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"Jede Partei, nur nicht die AfD"

Wegen der Kandidatur für die AfD musste Uwe Vetterlein als Sachsens Handball-Präsident zurücktreten. Jetzt spricht er darüber.

Letzte Amtshandlung: Uwe Vetterlein (links) bei der Siegerehrung des Sachsenpokalfinales Anfang Mai. Inzwischen musste er mehr oder weniger freiwillig als Präsident des sächsischen Handball-Verbandes zurücktreten.
Letzte Amtshandlung: Uwe Vetterlein (links) bei der Siegerehrung des Sachsenpokalfinales Anfang Mai. Inzwischen musste er mehr oder weniger freiwillig als Präsident des sächsischen Handball-Verbandes zurücktreten. © Dirk Westphal

Es sind die Tage der Entscheidungen, vor allem auch im Handball. Auf- und Absteiger werden ermittelt, Spielertransfer abgewickelt, und die Verbandsspitzen müssen sich ebenfalls neu sortieren nach dem überraschenden wie zwangsläufigen Rücktritt von Uwe Vetterlein als Präsident des sächsischen Verbandes sowie als Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes.

Auslöser dafür: Vetterleins Kandidatur für die AfD bei der Kommunalwahl in Dresden am vergangenen Sonntag. In einem offenen Brief hatte der Spielbezirk Leipzig dem Dresdner daraufhin die Zusammenarbeit aufgekündigt – was deutschlandweit für Schlagzeilen sorgte.

Im exklusiven Interview mit der Sächsischen Zeitung spricht Vetterlein nun erstmals über schlaflose Nächte, das unerwartete Ende nach zwölf Jahren als sächsischer Handball-Chef und seine Beweggründe, sich für die AfD zu engagieren. Und er hat eine Empfehlung, wie man mit der Partei umgehen sollte.

Herr Vetterlein, wie haben Sie die vergangenen Tage erlebt?

Schlaflose Nächte, viele Diskussionen und lange Telefongespräche – das war und ist für mich keine schöne Zeit. An dieser Stelle geht es mir auch immer noch nicht gut. Handball war und ist mein Leben, und ich hätte mich liebend gern weiter engagiert. Aber das ist nicht mehr gewollt.

Das heißt, man hat Ihnen die Rücktritte von Ihren Ehrenämtern im sächsischen und deutschen Handballverband nahegelegt?

Um es klar zu sagen: Nur wegen des Schreibens oder meiner Kandidatur für die AfD wäre ich nicht zurückgetreten. Aber wenn das Präsidium mir das Vertrauen entzieht und nicht mehr bereit ist, mit mir fachgerecht zusammenzuarbeiten, gibt es keine Basis mehr. Man hat mir eindeutig erklärt, ich hätte für jede Partei kandidieren können, das hätte man toleriert – aber nicht die AfD. Ähnlich verlief es in den Gesprächen mit dem Deutschen Handball-Bund. Ich habe um eine Meinung gebeten, ob man mit mir weiterarbeiten kann und will. Die Empfehlung war, dass es besser wäre, zurückzutreten.

Sind Sie enttäuscht?

Das trifft es – weil ich nicht weiß, wie ich die Reaktionen einordnen soll. Zumal mir alle versichert haben, mit mir persönlich und meiner Arbeit im Verband überhaupt keine Probleme zu haben. Wie gesagt, der Handball ist meine Welt. Da hätte ich gerne weiter etwas bewegt so wie in den 26 Jahren zuvor im Präsidium des sächsischen Verbandes. Das war eine gute Zeit. Ich möchte deshalb auch überhaupt keine schmutzige Wäsche waschen oder nachtreten. Ich muss das akzeptieren, was mir sehr schwerfällt. Ich bin traurig, dass es so zu Ende gegangen ist.

Wie waren die Reaktionen in Ihrem sportlichen wie privatem Umfeld?

Ich habe positive und negative Rückmeldungen erhalten, aus Sachsen vermehrt positive.

Wie sind Sie zur AfD gekommen?

Der Ausgangspunkt war das Kommunalwahlprogramm der Partei, in das ich die Ideen des Sports hineindiktiert habe. Daraus hat sich dann die Frage ergeben, ob ich nicht auch für die AfD kandidieren möchte. Für mich war klar: Wenn ich sage, was man machen sollte, bin ich auch bereit, das mit umzusetzen. Dass diese Entscheidung in meinem Verband solche Wellen schlägt, habe ich unterschätzt. Das war aus meiner Sicht nicht abzusehen, weil ich vier Tage vor meinem Rücktritt auf dem Verbandstag noch mit 80 Prozent der Stimmen wiedergewählt worden bin – obwohl bekannt war, dass ich kandidiere.

Uwe Vetterlein zieht für die AfD
Uwe Vetterlein zieht für die AfD © privat

Sie wurden also vom Misstrauensvotum in Form des offenen Briefes überrascht?

Die Leipziger Delegierten hatten mir im Anschluss des Verbandstages gesagt, dass wir mal reden müssten – für mich selbstverständlich, kein Problem, machen wir einen Termin. Und damit war das Thema für mich mehr oder weniger vom Tisch. Dass zwei Tage später dann dieses Brandschreiben kommt, hat keiner geahnt. Ich weiß auch nicht, wer da wirklich dahintersteckt. 

Die endgültigen Ergebnisse der Stadtratswahl in Dresden werden erst am 11. Juni bekanntgegeben. Wissen Sie schon, ob Sie es geschafft haben?

Das ist der einzig positive Effekt für mich, so komisch das klingt: Ich habe in meinem Wahlkreis über 8.000 Stimmen erhalten, nur ein Kandidat hat mehr. Das ist für mich die Bestätigung, dass ich nicht alles falsch gemacht haben kann. So wie es momentan aussieht, bin ich damit sicher im Stadtrat – und werde mich dort für die Belange des Sports einsetzen, für Freizeit und Bildung. Das sind weiter meine Themen – unabhängig von ideologischen Beeinflussungen.

Welchen Umgang mit der AfD empfehlen Sie dem Sport?

Einen toleranten und sach- bzw. fachbezogenen. In allen Sportverbänden und -vereinen sind viele Mitglieder aller Parteien engagiert, auch in Führungspositionen. Ich habe den Eindruck, dass es ausschließlich gegen die AfD geht. Und das widerspricht mittlerweile auch den Wahlergebnissen.

Können Sie die Gegenposition, also die Reaktionen der Verbandsspitze, trotzdem verstehen?

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Nein, das kann ich nicht. Ich hätte mir schon eine gewisse Toleranz gewünscht. Man spricht immer davon, dass der Sport bunt sei, aber warum soll da die Farbe „Blau“ nicht mit dazugehören ? Die AfD ist eine zugelassene, verfassungsgemäße Partei. Dass dies dem ein oder anderen Schwierigkeiten bereitet, ist mir bewusst. Doch ich habe in den vielen Jahren die politische Neutralität des Handball-Verbandes mehr als gewahrt – und hätte dies auch weiterhin getan.

Das Interview führte Tino Meyer.

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