merken
PLUS

US-Amerikaner kommen auf den Geschmack

Natürlich kann man sich in den Staaten von Junkfood ernähren. Der Trend geht aber eindeutig in Richtung Feinkost.

Von Jens Schmitz

Amerika, du hast es besser“, seufzte Johann Wolfgang von Goethe beim Gedanken an die Neue Welt. Das war ein mutiges Urteil, denn natürlich haben auch Amerikaner Probleme: „Ich habe es wieder und wieder probiert“, entschuldigte sich neulich ein Kollege, mit dem ich Burger essen war. „Aber ich mag einfach keinen Brie!“ Es war ihm sehr peinlich, seine Bulette ohne französischen Belag zu ordern: „Ich bin sonst wirklich ein Foodie!“

Anzeige
Laden Sie Ihre Akkus auf
Laden Sie Ihre Akkus auf

...und lassen Sie sich elektrisieren.

© kairospress
Was ist nur aus dem guten alten Burger geworden? Immer häufiger wird er in edlen Varianten serviert – wie hier in San Diego mit Krokodil, Känguru, Strauß, Antilope und Reh.Foto: dpa
Was ist nur aus dem guten alten Burger geworden? Immer häufiger wird er in edlen Varianten serviert – wie hier in San Diego mit Krokodil, Känguru, Strauß, Antilope und Reh.Foto: dpa © picture alliance / dpa

Das Wort Foodie ist ein klares Zeichen dafür, dass sich Amerika seit Goethes Zeiten verändert hat. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen man seinen Pemmikan wochenlang unterm Sattel genießbar reiten musste. Was der Rest der Welt über amerikanische Essgewohnheiten zu wissen glaubt, ist zwar wahr: Man kann sich in den USA von aufgeblasenem Fett ernähren, Zuckerwasser trinken und einem verfrühten Tod entgegenquellen. Kaum bekannt ist der hiesige Feinkostboom: Der Foodie ist der Qualitätsjunkie unter den Gourmets und stolz darauf. Er fürchtet höchstens, dass ihm eine erklärte Delikatesse nicht schmecken könnte. Brie zum Beispiel.

Die USA waren schon immer ein Land, in dem man gut essen konnte – in kaum einer Nation sind so viele Kulturen vertreten. Neu ist die Breite, in der Qualität heute nachgefragt wird. Das beste Beispiel dafür ist der Erfolg der Supermarktkette Whole Foods. Mit mehr als 350 Filialen hat der Gourmettempel im vergangenen Jahrzehnt die Anzahl seiner Niederlassungen verdreifacht – und das mit einer Philosophie, die auf Nachhaltigkeit und Tierschutz setzt. Der Foodie erkauft sein gutes Gewissen nicht per Verzicht, sondern mit Geld. Dafür bekommt er großartige Brote, Birnen-Cidre, Biofleisch, Fisch, frisch gefüllte Schnecken. Es gibt Büffets und Kochkurse, Ernährungsberater und Weinproben. Und einen Kühlbottich, der die Bouteille der Wahl in sieben Minuten herunterfrostet.

Heute führen die großen Zeitungen Rezept- und Weinbeilagen, in denen Küchenpäpste über das Schicksal neuer Restaurants entscheiden. Die Washington Post („Food“) misst Dezibelwerte, die New York Times hat den Titel ihrer „Dining“- Beilage unlängst dem Tatar gewidmet – vor zehn Jahren war rohes Fleisch noch eine Absonderlichkeit für eine suspekte Elite.

Längst gibt es nicht mehr nur in Kalifornien namhafte Weingüter, auch die ersten Rotweine aus Virginia haben die 100-Dollar-Schallmauer durchbrochen. Heute sind nur noch wenige europäische Lebensmittel konkurrenzlos – Büffelmozzarella beispielsweise. Die weißen Kugeln kosten zehn Dollar pro Stück. Kein Wunder, dass die Gastrobranche geschlossen nach Kalifornien schaut, wo ein Silicon-Valley-Aussteiger seit Jahren versucht, seine eigene Produktion aufzuziehen. Leider geben nicht alle Wasserbüffel gleich gut Milch.

Die Jahre, in denen Amerikaner „Cheese“ nur vom Fotografieren kannten, liegen jedenfalls hinter ihnen. Ich persönlich kann auch mal Brie essen. Mein Kollege wählte lieber Gorgonzola. Unsere Burgerbude stand an einer Baustelle zwischen Schwarzen- und Latinogegend. Sie war nicht besonders teuer, bot nur fünf, sechs Spezialitäten. Notfalls hätte es noch Trüffelöl-Klops gegeben. Wenn ich Zeit habe, muss ich mal wieder Goethe lesen.