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Urlaub nach Corona: Kleine und große Flatterer

Wir machen Lust auf Reisen für die Zeit nach der Pandemie. Teil 3: Die Mecklenburgische Seenplatte bietet viel Abwechslung. Und bei Regen? Auch!

Wandern, Radeln, Boot fahren: Bei schönem Wetter kann man in Mecklenburg viel unternehmen. Doch auch bei Schmuddelwetter gibt es einiges zu entdecken.
Wandern, Radeln, Boot fahren: Bei schönem Wetter kann man in Mecklenburg viel unternehmen. Doch auch bei Schmuddelwetter gibt es einiges zu entdecken. © Pixabay

Auch wenn an Reisen im Moment noch nicht zu denken ist: Irgendwann dürfen wir wieder unsere Koffer packen und die Welt erkunden. Denn aufgeschoben ist bekanntlich nicht aufgehoben. Und die Reiseveranstalter sitzen in den Startlöchern. Umbuchen statt Stornieren lautet die Devise. Viele Unternehmen setzen auf Gutscheine, manche locken sogar mit Treue-Bonus. Und immer mehr Veranstalter werben im Netz bereits mit Angeboten für das nächste Jahr – Frühbucherrabatt inklusive.

Bevor es soweit ist, wollen wir Ihnen die Zeit mit einer Auswahl unserer schönsten Reisereportagen vertreiben – und Lust auf eigene Touren machen. Viel Vergnügen!

Klinik Bavaria Kreischa
Perspektiven Schaffen - Teamgeist (Er-) leben
Perspektiven Schaffen - Teamgeist (Er-) leben

Wir sind die KLINIK BAVARIA Kreischa - eine der führenden medizinischen Rehabilitationseinrichtungen in Ostdeutschland.

Wo früher die DDR-Polizei Munition gelagert hat, steht jetzt ein Mann mit schwarzer Mütze. Er streckt eine Antenne in die Luft. Ein kleines Gerät in seiner Hand knarzt und fiept. "Das ist ein Bat-Corder. Mit ihm machen wir die Ultraschalltöne der Fledermäuse hörbar", erklärt Martin Post. Er ist Wildtierökologe im Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide nordöstlich der Müritz. Es ist einer von sieben Naturparks, die es in der Mecklenburgischen Seenplatte neben dem Müritz-Nationalpark gibt.

Viel ist nicht los in Posts schwarzer Box. Kein Wunder. Es ist Tag, und es regnet - zwei Faktoren, die Fledermäuse in Tiefschlaf versetzen. Von den 17 Arten, die in Mecklenburg-Vorpommern heimisch sind, leben elf in der ehemaligen Bunkeranlage von Bossow, darunter die Mückenfledermaus, die Naturparkleiter Ralf Koch aus einem Fledermauskasten pflückt. "Sie ist das kleinste Säugetier Deutschlands", sagt er. 

Psst, leise: In den Bunkeranlagen in Bossow wird bald Winterruhe gehalten.
Psst, leise: In den Bunkeranlagen in Bossow wird bald Winterruhe gehalten. © Susanne Plecher

Der Winzling in seiner Hand wiegt gerade mal fünf Gramm und blinzelt verschlafen in den trüben Tag, die Augen kleiner als Stecknadelköpfe. Ralf Koch und sein Wissenschaftlerteam haben sich zwölf interaktive Stationen ausgedacht, an denen Besucher herausfinden können, wie sich so ein Dasein als Fledermaus anfühlt. Der knapp 1,5 Kilometer lange Lehrpfad führt auch durch einen der acht Bunker, in dem die Tiere überwintern. An der Decke und den Wänden haben Koch und Post dafür Ziegel und Gasbetonbausteine mit unterschiedlichen Öffnungen angebracht. 

So finden auch das Große Mausohr und der Große Abendsegler, mit je rund 40 Zentimeter Spannweite die "fliegenden Riesen" unter den heimischen Fledermausarten, einen Überwinterungsplatz. Schlechtwettertouristen bietet der Bunker nicht nur eine kurze Auszeit vom Regen. Sie können sich im völlig verdunkelten Raum auch durch einen Parcours tasten. Orientierung bieten lediglich kurze Lichtsignale. "Sie dauern genauso lange wie der Ruf der Fledermäuse. Sie sehen mit den Ohren", sagt Post.

Bat-Corder: Mit dem Gerät macht Ökologe Martin Post Ultraschalltöne hörbar.
Bat-Corder: Mit dem Gerät macht Ökologe Martin Post Ultraschalltöne hörbar. © Susanne Plecher

Am Malchiner See hat das Wetter auch kein Einsehen. Katrin Hackbarth zurrt den Reißverschluss ihrer Gore-Tex-Jacke bis unters Kinn. "Das ist wirklich Pech. Statistisch gesehen hat Mecklenburg die meisten Sonnenstunden pro Jahr in Deutschland", sagt sie. Katrin arbeitet beim Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern. Sie wird dafür bezahlt, solche Sätze zu sagen. Reiseleiter Stephan Kinkele bleibt gelassen. "Solange es nicht schüttet", sagt er und setzt unverdrossen den Fußmarsch am Ufer des Sees fort. Stephan bringt Wikinger-Wandergruppen bei, wie das funktioniert mit dem achtsamen Wandern. Bäume umarmen oder Yoga am Seeufer, wie es andere Vertreter des neuen Trends praktizieren, stehen nicht auf seinem Plan. Stattdessen bittet er einfach nur darum, die nächste halbe Stunde schweigend zu gehen.

Die Gespräche verebben, es herrscht Stille. Die Gedanken driften ab: zur Arbeit, der Familie, der Reisegruppe, dem leisen Klack-klack der Tropfen auf der Kapuze. Eine Krähe ruft. Auf einer Weide liegen Kühe und käuen wieder. Daneben stehen Riesenschirmpilze, deren Hutdurchmesser jeder Beschreibung spotten. Hier wachsen Regenschirme auf der Wiese! Pfaffenhütchen prahlen mit pinken Früchten. Graugänse fliegen im Keil. Ein Seidenreiher steht reglos und schaut zum See. Wenn Achtsamkeitswandern bedeutet, die Natur genauer wahrzunehmen, dann hat das schon mal geklappt. Funktioniert bei Regen fantastisch. Man ist einfach nicht abgelenkt von Sonnenstrahlen und bunten Faltern.

Von Mai bis Oktober ist auch in der Mecklenburgischen Seenplatte Wandersaison. Sie bietet viele unbefestigte und naturnahe Wege, die sich an Flüssen, Seen, Teichen, Wiesen und Wäldern vorbeischlängeln. Wer sie im Herbst geht, kann beeindruckende Naturschauspiele beobachten. Graugänse, Bläss- und Saatgänse machen hier Rast bis in den November hinein. Ein unscheinbarer Vogel hat sich auf einen Weidezaun gesetzt, eine Goldammer. "Sie lässt sich leicht an ihrem Gesang erkennen: Ich hab dich so liiiieb, ich hab dich so liiiieb", unterbricht Stephan die Redepause und greift nach seinem Fernglas. Er fixiert einen Punkt. Ein Seeadler schraubt sich ins Grau. Reiseleiterglück. "Puh, Soll erfüllt", sagt er lachend. 

Zwar jagen die Seeadler besonders im Winterhalbjahr am Malchiner See. Ob sich aber einer blicken lässt, wenn man auf ihn wartet, ist eine ganz andere Frage. Die Fischadler, die es hier auch gibt, sind schon in den Süden gezogen. Nur ihre leeren Horste lassen sich in manchen Baumkronen entdecken. Mecklenburg ist was für Ruhesuchende. Oder Einzelgänger. In drei Stunden Wanderung begegnen uns vier Menschen. "Da war heute richtig viel los", sagt Stephan. "Wer hier lebt, tut das gerne. Alle anderen sind weg. Das ist das Schöne an der Region." Vor 13 Jahren ist er von Griechenland an den Tiefwarensee gezogen. 20 Jahre hat er im Land der Sonne gelebt. Es war Zeit für die Rückkehr, sagt er.

Fernglas dabei: Auf der überdachten Aussichtsplattform am Rederangsee lässt sich auch unter Wolkenbergen auf die Kraniche warten. Sie übernachten in den Uferbereichen.
Fernglas dabei: Auf der überdachten Aussichtsplattform am Rederangsee lässt sich auch unter Wolkenbergen auf die Kraniche warten. Sie übernachten in den Uferbereichen. © Susanne Plecher

Im Müritz-Nationalpark gibt es über 100 Seen, die größer als ein Hektar sind. Moore, weite Kiefernwälder und alte Buchenbestände bieten vielen Pflanzen und Tieren ideale Lebensbedingungen. Hier lassen sich Fischotter, Bachforellen, Eisvögel beobachten. 32.200 Hektar stehen unter Schutz - so viel wie in keinem anderen Bundesland. Dass es so ist, ist dem Nationalparkprogramm zu danken. 

In der letzten Sitzung des Ministerrats der DDR am 12. September 1990, quasi auf den letzten Drücker, sind darin sechs Biosphärenreservate, fünf Nationalparks und drei Naturparks nach DDR-Recht gesichert worden. "Ein solches Gebiet unter Schutz zu stellen, wäre heute nicht mehr möglich", sagt Ranger Uwe Lemke. Er hat Stephans Wandergruppe in Federow vom Bus abgeholt und ein besonderes Ziel im Sinn: Eine grob gezimmerte Aussichtsplattform am Rederangsee. Er nimmt uns mit zur Kranichtour. "Es ist ein grandioses Schauspiel, wenn sie in losen Ketten zu ihren Übernachtungsplätzen ziehen", sagt er. 150.000 Kraniche sollen in Mecklenburg Rast machen. Sie füllen ihre Kraftreserven mit dem Mais auf, den die Bauern auf abgeernteten Feldern extra für sie ausstreuen. 

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In der Dämmerung beziehen sie ihre Schlafplätze in den Uferzonen der Seen. "Sie schlafen im Stehen, die Füße im Wasser. Nur so fühlen sie sich vor Raubtieren sicher", erklärt Lemke. Bevor es zur Beobachtungsplattform geht, machen wir noch schnell einen Schlenker zu einer weiten Lichtung. Schon aus der Ferne sind Grunz- und Stöhnlaute zu hören: Brunftrufe des Rotwildes. Ein Rudel äst am Waldrand, acht Kühe, ein Hirsch sind durchs Fernglas zu erkennen.

In der Plattform herrscht absolutes Redeverbot. Wer es bricht, riskiert böse Blicke. Hobbyornithologen finden sich schon Stunden vor Einbruch der Dämmerung ein, um die besten Plätze zu ergattern. Aus zehn Minuten werden 20. Der Wind schiebt Regenwolken über den Himmel. Ein Reh läuft langsam am Aussichtspunkt vorbei. Eine Fledermaus dreht gerade noch rechtzeitig ab - sie ist zu groß für Ralf Kochs Winzling. Dann sind die Kraniche nicht mehr zu überhören. Laut trompetend fliegen sie über den See. Ihre Luftröhre ist bis zu 1,30 Meter lang und durchzieht die Brust wie eine Doppelschlinge. "Deshalb kriegen die das Tröten so gut hin", erklärt Uwe Lemke.

In der Nacht stürmt es, Starkregen weicht den Waldboden auf. Am Morgen schüttet es immer noch. Stephan muss die Radtour von Waren an der Müritz nach Röbel streichen und zaubert ein anderes Ass aus dem Ärmel: Im Land der 1.000 Seen gibt es 2.000 Guts- und Herrenhäuser. 300 warten auf Besucher. Schloss Kummerow etwa lockt mit einer fotografischen Sammlung. Aktuell zu sehen: Unter anderem analoge Fotografien von Andreas Mühe mit Schauspielerschwester Anna. Ein besseres Regenprogramm lässt sich kaum denken.

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