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Urlaub nach Corona: Im afrikanischen Sandmeer

Wir machen Lust auf Reisen für die Zeit nach der Pandemie. Teil 5: Reise an einen der unwirtlichsten Orte der Erde, die Namib-Wüste in Namibia.

Allein im Naturreservat: Die Sossusvlei Desert Lodge.
Allein im Naturreservat: Die Sossusvlei Desert Lodge. © andBeyond

Auch wenn an Reisen im Moment noch nicht zu denken ist: Irgendwann dürfen wir wieder unsere Koffer packen und die Welt erkunden. Denn aufgeschoben ist bekanntlich nicht aufgehoben. Und die Reiseveranstalter sitzen in den Startlöchern. Umbuchen statt Stornieren lautet die Devise. Viele Unternehmen setzen auf Gutscheine, manche locken sogar mit Treue-Bonus. Und immer mehr Veranstalter werben im Netz bereits mit Angeboten für das nächste Jahr – Frühbucherrabatt inklusive.

Bevor es soweit ist, wollen wir Ihnen die Zeit mit einer Auswahl unserer schönsten Reisereportagen vertreiben – und Lust auf eigene Touren machen. Viel Vergnügen!

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Stille legt sich auf die Ohren. Wie eine Decke, die alles Menschengemachte fernhält: kein Motor, kein Handygebimmel, kein Fernseher, der infantile Shows ausstrahlt. Wer in der Namib-Wüste hören will, muss die Natur verstehen lernen.

Zwei Oryx-Antilopen schreiten lautlos durch die karge Ebene. Nichts treibt sie. Die Namib breitet sich vor ihnen aus, fünfmal so groß wie Sachsen. Hier, an einem der unwirtlichsten Orte der Erde, sind die Tiere zu Hause. Das Wasser in den Flussbetten ist schon vor Jahrhunderten versiegt, der letzte große Regen neun Jahre her. Die Temperaturen klettern jetzt im Februar nicht selten über 40 Grad. Wie kann unter solchen Bedingen Leben existieren?

Die meisten Namibia-Besucher zieht es in den Etosha-Nationalpark im Norden, um Fotos von den Großen mit nach Hause zu bringen: Elefant, Nashorn, Löwe und Leopard. Die Namib-Wüste im Süden dagegen gibt ihre Wunder nicht ganz so vordergründig preis.

Ranger Michael im Sossusvlei.
Ranger Michael im Sossusvlei. © Katrin Saft

Die Anreise vom internationalen Flughafen in Windhoek dauert mit dem Mietwagen etwa fünf Stunden – knapp 400 Kilometer über schottrige Pisten. Bequemer geht es mit dem Kleinflugzeug vom nationalen Flughafen Eros aus. Pilot Camilo Martin verstaut die Taschen im Kofferraum der Cessna, verteilt Ohrstöpsel und Spucktüten – vorsorglich. Der Blick aus 3.000 Metern Höhe lässt die Angst vergessen: einsame Gebirgszüge, Schluchten, Trockenflüsse, Sandmeer. Namibia ist zwar zweieinhalbmal so groß wie Deutschland, gehört mit nur 2,3 Millionen Einwohnern aber zu den am dünnsten besiedelten Ländern der Welt. Weich setzt Martin auf einer nur mit Steinen markierten Piste auf.

Der Wind schlägt den Ankömmlingen wie ein heißer Föhn ins Gesicht. Hier, mitten im Niemandsland, betreibt Reiseveranstalter andBeyond die Sossusvlei Desert Lodge. Mit ihren Natursteinfassaden schmiegen sich die zwölf Villen so geschickt an einen Hang, dass man sie auf den ersten Blick kaum bemerkt. Der südafrikanische Luxusanbieter gilt als Pionier des Ökotourismus – schon lange, bevor nun alle davon reden. Luxus bedeutet hier nicht dekadenter Überfluss, sondern maximale Privatsphäre und Harmonie mit der Natur. „Wir bekommen unser Wasser aus einem 150 Meter tiefen Brunnen, bereiten es auf und füllen es in Glasflaschen zum Trinken ab“, erklärt Mitarbeiterin Racquel Webster. 65 Prozent des Stroms werde aus Solarenergie erzeugt, die Reinigungsprodukte seien biologisch abbaubar.

Sanddüne 45: Zu Fuß durchs Weltnaturerbe.
Sanddüne 45: Zu Fuß durchs Weltnaturerbe. © Katrin Saft

Da sich kilometerweit kein Haus, geschweige denn ein Laden oder Restaurant befindet, bedeutet Urlaub in der Wüste Rundumversorgung. Nicht nur Verpflegung und Getränke sind inklusive, sondern auch die Ausflüge – zum Beispiel zur berühmtesten Sehenswürdigkeit in der Namib, dem Sossusvlei im Namib Naukluft Nationalpark. „Wir starten 5.45 Uhr, rechtzeitig vor Sonnenaufgang“, sagt Ranger Michael Negodhi. Am Parkeingang bei Sesriem bezahlt er 80 Namibia-Dollar pro Person – umgerechnet etwa 5 Euro. Auch wenn die Preise mit den Touristenzahlen steigen, ist Namibia immer noch ein vergleichsweise günstiges Urlaubsland.

Schon nach wenigen Minuten türmen sich entlang der gut asphaltierten Straße über 300 Meter hohe Sanddünen, bizarr geformt von den Kräften des Windes. Jetzt zeigt sich, dass sich das frühe Aufstehen gelohnt hat. Denn mit den ersten Sonnenstrahlen färbt sich der Sand in ein märchenhaftes Orange und Rot. Am Horizont verzieht sich der letzte Nebel. Eine Traumkulisse für Fotos und seit sieben Jahren auch UNESCO-Welterbe. Ranger Michael mahnt zur Eile. Düne 45 ruft – jene Sanddüne bei Kilometer 45, die sich zu Fuß besteigen lässt. Zur Belohnung darf man begeistert wie ein Kind auf dicken Strümpfen nach unten rutschen – wie im Pulverschnee, nur dass es unter den Füßen glüht.

Lodge-Design im Einklang mit der Natur.
Lodge-Design im Einklang mit der Natur. © andBeyond

Die meisten Touristen allerdings verweilen nicht lange, denn mit jeder Stunde brennt die Sonne unerbittlicher. Selbst Moskitos ist es hier zu heiß. Bei Kilometer 60 müssen alle ohne Allradfahrzeug in ein Pick-up-Shuttle umsteigen. Ein Schild kündet vom Ende der befestigten Straße. Noch ein Stück schwimmen die Reifen durch den Sand, dann werden die Dünen unüberwindbar. Hier, etwa 50 Kilometer vom Atlantik entfernt, ist einst der Tsauchab-Fluss versandet. Er staute sich zu einem See, der verdunstete. Aus der Schlammschicht, die in der Sonne zu Ton verbuk, ragen heute die knorrig-bleichen Reste von über 600 Jahre alten Bäumen. Wie Boten des Todes: Seht, was Klima anrichten kann. Michael zeigt auf eine netzartige Spur im Sand: „Ein Gecko, der clever seine Standbeine wechselt, wenn er über den bis zu 70 Grad heißen Wüstensand rennt.“ Um diese Tageszeit hat er sich längst in kühlere Regionen vergraben.

Zurück in der Lodge, warten westliche Annehmlichkeiten: eine kühle Dusche, ein Pool und Wlan für die Grußpost nach Hause. Was von außen so karg aussieht, lässt innen keine Wünsche offen: Klimatisierung, aus Naturmaterialien designte Möbel, Cocktails an der Bar. Der größte Luxus aber ist die lautlose Weite, die sich vor den Glasfenstern ausbreitet: runterkommen und sich einlassen auf das Nichts. Nur scheinbar ein Nichts. Am Horizont tauchen zwei schwarze Punkte auf, wachsen zur Knäulgröße heran: Strauße, die ihre Körpertemperatur anheben können, damit sie nicht schwitzen und kein Wasser verlieren. Eine Herde Oryx-Antilopen zieht zum Wasserloch vor der Lodge, die pfeilspitzen Hörner fast ein Meter lang. Selbst das Aufeinanderklappen der Zähne ist zu hören, wenn sie die spärlich wachsenden Grashalme zermalmen. Ein friedliches Bild. Nur ein Leopard, der in der Nähe sein Revier markiert hat, kann ihnen gefährlich werden.

Eine Herde Oryx-Antilopen zieht zum Wasserloch vor der Lodge, die pfeilspitzen Hörner fast ein Meter lang.
Eine Herde Oryx-Antilopen zieht zum Wasserloch vor der Lodge, die pfeilspitzen Hörner fast ein Meter lang. © Katrin Saft

Mit Ranger Titus Nangolo geht es am späten Nachmittag zu Fuß durch die staubige Ebene. „Früher war hier das Paradies“, behauptet er und zeigt auf ein paar dürre Bäume am Horizont. „Ein Zeichen dafür, dass dort mal ein Fluss existiert hat, der vom Wasser der Berge gespeist wurde. Alles war grün ringsum. Insofern kamen auch die Tiere, und es gab ausreichend zu essen für die Sun – die Buschleute.“ An einem schwarzen Sandstein bleibt Titus stehen. „Der Felsen spendete Schatten, Häuser kannte man damals nicht.“ Er führt die Touristen auf eine Anhöhe und zeigt auf einen Stein: „Seht ihr die alten Felsmalereien? Ein Mann mit einem Pfeil, ein Strauß, eindeutig.“ Der Blick von oben schweift weit bis zum Horizont. Die Lodge liegt mitten in einem fast 13.000 Hektar großen privaten Naturschutzreservat. Keine anderen Touristen, die die Ruhe stören könnten. Das hat natürlich seinen Preis.

Die meisten Gäste bleiben zwei, drei Nächte. Seit der Komplettsanierung der Lodge im vergangenen Jahr können sie auch E-Bikes leihen oder mit dem Quad über die Sanddünen fahren – mit kundiger Begleitung. Denn nicht immer zeigt sich die Gefahr sofort. Ranger Michael bückt sich und pustet auf einen knopfgroßen Kreis im Sand, bis ein kleiner Kanal zum Vorschein kommt: die Höhle einer White dancing lady-Spinne. „Sie bleibt dort drin, bis der Sand kühler ist“, erklärt er. Auch einen Skorpion spürt er unter der Oberfläche auf. Bei der Berührung mit einem Stock zückt das Tier den Schwanz. „Ja, der ist giftig“, sagt Michael, „sticht aber nur, wenn er angegriffen wird.“

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Wieder in der Lodge, serviert Racquel einen geeisten Gintonic zum Sonnenuntergang. Rote Lämpchen weisen den Weg zurück in die Lobby. „Diese Farbe stört die Umwelt am wenigsten“, sagt sie, „denn wir sind zertifiziertes Lichtschutzgebiet.“ Die Dunkelheit der Wüste bietet die perfekte Voraussetzung zum Sternegucken. Mitarbeiter Vernon Swanepoel lädt dazu nach dem Dinner in ein kleines Observatorium ein. Er zeigt die Milchstraße, erklärt Planeten und Sternzeichen, die man in Europa nie zu Gesicht bekommt. Hektik im Job, Wahldebakel oder Verkehrsstau sind plötzlich Lichtjahre entfernt. Stille legt sich auf die Ohren. Doch die Wüste lebt.

Die Reise wurde unterstützt von andBeyond und Air Namibia.

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