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Väter nehmen weniger Elternzeit

Im Landkreis Bautzen bleiben Mütter nach der Geburt deutlich länger zu Hause als Väter. Das hat finanzielle Gründe - aber nicht nur.

Nico Luther aus Großnaundorf geht ab Dezember mit seinem Sohn lediglich für zwei Monate in Elternzeit, obwohl er das gern länger tun würde.
Nico Luther aus Großnaundorf geht ab Dezember mit seinem Sohn lediglich für zwei Monate in Elternzeit, obwohl er das gern länger tun würde. © Matthias Schuhmann

Bautzen. Es ist vielleicht Nico Luthers letzte Chance. Bei seinem dritten Kind nimmt er erstmals Elternzeit. Anfang Dezember wird sein jüngster Sohn ein Jahr alt, und damit beginnen für den Großnaundorfer zwei Monate mit einem ganz neuen Alltag. Nico Luther wird seinen Sohn zum Beispiel bei der Eingewöhnung in die Kinderkrippe begleiten. „Ich will einfach mal erleben, wie er dort ankommt und ja, auch mal nicht an die Arbeit denken.“ Bei seinem ersten Sohn hatte er aus Rücksicht auf seinen damaligen Arbeitgeber keine Elternzeit genommen. „Es wäre eine Mehrbelastung für meine Kollegen gewesen.“ Bei seinem zweiten Sohn hatte Nico Luther darüber nachgedacht, Elternzeit zu nehmen. Letztlich ist er dann auf ein Angebot seines Chefs eingegangen, einen Monat lang ausschließlich im Homeoffice zu arbeiten.

Warum Nico Luther nicht schon früher und vor allem nicht länger Elternzeit genommen hat, liegt vor allem am Geld. „Ich bin ein finanziell denkender Mensch und in der Rolle des Ernährers.“ Er arbeitet Vollzeit als Lohnbuchhalter beim Bischofswerdaer Textilhändler PTH group, der 120 Markengeschäfte in Deutschland und Tschechien betreibt. Seine Frau hat eine 20-Stunden-Stelle. 

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In den Jahren 2016, 2017 und 2018 haben Väter laut Statistischem Bundesamt im Landkreis Bautzen jeweils zweieinhalb Monate Basis-Elterngeld bezogen. Bei den Müttern waren es im Schnitt rund zwölf Monate. Beantragen Mutter und Vater diese Form des Elterngeldes, wird ihnen diese Leistung 14 Monate lang gezahlt. Meist sind sie währenddessen zu Hause und haben keine Einnahmen aus einer Beschäftigung. Wie die Eltern diese Monate untereinander aufteilen, ist egal. Dass Väter nach wie vor deutlich weniger Elternzeit nehmen als Mütter, überrascht Volker Baisch nicht. Für den Gründer der Väter gGmbH liegt das an Gehältern. „Väter verdienen im Schnitt ein Fünftel mehr als Mütter und sind in 77 Prozent der Fälle die Ernährer der Familie.“

"Elterngeld müsste erhöht werden“

Sein Unternehmen berät und unterstützt Väter sowie Firmen beim Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Damit mehr Väter Elternzeit nehmen, müsste seiner Ansicht nach das Elterngeld steigen. Derzeit beträgt es rund zwei Drittel des Nettoeinkommens vor der Geburt des Kindes. „Auf diesem Stand sind wir seit 13 Jahren. Das müsste erhöht werden“, sagt Baisch. In Dänemark etwa bekommen Eltern 100 Prozent ihres vorherigen Einkommens, in Norwegen seien es 80 oder 90 Prozent und in diesen Ländern würden auch mehr Väter Elternzeit nehmen. Eine Vorstellung, die Nico Luther gefällt. „Gäbe es mehr Elterngeld, würde ich auch länger zu Hause bleiben.“

Das liege nicht nur am Geld, erklärt Volker Baisch. Für die meisten Arbeitgeber seien zwei Vätermonate Elternzeit kein Problem. Gerade in mittelständischen Unternehmen gebe es aber Vorbehalte, und Elternzeit für Väter sei noch nicht so verbreitet, obwohl es sogar Möglichkeiten gibt, in Teilzeit zu arbeiten und Elterngeld zu bekommen. Das kann Yvonne Richter, Abteilungsleiterin Personal und Service bei der PTH group sowie Nico Luthers Vorgesetzte, nur bedingt bestätigen.

 „Wir haben viele Eltern in unserem Unternehmen und stehen der Elternzeit offen gegenüber.“ Problematisch sei es immer dann, wenn es sich um kurze Zeiträume handele. „Für zwei Monate lohnt es sich nicht, für Ersatz zu sorgen. Das muss die jeweilige Abteilung abfangen.“ Da Männer oft in Vollzeit arbeiten, würde es aus ihrer Sicht Sinn machen, ab einer Zeit von fünf Monaten Ersatz zu suchen. Und für jede Firma sei eine Elternzeit auch ein großer Aufwand in der Abrechnung.

„Wichtig für die Vater-Kind-Beziehung“

Wilfried Rosenberg, Leiter der Bautzener Geschäftsstelle des Bundesverbandes mittelständischer Wirtschaft, plädiert dafür, gerade längere Elternzeiten im Voraus zu planen. „Kurze Etappen kann man leichter überbrücken. Und je kleiner ein Unternehmen ist, desto schwieriger wird es.“ Man müsse immer berücksichtigen, wie viel personellen Spielraum eine Firma habe, und manche Unternehmen würden sich in dieser Hinsicht vielleicht noch zu wenig trauen.

Silvio Lang hatte sich getraut. Der Wahlkreismitarbeiter der Bautzener Bundestagsabgeordneten Caren Lay (Die Linke) ist an diesem Montag aus seiner zweimonatigen Elternzeit zurückgekommen. „Ich wäre gern länger geblieben, aber es ist allein eine finanzielle Frage.“ Seine Frau habe vor der Schwangerschaft Vollzeit gearbeitet und sei jetzt in Teilzeit (75 Prozent) beschäftigt. Ihm selbst fehlten während der Elternzeit monatlich 900 Euro netto. Dafür sei die Elternzeit für ihn eine „unheimlich wertvolle“ Erfahrung gewesen. Seine Frau war die ersten zwölf Monate nach der Geburt zu Hause, er die beiden folgenden. Es sei „wichtig für die Vater-Kind-Beziehung“ und um nachzuvollziehen, „was meine Frau geleistet hat“ im ersten Jahr.

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