

Dann komme es aber auf die Kommunikation mit dem Kunden an. In dem konkreten Fall habe sich Flixbus nicht mit Ruhm bekleckert. Kunden müssten immer so zeitnah wie möglich über Änderungen ihrer Buchung informiert werden. Doch welche Rechte haben die Abiturienten nun? Immerhin stehen auch noch die Kosten für den Zeltplatz im Raum.

Fällt eine Fernbusreise aus oder verzögert sich um mehr als 120 Minuten, greift die EU-Fahrgastverordnung. „In dem Fall muss dem Kunden ein Wahlrecht eingeräumt werden“, sagt Neumerkel. Laut Paragraf 19 hat der Veranstalter „eine Weiterreise mit geänderter Streckenführung zum Zielort ohne Aufpreis zum frühestmöglichen Zeitpunkt und unter vergleichbaren Bedingungen“ anzubieten oder aber „die Erstattung des vollen Fahrpreises und gegebenenfalls zum frühestmöglichen Zeitpunkt kostenlose Rückfahrt mit dem Bus zum festgelegten Abfahrtsort“.

Genau so kann man es auch auf der Website von Flixbus nachlesen. Doch den Jungs und Mädels aus Dresden wurde nur die Erstattung der Ticketkosten in Form eines Gutscheins oder eine gebührenfreie Rückerstattung des Geldes angeboten. Das Angebot einer Alternativfahrt fehlt jedoch – und somit auch das Wahlrecht. Nach der EU-Verordnung besteht daher ein Anspruch auf eine Entschädigung in Höhe von 50 Prozent des Fahrpreises. Der lag bei den Dresdnern bei 70 Euro pro Person. „Es würden also jedem 35 Euro zusätzlich zustehen“, so Neumerkel.

Zusatzkosten bleiben

Ob sie das Geld einfordern, wissen Alexander Reuther und seine Freunde noch nicht. Der Ärger bleibt in jedem Fall. Auch darüber, dass sie auf den Kosten für den Campingplatz in Zingst sitzen bleiben – für eine Woche kostete der immerhin 368 Euro. „Es wäre das Mindeste, wenn Flixbus wenigstens dafür geradestehen müsste“, sagt Reuther. „Wir können ja nichts dafür, dass wir nicht anreisen konnten.“ Doch die Zeltplatzkosten muss Flixbus laut Neumerkel nicht erstatten. Ebenso wenig wie die Kosten für eine Zugfahrt, hätte sich die Gruppe alternativ dafür entschieden.

Für Alexander Reuther hat sich das Thema Flixbus erst einmal erledigt: „In nächster Zeit kann ich mir nicht vorstellen, noch einmal eine Fahrt zu buchen. Wir wollen jetzt erst mal unser Geld zurück.“ Bereits zweimal haben die Jugendlichen wegen der Ticketerstattung Kontakt zu dem Unternehmen aufgenommen. Eine Antwort oder gar Entschuldigung haben sie noch nicht erhalten. Die Verbraucherzentrale rät in diesem Fall dazu, die Schlichtungsstelle öffentlicher Personenverkehr (SÖP) in Berlin einzuschalten. Sie kämpft für die Durchsetzung von Fahrgastrechten gegenüber Verkehrsunternehmen.

Eine Woche Ferien haben die Jugendlichen am Ende dennoch zusammen verbracht. Da alle Campingplätze in der näheren Umgebung ausgebucht waren, hieß die Alternative zur Ostsee Grünewalder Lauch – ein idyllischer See im Brandenburgischen kurz hinter der Landesgrenze. „Es war auch schön, aber natürlich was anderes als Zingst. Da war nicht so viel los“, sagt Reuther. Angereist sind die Jugendlichen dorthin mit dem Auto – das war ihnen am sichersten.

Kontakt zur Streitbeilegung: SÖP Schlichtungsstelle öffentlicher Personenverkehr e.V., Fasanenstraße 81, 10623 Berlin, Tel. 030/64499330, 

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  • Claudia Neumerkel, Rechtsreferentin bei der Verbraucherzentrale Sachsen:
    0351 4864 2805
  • Sven Biebrach, Fachanwalt für Verkehrsrechtin Kamenz:
    0351 4864 2806

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