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Vater, Vater, Kind

Die Linke plädiert für eine Modernisierung der Sexualbildung an Sachsens Schulen. Auch das Land will etwas ändern.

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© dpa

Von Thilo Alexe

Dresden. Mann, Frau, Kinder – in sächsischen Schulbüchern dominieren traditionelle Rollen- und Familienbilder. Homosexuelle Beziehungen werden kaum thematisiert. Dass Maja auch bei den Eltern Jochen und Jürgen aufwachsen kann, kommt in dieser Welt praktisch nicht vor.

Eine mögliche Folge davon ist Schwulenfeindlichkeit an Schulen. „Homophobie ist kein Einzelfall“, heißt es in einem Statement des Landesschülerrates vom Jahresbeginn. „Das Schimpfwort schwule Sau ist das am häufigsten verwendete auf deutschen Schulhöfen“, sagt die gleichstellungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Sarah Buddeberg.

Um das zu ändern, will die Linke die Sexualbildung in den sächsischen Lehrplänen erneuern. Die Fraktion hat einen Antrag in den Landtag eingebracht, der von der Landesregierung eine Modernisierung fordert: Besonders „im Hinblick auf Aufklärung über die Vielförmigkeit sexuellen Lebens“ müsse der Stoff „inhaltlich und methodisch-didaktisch“ auf den neuesten Stand der Wissenschaft gebracht werden. Das Kürzel dafür lautet LSBTI, es steht für lesbisch, schwul, bi-, trans- und intersexuell. Transsexuelle empfinden ihr Geschlecht als nicht zum Körper passend. Bei Intersexuellen sind Merkmale unterschiedlicher Geschlechter vorhanden – seit 2013 muss daher bei Neugeborenen nicht mehr zwingend „männlich“ oder „weiblich“ auf der Geburtsurkunde vermerkt werden. Auch ein neutraler Eintrag ist möglich.

Das zeigt: Im Verwaltungshandeln ist angekommen, dass es zumindest Ausnahmen bisheriger Kategorisierungen geben kann. Die Frage ist nun: Wie stark soll das in der Schule vermittelt werden? In Baden-Württemberg gab es ungewohnt heftige Proteste, als die von Grünen und SPD getragene Landesregierung im vergangenen Jahr ankündigte, in einem Bildungsplan auch die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ verankern zu wollen.

Auch in Dresden demonstrierten – allerdings bei eher mauer Resonanz – im November bundesweit aktive Gegner einer angeblichen Frühsexualisierung in der Grundschule. Zu den Rednern zählte der Chefredakteur des rechtspopulistischen Compact-Magazins, Jürgen Elsässer.

Im politisch konservativen Spektrum erhalten Forderungen nach einer Aufweichung tradierter Geschlechterbilder meist wenig Gehör. Neu ist, dass sich mit der Kritik daran durchaus breitenwirksam punkten lässt. So kritisiert die in Dresden entstandene Pegida-Bewegung das „Gender Mainstreaming“ als „politisch korrekte Geschlechtsneutralisierung unserer Sprache“. Und mit Blick auf die Kultuspolitik schreibt die seit dem Herbst im Landtag vertretene AfD in ihrem Sachsen-Wahlprogramm: „Lehr- und Lehrbuchinhalte haben sich an der Lebenswelt von Mehrheiten zu orientieren, nicht an der von Minderheiten.“

Wie sich das CDU-geführte Kultusministerium positioniert, ist noch offen. Die Stellungnahme zu dem Antrag, der voraussichtlich im Sommer im Parlament behandelt wird, liegt noch nicht vor. Allerdings überarbeitet das Ministerium den sogenannten Orientierungsrahmen für die Familien- und Sexualerziehung an sächsischen Schulen. „Dabei sollen neue sexualwissenschaftliche und soziologische Erkenntnisse sowie aktuelle didaktisch-methodische Erfordernisse einbezogen werden“, teilt es weiter mit.

Das legt nahe, dass die aus dem Jahr 2006 stammenden Vorgaben zur Sexualerziehung zumindest moderat modernisiert werden könnten. Die Linksfraktion bemängelt, dass Hinweise auf sexuelle Vielfalt fehlen, nur Homosexualität werde knapp und teils indirekt erwähnt.

Die Landtags-CDU fordert eine generelle Zurückhaltung bei dem Thema Sexualität im Unterricht. Es gehe nicht nur um wissenschaftliche Erkenntnisse und Didaktik. „Wir müssen nicht glauben, dass die Kinder und Jugendlichen heute völlig offen und tabulos über Sexualität reden wollen“, betont der bildungspolitische Fraktionssprecher Lothar Bienst. Nötig sei der Schulterschluss mit den Eltern, die ihre Kinder am besten kennen, fügt er hinzu.

Für die Linke plädiert Buddeberg, Sexualität im Unterricht nicht nur „rein biologisch-funktional“ darzustellen. Einbezogen werden sollten unter anderem Themen wie Liebe, Beziehung, Trennung, Familie, Verantwortung. „Bei einer Öffnung des Themas in diesem Sinne, wären die Unterschiede zwischen homo- oder heterosexuellen Lebensweisen auch gar nicht mehr so verschieden.“