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Der Mann fürs Licht steht im Dunkeln

Martin Pech erleuchtet Konzerte, Events und verleiht Spezialtechnik. Corona hat ihm den Stecker gezogen - seine Energie fließt deshalb in ganz ungewohnte Jobs.

Martin Pech ist seit 2012 mit seiner Firma Lichtstark Veranstaltungstechnik gefragter Experte für die richtige Beleuchtung. Wegen Corona steht seine Branche komplett still.
Martin Pech ist seit 2012 mit seiner Firma Lichtstark Veranstaltungstechnik gefragter Experte für die richtige Beleuchtung. Wegen Corona steht seine Branche komplett still. © Matthias Weber/photoweber.de

Wann er das letzte Mal einen Scheinwerfer in der Hand hatte? Martin Pech muss überlegen. "Als das ZDF für eine Aufzeichnung mit Jan Böhmermann für den 10. März meine Scheinwerfer wollte, das war der letzte Auftrag, der in meinen Büchern steht", sagt der Zittauer, der sich 2012 als Experte für Veranstaltungstechnik mit seiner Firma Lichtstark selbstständig gemacht hat. Mit Corona ist seine Branche vollständig zum Stillstand gekommen. Auch bei Pech hagelte es ab der zweiten Märzwoche Absagen über Absagen. Sein Kalender ist leer. "Als dann bis August alle Großveranstaltungen abgesagt wurden, war mit klar, dass dieses Jahr nicht mehr viel anlaufen wird", schildert er und fügt hinzu: "Da habe ich gemerkt, dass mein Geschäft nicht so krisensicher ist, wie ich lange dachte."

Auch wenn ihm mangels Aussichten gelegentlich die Angst im Genick sitzt - Pech ist nicht der Typ, der den Kopf in den Sand steckt. Manch anderer hätte das an seiner Stelle vielleicht getan, denn der 33-Jährige baut gerade jetzt ein Haus für seine Partnerin, die anderthalbjährige Tochter und sich. "Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, über den Winter mit der Firma ein bisschen kürzer zu treten, um mit dem Haus voranzukommen, und wollte dann im Sommer beruflich richtig loslegen", sagt er. Stattdessen füllte er im Frühjahr erst einmal einen Antrag auf Bundessoforthilfe aus. "Das hat mir geholfen: Montag habe ich das Geld beantragt, Dienstag kam die Zusage und am Freitag war es auf dem Konto", lobt er. Mit der Soforthilfe konnte er seine laufenden Verbindlichkeiten wie Mietkosten und Leasingraten für die Firma in den vergangenen drei Monaten weitgehend decken. Für den Lebensunterhalt verdient hat er damit nichts. Das macht er jetzt auf ganz andere Weise.

Muskeln statt Lumen gefragt

Sein Talent, andere Leute oder deren Unternehmen ins passende Licht zu setzen, bescherte ihm ein, zwei kleine Aufträge für feste Lichtinstallationen: "Ich habe für einen Gastwirt die Beleuchtung für seine Biergarten-Erweiterung gemacht und einen Friseurladen neu ausgeleuchtet", sagt er. Weitaus häufiger erhält er derzeit aber Anfragen von Firmen, die weniger an Lumen und Lichtfarbe als an zupackenden Händen interessiert sind. "Mich haben Handwerker angerufen, die gefragt haben, ob ich ihnen helfen kann, weil ihnen die Leute fehlen", sagt er. So hat er für einen Dachdecker Ziegel und Baustoffe entladen oder anderen Firmen bei Wartungsaufgaben geholfen. "Das sind zwar alles Hilfsarbeiten, aber ich bekomme auf diese Weise Geld und lerne dazu", sagt Pech. Erst kürzlich habe er Kollegen seiner Branche aus Dresden getroffen, die sich auch neue Wege suchen mussten: "Einer sitzt jetzt an der Kasse eines Supermarktes, ein anderer arbeitet bei einem Lieferservice", erzählt er und gibt sich mit seinen Möglichkeiten zufrieden.

Wenn der Lichtexperte, dessen Können schon Tausende bei Tourneen von David Hasselhoff und den Toten Hosen, aber auch bei der O-See-Challenge und Ring on Feier erlebt haben, daran denkt, was er jetzt eigentlich hätte tun können, muss er tief durchatmen: Vor anderthalb Jahren hat er in neue Scheinwerfer und ein neues Lichtpult investiert. "Dazu gibt es inzwischen die passende Software, damit hätte ich dieses Jahr so richtig gut arbeiten können", sagt er. Stattdessen liegt dieses Kapital buchstäblich brach. Er hofft, dass die Chance dazu noch kommen wird, denn in der Technik geht alles rasend schnell, immer wieder kommen bessere Produkte auf den Markt. Wer aber - mangels Aufträgen wegen Corona - vom Ersparten leben muss, kann weniger investieren. Durch Corona fehlen ihm 70 bis 80 Prozent des sonst zu dieser Zeit üblichen Umsatzes. Ob und wann dieser Zustand sich wieder normalisiert, kann zudem niemand abschätzen. "Viele Veranstalter scheuen momentan auch das Risiko für Veranstaltungen, die eigentlich schon wieder möglich wären, weil Kosten und Nutzen nicht im Verhältnis stehen oder keiner sagen kann, ob die Kunden kommen", weiß Pech.

Wir haben keine Lobby, weil wir unsichtbar sind

Ist er deswegen verbittert? Nein, aber es beschäftigt ihn schon, dass seine Branche so wenig Lobby hat. Die Aktion, markante Orte rot anzustrahlen, sei ja eine gute Sache. "Aber vielleicht sollten die Techniker bei der Bundespressekonferenz einfach mal den Ton abschalten, um zu zeigen, dass es uns gibt", sagt er. Jetzt, so schätzt Martin Pech ein, falle ihm und seinen Kollegen auf die Füße, was sonst Teil des Geschäftes ist: unsichtbar sein und dennoch alles perfekt funktionieren lassen. Ob Licht, Ton, Catering - keiner denkt bei einer Veranstaltung daran, dass dahinter Menschen stehen. "Wir waren die ersten, die wegen Corona aufhören mussten und unser Geschäftsfeld wird das letzte sein, das sich wieder normalisiert", verdeutlicht er.

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Martin Pech hat die Corona-Krise ermutigt, für seine Firma weitere Geschäftsfelder zu finden. Er hat da durchaus schon Vorstellungen: "Ich würde gern mehr im Bereich Fixinstallationen tun", sagt er. Gemeint ist dabei zum einen beispielsweise die Ausleuchtung von Geschäftsräumen wie eben jüngst für den Friseursalon. "Ich frage nicht, wo der Kunde die Lampe hinhaben will, sondern wie es am Ende aussehen und wirken soll", erklärt er seinen kreativen Ansatz. Vorstellen kann er sich zudem auch, Angebote zum Thema Smart-Home - also vernetztes Zuhause - zu machen. "Damit habe ich mich in den vergangenen Wochen etwas intensiver beschäftigen können - ich hatte ja mehr Zeit", sagt er augenzwinkernd. Das ist übrigens ein Punkt, der dann doch noch ein helles Licht auf die wirtschaftlich dunklen Wochen wirft - für seine Familie und ganz besonders für seine kleine Tochter hatte er durch Corona mehr Zeit als gedacht.

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