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Valentin und Sienna – geboren in der guten Stube

Familie Hoch aus Kamenz macht sich für freie Hebammen stark. Sie lobt die Vorzüge einer Hausgeburt.

Von Ina Förster

Ohne freie Hebammen geht es überhaupt nicht. Was bliebe uns Frauen für eine Wahl? Die der Hausgeburt jedenfalls nicht mehr.“ Mareen Hoch sagt das eindringlich. Und schaut nachdenklich in die Ferne. Die brandaktuellen Probleme dieses Berufsstandes beschäftigen die 38-Jährige stark. Ein ganzer Berufsstand ist vom Aussterben bedroht, weil die Versicherung ab 2015 keine Haftpflicht-Policen anbieten will. Grund, den Mund aufzutun, findet sie.

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Die Kamenzerin selbst ist keine Geburtshelferin. Aber sie hat mithilfe solcher Frauen zwei ihrer drei Kinder auf die Welt gebracht. Daheim. Im Wohnzimmer, das ihr Mann am Tag der Entbindungen von Sienna (8) und Valentin (5) auf herrliche 35 Grad geheizt hatte. Mit den beiden Kachelöfen nämlich, die in der alten Villa stehen. Hier hat Mareen ihre Babys geboren. In aller Ruhe. Auf weichen Decken gebettet, mit Kissen abgestützt, etwas Musik lief im Hintergrund. Sie ist in den letzten Stunden vor der Geburt umhergewandert, hat sich zwischendurch in die Badewanne gelegt, alle möglichen Positionen ausprobiert, Luft im idyllischen Hinterhof geschnappt. Ihr Mann Thomas hat derweil Kuchen vom Bäcker geholt und gemeinsam haben sie mit der Hebamme am Tisch gesessen und gelacht. So gut es zwischen den Wehen eben ging. „Wir haben uns bewusst für die Hausgeburt entschieden. Weil sie einfach zu uns passt, zu unserer Betrachtung der Dinge. Zu Ganzheitlichkeit und althergebrachten Dingen“, sagt die Mutter dreier Kinder selbstbewusst.

Ihr ältester Sohn Demian ist heute elf. Er kam 2002 im Kamenzer Krankenhaus zur Welt. Die Erinnerungen daran sind nicht verblasst. Auch oder weil es nicht unbedingt die schönsten waren. „Uns geht es hier aber nicht darum zu sagen, was besser oder schlechter ist. Es geht darum, dafür zu kämpfen, dass Eltern eine Wahl haben sollten“, meint die 38-Jährige. „Die Geburt wird heute leider oft als etwas Krankhaftes dargestellt. Man muss zur Entbindung in ein Krankenhaus, soll hundertprozentig überwacht werden. Schon die Schwangerschaft ist von viel medizintechnischem Gerät geprägt. Ultraschall, CTG-Wehenschreiber – das alles wollten wir von Anfang an nicht. Aber das ist unsere Einstellung, so muss ja nicht jeder denken“, sagt Mareen Hoch. Auch die Zeit kurz danach, die vielen kliniktechnischen Abläufe im Krankenhaus, das alles passte nicht in das Weltbild der Hochs. Sie wollten es anders machen. Ahnten, dass das möglich sei. Nach der ersten Geburt war für sie schnell klar – das nächste Kind wird zu Hause kommen. „Es war relativ schwer, vor Ort Informationen zu bekommen. Bei Familie Hechtberger aus Kamenz trafen wir aber auf offene Ohren und Herzen. Auch sie haben beide Kinder daheim geboren. Da erfuhren wir alles aus erster Hand sozusagen.“

2005 kündigte sich dann schon Töchterchen Sienna an. Valentin folgte 2009. „Wir hatten unterdessen das Geburtshaus Dresden-Strießen für uns gefunden. Und bereiteten uns ganz bewusst auf eine Hausgeburt vor“, so die Dreifach-Mama. Das bedeutete altmodisches Hörrohr statt modernem Ultraschallgerät. Einfaches Blutdruckmessgerät, Omas Hausmittelchen gegen Sodbrennen, Schlaflosigkeit oder Krampfadern statt Arzneimittel. Und vor allem: ganz viel Nähe und Zeit miteinander. So schafft man Vertrauen. „Eine freie Hebamme untersucht die Frau lange und liebevoll. Sie kann Größe und Gewicht des Babys im wahrsten Sinn des Wortes erfassen.“ Das Beste: Nur eine Person begleitet die Schwangere durch die Zeit. Da gibt es keine Schichtablösung unter der Geburt.

Für die meisten Frauen ist trotzdem klar: Sicherheit geht vor – das Baby kommt im Krankenhaus zur Welt. „Aber ich habe mich nirgendwo sicherer gefühlt, als bei meinen beiden Hebammen Larissa Schlenker und Yvette Uhlmann aus dem Geburtshaus. Sie haben von Anfang an klargestellt, dass, wenn es brenzlig werden sollte, sie sofort den Notarzt rufen und mich auf Wunsch ins Krankenhaus begleiten würden.“ Freie Hebammen sind also keine „Auf-Teufel-komm-raus-Entbinder“. Sie haben auch keine Berührungsängste zu Kliniken und Ärzten. Sie tun das, was Frauen seit Jahrhunderten tun – anderen bei der Geburt ihrer Kinder helfen. „Das gehört einfach zu unserem Leben, das darf nicht verschwinden“, appelliert Mareen Hoch an den Staat. Doch der windet sich derzeit stark und verweigert bislang Hilfe.