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Vater beschließt zu sterben

Vor über einem Jahr nahm sich der Dresdner Georg Richter zusammen mit seiner Frau das Leben. Noch heute fragt sich seine Tochter, warum sie nichts von den Plänen geahnt hat – und bewundert die beiden zugleich für ihren Mut.

© Sven Ellger

Von Anna Hoben

Am 11. November 2014 setzt sich Georg Richter* mit seiner Frau Elisabeth auf die Couch im Wohnzimmer ihrer Dresdner Plattenbauwohnung. Sie trinken die Gläser aus, die sie vorbereitet haben. Tags darauf brechen zwei Polizistinnen die Wohnungstür auf, weil Richter sich nicht wie vereinbart bei Freunden gemeldet hat. Die Polizistinnen sagen später, dass die beiden einander an den Händen hielten und ganz friedlich aussahen. Georg und Elisabeth Richter wollten sich nicht vom Tod scheiden lassen, also gingen sie gemeinsam hinein. Er wurde 85 Jahre alt, sie 86.

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Der 12. November ist für Maria Klein ein stressiger Tag. Die Dresdnerin ist im Außendienst tätig, gerade in Berlin, abends soll noch ein Angebot rausgehen. Sie hetzt über den Kudamm als ihr Mann anruft. „Bist du schon im Hotel?“ Nein? Dann rufe er später wieder an. „Etwas Schlimmes ist passiert“, hört Klein, als sie schließlich auf dem Hotelbett sitzt. „Der Vati und die Elisabeth haben sich das Leben genommen.“

Klein ist heute 59 Jahre alt, eine energische Frau mit mädchenhaftem Pony und einem breiten Lächeln, das auch dann nie ganz verschwindet, wenn sie von den traurigsten Dingen erzählt. Als sie die Nachricht vom Tod ihres Vaters und der Stiefmutter hört, fühlt sie sich, als würde sie ins Bodenlose fallen. Sie kann nicht weinen. Sie schläft nicht in dieser Nacht. Das Entsetzen, die Emotion, „das kam alles am nächsten Morgen“.

Ein Jahr zuvor hat sie mit ihrem Vater darüber gesprochen, was sein würde, wenn sich der Gesundheitszustand von ihm und seiner Frau drastisch verschlechtern würde. Er hat Prostata-Krebs. Ein Lendenwirbelbruch kann wegen Osteoporose nicht operiert werden. Dazu kommt eine Parkinson-Erkrankung, die seit Jahren mit Medikamenten behandelt wird. Seine Frau Elisabeth ist plötzlich häufig vergesslich. Beginnende Demenz. „Man müsste einfach etwas nehmen können“, sagte er damals, ein Jahr zuvor, „dann wäre es vorbei“. Wenn es wirklich so schlimm kommt, versicherte sie ihm, fänden sie schon eine Lösung. „Du musst nicht an Maschinen.“

Sie waren sich einig: Wenn ein selbstbestimmtes Leben nicht mehr möglich ist, dann hat der Mensch das Recht auf einen selbstbestimmten Tod. „Aber zu diesem Zeitpunkt“, sagt Klein, „habe ich überhaupt nicht damit gerechnet“. Es schien ihnen nicht schlecht zu gehen.

Drei Tage vor seinem Tod feiert ihr Vater seinen 85. Geburtstag. Er hat Familie und Freunde in eine Gastwirtschaft eingeladen. Rustikales Ambiente, an den Wänden hängen Gewehre. Auf den Fotos ist Richter, dunkelgrauer Anzug, rot-grau-gestreifte Krawatte, mit einem wachen, heiteren Lächeln zu sehen. Seine Frau Elisabeth trägt eine feine, eierschalenfarbene Bluse. Nach dem Essen geht Richter nach draußen, um mit seinen Freunden eine Zigarette zu rauchen. Er hat seit fünf Jahren nicht geraucht. Drinnen findet jeder Gast an seinem Platz eine CD vor. Erst ein Jahr nach dem Tod, an den Weihnachtstagen 2015, wird Maria Klein den Mut aufbringen, den Inhalt anzuschauen. Es sind die Memoiren ihres Vaters, ein Leben auf 100 Seiten.

Bei der Geburtstagsfeier bleibt viel Essen übrig. Maria Klein versucht ihren Vater zu überreden, die Reste mit nach Hause zu nehmen, er isst doch abends auch gern mal warm. „Ich brauche das nicht“, sagt er knapp. Blumensträuße hat er sich verbeten, stattdessen wirbt er um Spenden für die Stiftung Lichtblick der Sächsischen Zeitung. Zwei Blumensträuße bekommt er trotzdem. Einen will Maria Klein zum Grab ihres 2007 verstorbenen Sohnes bringen, den zweiten sollen Richter und seine Frau mitnehmen. Erst Tage später versteht sie, warum ihr Vater an dem Tag so barsch reagiert hat.

In Deutschland töten sich etwa 10 000 Menschen im Jahr. Die Zahl der Suizide ist damit mehr als doppelt so hoch wie die der Verkehrstoten. Knapp 40 Prozent der Selbstmörder sind älter als 60. Beinahe alle zwei Stunden, so die traurige Rechnung, nimmt sich ein älterer Mensch das Leben. Und trotzdem ist dieses Phänomen ein Tabu in unserer Gesellschaft.

Am Mittwoch, einen Tag nach dem Tod, liest Klein den Abschiedsbrief. „Dein Vater und Elisabeth haben nach gründlicher Überlegung den Entschluss gefasst, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Unsere Feier zu meinem 85. Geburtstag war die Abschiedsfeier für alle unsere Freunde. Unser beider Leben war ein erfülltes Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. In unserem Alter und bei unserem gesundheitlichen Zustand haben wir nichts mehr zu erwarten, was wir vermissen könnten.“

Dann spricht er ein heikles Thema an, über das er zuvor mit seiner Tochter gestritten hat. Er will nicht im Familiengrab auf dem Friedhof bestattet werden, wo schon sein Enkelsohn liegt. Stattdessen wünscht er sich ein anonymes Urnenbegräbnis auf einer nahe gelegenen Streuwiese. Schweren Herzens erfüllt Klein ihm disen Wunsch. Nur bei der Organisation der Trauerfeier setzt sie sich über den Willen ihres Vaters hinweg. Sie lädt seine engsten Freunde ein, obwohl er eigentlich gar keine Feier haben will. Sieben Menschen sind schließlich dabei.

Georg Richter, geboren am 8. November 1929 in Sebnitz. Sein Vater, ein Lehrer, wird von den Nazis aus dem Schuldienst entlassen. Später zieht die Familie nach Dresden. Nach Kriegsende beteiligt sich der junge Georg an der Trümmerbeseitigung. Er ist ein guter Schüler, beim Abitur hält er für seinen Jahrgang die Abschlussrede. Schon zuvor hat er begonnen, sich politisch zu engagieren, mit 16 ist er, auch unter dem Einfluss des Elternhauses, der SED beigetreten. Er macht in den 50er-Jahren schnell Karriere im Bezirk Dresden, wird Parteifunktionär, studiert nebenbei im Fernstudium Wirtschaft und wird im Jahr 1967 zum Doktor promoviert.

Das Private handelt er in seinen Memoiren eher knapp ab. „Im persönlichen Leben vollzog sich durch die Hochzeit 1953 eine Veränderung“, heißt es lapidar. 1956: Geburt der Tochter Maria. 1961 wird in Berlin die Mauer gebaut, in Dresden lässt sich Georg Richter von seiner ersten Frau scheiden. 1962 heiratet er Elisabeth. „Sie waren gut miteinander“, sagt Maria Klein. Die Tochter hat sich immer wieder gefragt: Was, wenn einer stirbt und einer bleibt? „Er hätte ihr total gefehlt.“ Richter schreibt in seinen Erinnerungen nüchtern: „Elisabeth blieb mir stets eine gute Ehefrau und Gefährtin, die viele Belastungen durch meine Tätigkeit ertrug und der ich zu tiefstem Dank verpflichtet blieb.“

1973 wechselt er ins SED-Zentralkomitee in Berlin, Abteilung Parteiinformation. „Lesen und Schreiben als Hilfsdenker“, so bezeichnet er seine Tätigkeit. Drei Jahre später steigt er als Mitarbeiter ins Politbüro auf. Er ist im Zentrum der Macht angekommen. Ein opportunistischer Sesselsitzer, sagt seine Tochter, sei er trotz allem nie geworden. „Er war aufmüpfig, hat immer versucht, den Politikern die Augen zu öffnen für die Wirklichkeit da draußen, für den Alltag der Menschen.“ Ein Freund äußert sich ähnlich. „Er war intelligenter als die meisten Menschen um ihn herum. Doch um in der ersten Reihe Karriere zu machen, dazu war er zu unbequem, zu stur.“ Am 8. November 1989 wird Georg Richter 60 Jahre alt, und das Politbüro der SED tritt geschlossen zurück. Ein brutaler Bruch in Richters Leben.

Mit seiner Frau zieht er zurück nach Dresden. Bis zu seiner Rente arbeitet der promovierte Ökonom von nun an als Verkäufer in einem Zeitungskiosk am Postplatz. Jeden Tag geht er zu Fuß zur Arbeit. Zu DDR-Zeiten waren sie in der Tschechoslowakei, machten Reisen nach Kuba, Mosambik und in den Kongo, teils beruflich, teils privat. Jetzt verreisen sie kaum noch. Einmal geht es zur Kur ins Erzgebirge.

Sie leben sparsam. Jeden Tag liest Richter die Zeitung und Nachrichten im Internet. Er interessiert sich für die Entwicklung seiner Stadt Dresden, nimmt an Debatten teil, beobachtet mit Wohlwollen das Zusammenwachsen von Ost und West und demonstriert am 13. Februar gegen die Vereinnahmung des Gedenkens an die Bombardierung durch Neonazis. Bis zuletzt bleibt er ein politischer Mensch. Seine Heimat, das sind jetzt die Sozialdemokraten. Die Lebenserinnerungen enden mit politischen Überlegungen. Gesellschaftlich verantwortungsvolles Denken ist ihm bis zum Schluss wichtig geblieben. Doch der Körper versagt zunehmend. Wenn sie rausgehen, stützen sich Georg und Elisabeth Richter auf Rollatoren. Das Mittagessen kommt auf Rädern. Ihre Wohnung ist die letzte auf der Tour, das Essen ist dann fast kalt.

Stur war er, ja. „Das habe ich von ihm“, sagt Maria Klein, „da prallten zwei Dickköpfe aufeinander.“ Wenn sie sich fetzten, Vater und Tochter, schaute ihr Mann amüsiert zu. Schlau war er, sehr belesen. „Mein persönliches Lexikon. Vor allem über Geschichte wusste er alles.“ Gerechtigkeitsliebend war er. Und penibel. Wenn jemand unpünktlich war, sagte er: „Du hast wohl keine Uhr.“ Bescheiden. „Er wollte selten etwas Neues, gab sich zufrieden mit dem, was er hatte.“

Nur in Sachen Technik war es ihm bis ins hohe Alter wichtig, auf dem neuesten Stand zu bleiben. Mit seiner Tochter schrieb er gern WhatsApp-Nachrichten hin und her. Am Tag seines Todes schickte sie ihm Bilder aus Berlin. Wenn jemand auf WhatsApp eine Nachricht gelesen hat, färben die zwei Häkchen dahinter sich blau. An jenem Tag taten sie das nicht. Maria Klein wunderte sich, aber sie dachte, es gebe bestimmt eine plausible Erklärung.

Seinen Tod plant Georg Richter genauso sorgfältig und akkurat, wie er die Dinge in seinem Leben angepackt hat. Er kündigt Versicherungen, sagt Arzttermine und Schmerztherapie ab. Mit dem Friedhof macht er einen Vertrag für die Urnenbestattung. Am Todestag lässt sich Elisabeth noch einmal die Haare richten. Sie bringt dem Friseur eine Schachtel Pralinen mit. „Unseren Abschied haben wir, soweit es ging, geordnet“, schreibt Richter in dem Brief, den er seiner Tochter hinterlässt. Das Nötige findest du in der Vorsorgemappe und weitere Unterlagen im Tresor meines Schreibschrankes.“

Als Maria Klein zwei Tage nach dem Tod das Arbeitszimmer ihres Vaters betritt, ist alles wie immer: penibel ordentlich. Die Tochter kommt nicht viel zum Nachdenken in diesen ersten Tagen. Sie wühlt sich durch Dokumente, regelt Formalitäten, organisiert die Bestattung. Sie funktioniert. Beim Aufräumen findet sie ganz unten im Kleiderschrank einen Ring, den Elisabeth ein paar Wochen zuvor verloren hat. Georg hatte ihn ihr einst geschenkt. Heute trägt die Tochter den Ring. „Ich wünschte, ich könnte ihm das sagen.“ Das erste Weihnachten ohne den Vater ist schlimm. Im Januar jährt sich auch noch der Todestag ihres Sohnes zum achten Mal. Der Januar ist immer eine dunkle Zeit.

Freunde, Bekannte, Nachbarn reagieren fassungslos auf die Nachricht vom Suizid. In Maria Klein aber reift mit der Zeit Verständnis. „Ich bin ihnen überhaupt nicht böse“, sagt sie heute. „Sie haben alles mit sich selbst ausgemacht. Das ist eine starke Entscheidung. Ich wäre nicht so stark.“ Die Sterbehilfe-Debatte im Bundestag im November 2015 verfolgt sie mit Spannung. Bislang agierten Sterbehilfevereine in einer rechtlichen Grauzone.

Nun entscheiden die Parlamentarier: Geschäftsmäßige Sterbehilfe soll in Deutschland künftig verboten sein. „Ich finde es nicht richtig, dass Ärzte belangt werden können“, sagt Maria Klein. Wer nicht mehr leben will, weil er schwer krank ist und leidet, sollte für seinen Wunsch Hilfe in Anspruch nehmen dürfen, findet sie.

Eine Frage aber stellt sie sich immer wieder: „Wieso musste es zu dem Zeitpunkt sein? Es ging ihnen doch eigentlich gerade wieder besser. Hätten sie nicht noch ein bisschen bleiben können?“ Sie vermisst ihren Vater ständig. Sie denkt an ihn, wenn sie den Ring an ihrem Finger sieht. Wenn ihr Mann an seinem neuen Smartphone herumhantiert. Es ist das Handy ihres Vaters, nur mit einer neuen Nummer. Sie denkt an ihn, wenn sie die Lederjacken der beiden sieht, die sie aufgehoben hat. „Ich kann sie nicht tragen, aber ich kann sie auch nicht wegtun.“ Der Rest des Lebens von Georg und Elisabeth Richter steht in Kisten verpackt im alten Kinderzimmer in ihrer Wohnung und in der Garage.

Am Sonntag, dem Tag nach seiner Geburtstagsfeier, zwei Tage vor seinem Tod, telefonierte sie zum letzten Mal mit ihm. Normalerweise führte er ungern lange Telefonate; dieses Mal wollte er gar nicht aufhören zu erzählen. Sie redeten und redeten, über Fußball, er war Fan von Borussia Dortmund und Dynamo Dresden, und über ihre bevorstehende Arbeitswoche. Er klang gelöst, es war ein schönes Gespräch.

Die Asche von Georg und Elisabeth Richter wurde gemäß ihrem Wunsch anonym auf einer Streuwiese bestattet. Bei der Trauerfeier versuchte Maria Klein, sich an den genauen Ort zu erinnern, indem sie die Schritte zählte bis zu einem dicken Baum in der Nähe. Sie ist ein paarmal auf der Wiese gewesen seitdem, dann ist sie dazu übergegangen, die Kerzen für ihren Vater am Grab ihres Sohnes aufzustellen. Sie findet den dicken Baum nicht mehr.

*Alle Namen in diesem Text sind aus Rücksicht auf die Angehörigen geändert.