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Urlaub im Rohr

In Königstein kann man in einem zwei Meter breiten Abwasserrohr übernachten. Wie sich das anfühlt? Ein Selbsttest.

Auf dem „Campingplatz am Treidlerweg“ in Königstein wurden Abwasserrohre zu einfachen, aber praktischen Doppelzimmern umgebaut. Die Übernachtung kostet ab 30 Euro.
Auf dem „Campingplatz am Treidlerweg“ in Königstein wurden Abwasserrohre zu einfachen, aber praktischen Doppelzimmern umgebaut. Die Übernachtung kostet ab 30 Euro. © Daniel Schäfer

Ich muss es gestehen: Der geborene Camper bin ich nicht. Urlaub zwischen Hundehütte und Iglu? Das habe ich zuletzt vor 20 Jahren gemacht. Das Abitur noch nicht ganz in der Tasche, ging es damals mit Freunden an den Senftenberger See. Die Erinnerungen daran sind – nun ja – durchwachsen: versiffte Gemeinschaftsduschen, surrende Mücken und nervendes Schnarchen aus dem Zelt nebenan. Vom Campen hab ich seitdem die Finger gelassen.

Bis jetzt. Schuld daran bin ich selbst. Denn die berufliche Neugier hat mich getrieben, hin zum „Campingplatz am Treidlerweg“ in Königstein. Dort steht Sachsens erstes Röhrencamp. Seit Mai dieses Jahres können Camper zum Schlafen nicht nur in ein Zelt, sondern auch in ein Abwasserrohr kriechen. Genau zwei Meter breit ist so eine Betonröhre. Eigentlich werden die tonnenschweren Bauteile in den Erdboden versenkt. In Königstein stehen sieben davon wie an einer Perlenkette aufgereiht nebeneinander – dafür mit bestem Blick hinab zur Elbe und hinüber zum Lilienstein. Wie es sich in der Röhre schläft? Das heraus zu finden, ist meine Mission.

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Schnappschuss mit bestem Blick zur Elbe von der Terrasse über den Röhren.
Schnappschuss mit bestem Blick zur Elbe von der Terrasse über den Röhren. © Daniel Schäfer

Ich habe mir den perfekten Tag dafür ausgesucht. Einen der wärmsten in diesem Sommer. Das Thermometer zeigt 31 Grad an diesem Nachmittag. Keine Wolke steht am blauen Himmel. Bestes Zeltplatzwetter also. Mit Schlafsack und Reisetasche ausgestattet geht es für mich nach Königstein. Ein Parkplatz ist auf dem Gelände vom Elbefreizeitland, zu dem der „Campingplatz am Treidlerweg“ gehört, schnell gefunden.

Am Empfang, der gleichzeitig Minimarkt ist, bekomme ich den Schlüssel für meine Unterkunft. Röhre Nummer 7 lautet meine Adresse für diese eine Nacht. Ich bin mehr als gespannt. Ob ich noch etwas brauche, fragt die nette Frau hinterm Empfang? In den Regalen hinter ihr stapeln sich Getränkekisten, Wein, Chips, Toastbrot und Süßigkeiten. Alles, was das Camperherz braucht. Mein Blick fällt auf eine Schüssel mit neonbunten Ohropax. „Nehmen Sie lieber welche mit“, wird mir geraten. Für den Tipp werde ich noch dankbar sein.

Mit Sack und Pack geht es zu meiner Schlafkoje. Die Röhre, in die ich ziehe ist hübscher, als ich es von einem grauen Betonkoloss erwartet hätte. Die Front ist fast komplett verglast. Holztür und Fenster bunt bemalt. Ein grauer Vorhang hinter dem Eingang schützt vor neugierigen Blicken – und der gleißenden Sonne. Wie in einer Umkleide, denke ich kurz.

Sieben Abwasserröhren gibt es in Sachsens erstem Röhrencamp.
Sieben Abwasserröhren gibt es in Sachsens erstem Röhrencamp. © Daniel Schäfer

Hinter dem Vorhang beginnt mein Zimmer. Strom und Licht gibt es. Die Wand hinter dem Bett hat ein Fenster. Ich zücke den Zollstock. Zwei Meter breit, zwei Meter hoch, drei Meter lang. Die Kanalrohre sind damit so hoch, dass man als normal großer Urlauber aufrecht darin stehen kann. Von Platzangst keine Spur. Ich bin schon wieder überrascht. Fast den gesamten Platz in der Koje nimmt das Doppelbett ein. Zwei Meter lang und 1,80 Meter breit sind die Matratzen. Genug Platz für zwei. 

Beziehen muss ich mein Nachtlager selbst. Für alle, die keinen Schlafsack dabei haben, gibt es gegen einen Aufpreis Bettzeug dazu. Ob ich das bei 31 Grad brauche? Unter dem Bett ist viel Stauraum für Reisetasche oder Kraxe. Ein richtiger Schrank fehlt. Auch auf Tisch und Stuhl muss ich verzichten. Zumindest in der Röhre. Denn drum herum gibt es genügend andere Möglichkeiten. Das mit Abstand schönste Plätzchen ist direkt über mir. Denn einige Röhren wurden überdacht. Das Dach ist gleichzeitig Terrasse und Chillout-Ecke. Über eine steile Hühnerleiter geht es nach oben oder – für die Unsportlicheren – bequem über eine Hängebrücke. Der Blick zur Elbe und zum Lilienstein ist einmalig. Etliche Camper sind in Badeshorts und Bikini geschlüpft, um sich im Wasser abzukühlen. Ich bin ein zugegeben ein neidisch. Denn an vieles habe ich gedacht – an Badesachen nicht.

Zwei Meter breit, zwei Meter hoch und drei Meter lang sind die runden Kojen. Mit meinen 1,75 Metern Körpergröße kann ich bequem darin stehen.
Zwei Meter breit, zwei Meter hoch und drei Meter lang sind die runden Kojen. Mit meinen 1,75 Metern Körpergröße kann ich bequem darin stehen. © Daniel Schäfer

Ich selbst muss deshalb mit einer Dusche vorliebnehmen. Ein eigenes Badezimmer hat meine Betonröhre nicht. Wer Duschen, Zähneputzen oder zur Toilette will, muss die Sanitäranlagen nutzen, die allen Campern offen stehen. Beim Gang dahin kommen Erinnerungen hoch: an die Gemeinschaftsduschen damals in Senftenberg. Die Zeiten sind zum Glück vorbei. Die Toiletten in Königstein sind sauber, die Waschbecken im Gemeinschaftsraum gepflegt. Duschen kann man ganz allein. Dafür sorgen Einzelkabinen, die denen im Schwimmbad ähneln. Es gibt sogar Einzelwaschplätze, die abschließbar sind.

Fast den gesamten Platz im Rohr nimmt das Doppelbett ein. Darunter ist Stauraum.
Fast den gesamten Platz im Rohr nimmt das Doppelbett ein. Darunter ist Stauraum. © Daniel Schäfer

Das ist Privatsphäre, die Röhrencamper ansonsten nicht viel haben. Und das ist auch gut so. Mit meinen Campnachbarn komme ich dadurch schnell ins Gespräch. Lena Reich ist mit einer Freundin aus Hamburg nach Königstein gekommen. In Röhren haben die beiden bis dahin noch nie geschlafen. „Es ist heimelig, kuschlig und wirklich gemütlich“, sagt Lena. Ob das stimmt? Ich haue mich ins Bett. Zwischen 22 und 23 Uhr gehen bei den meisten Campern die Lichter aus. Nur vereinzelt wird noch bei Wein und Kerzenschein zusammengesessen. Es ist ruhig am Treidlerweg. Auch in meiner Röhre. Zumindest bis ich gegen Mitternacht unsanft geweckt werde. 

Ein monotones Rattern dringt an mein Ohr. Der Lärm stammt von einem Güterzug, der durchs Elbtal rauscht, nur wenige Meter vom Campingplatz entfernt. Ich greife beherzt zu den Ohropax, die mir beim Check-in empfohlen wurden. Vom Bahnlärm bekomme ich danach nichts mehr mit. Am Morgen weckt mich etwas anderes: Der Geruch von frischem Kaffee, den meine Nachbarn schlürfen. Ich krieche aus meiner Röhre. Das Camp erwacht langsam. Geschirr klimpert, Reißverschlüsse gehen auf und zu, Wohnmobiltüren öffnen sich. Menschen in Schlafanzügen und mit Waschtasche unterm Arm ziehen vorbei. Vieles hat sich auf dem Campingplatz geändert, aber manches eben doch nicht.

Die Übernachtung im Röhrencamp ist etwas für Minimalisten und Selbstversorger. In der Hauptsaison, die vom 28. Juni bis 3. Oktober dauert, kostet eine Übernachtung 35 Euro, sonst 30 Euro. Hinzu kommen zehn Euro Reinigungspauschale. Bettzeug sollte man mitbringen, sonst werden pro Person weitere fünf Euro verlangt. Frühstück ist nicht inbegriffen, kann aber für 7,50 Euro dazu gebucht werden.

Für Informationen zwischendurch aufs Handy können Sie sich unter www.szlink.de/whatsapp-regio anmelden.

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