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Verbindung von Hoyerswerda und Pumpe

„65 Jahre ein gemeinsamer Weg“: Dieses Buch zu Schwarze Pumpe und Hoyerswerda (Neustadt) wurde am Donnerstag vorgestellt.

„65 Jahre ...“ – 320 Seiten im Format 21 x 21 cm / Erst-Auflage 500 Exemplare, 9,80 Euro.
„65 Jahre ...“ – 320 Seiten im Format 21 x 21 cm / Erst-Auflage 500 Exemplare, 9,80 Euro. © Foto: Mirko Kolodziej

Hoyerswerda. „Sagen wird man über unsre Tage: Altes Eisen hatten sie und wenig Mut ...“ schrieb Kurt Barthel (Kuba) 1952 in seinem Band „Gedichte“ (bei „Volk & Welt“). 1955 mag das mit dem alten Eisen noch gestimmt haben. Hinzugekommen war aber die Braunkohle. Besser gesagt; der Glaube, dass man auf diesem energetisch und produkt-verwertbaren Rohstoff (neben Sand der einzige, den es in der DDR ausreichend gab), dass man also auf Braunkohle eine Industrie würde gründen können. 

Hatte nicht schon in Vorkriegszeiten Braunkohle als Brikett privat hie und unveredelt für das Aluminiumwerk Lauta da Heiz-Energie geliefert? War nicht per Fischer-Tropsch-Verfahren in der Brabag (Braunkohle-Benzin-Aktiengesellschaft) Schwarzheide sogar Benzin aus dem Lausitzer Bodenschatz gewonnen worden? Warum sollte nicht Ähnliches; ja: mehr möglich sein? Genauer gesagt: Es musste. Mit der Nachkriegsteilung Deutschlands war der Osten vom West-Koks abgeschnitten. Aber ohne Koks keine Eisenverhüttung, ohne Stahl keine Schwer-Industrie, keine Wirtschaft, kein Staat. Hoffnungsschimmer: Die Professoren Georg Bilkenroth und Erich Rammler, seit 1949 am Thema forschend, hatten 1951/52 ein produktionsreifes Verfahren entwickelt, um aus Niederlausitzer Braunkohle hüttenfähigen Braunkohle-Hochtemperatur- (BHT-) Koks zu generieren. Der musste nun nur noch in großem Maßstab hergestellt werden.

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Eine Frage von Gedeih und Verderb

Kurz: Es war für die soeben, 1949, gegründete DDR eine Frage von Gedeih und Verderb, sich energetisch/stofflich auf eigene Füße zu stellen; aus wenig Mut war der Mut der Verzweiflung – und des historischen Optimismus’ geworden. Eine Braunkohle-Grund-Industrie musste aus dem Boden gestampft werden. In der Lausitz.

Diese ellenlange Vorbetrachtung ist notwendig, um zu verstehen, warum das Kombinat Schwarze Pumpe geplant und gebaut wurde – und mit ihm Hoyerswerda-Neustadt als Wohnstätte für die, die dort arbeiten sollten. Am 31. August 1955 wurden beider Grundsteine gelegt.

Daran und an die folgenden 65 Jahre erinnert das Buch „65 Jahre ein gemeinsamer Weg / 1955-2020 Industriestandort Schwarze Pumpe und Hoyerswerda/Neustadt“, das am Donnerstagnachmittag in der Lausitzhalle, vormals „Haus der Berg- und Energiearbeiter“, auch ein Kind des Kombinates, vorgestellt wurde. Gut 100 Gäste (mehr waren wegen Corona nicht zugelassen) verteilten sich im 860-Plätze-Saal und lauschte den Vortragenden, allen voran Haupt-Autor Dr. Günter Seifert, der 320 Seiten zu 65 Jahren Doppelgeschichte kurz darzulegen versuchte in allen Facetten: von Wirtschaft, Politik, Sozialem und Kultur; Verflechtungen von Werk und Wohnstatt; Haupt- und „Nebensachen“; Anekdoten, Legenden; Zahlen, Daten und Fakten; Heiterem und Tragischem; Menschen und Technik; Geschichte, Gegenwart und Zukunft ...

SVZ, Gewinn und Selbstkosten

Nur zwei Beispiele seien herausgegriffen: die Geschichte des SVZ, des Sekundärrohstoffverwertungszentrums Schwarze Pumpe, einer vor allem von der Politik vertanen Chance. Nicht minder aufschlussreich die Zahlen zur Wirtschaftlichkeit von Pumpe, das 1989 einen Nettogewinn von 789,3 Millionen DDR-Mark erwirtschaftete, aus 79,6 Mark Selbstkosten Produkte für 100 Mark generierte. Alles andere als ein ökonomischer Misserfolg ...Man greift gewiss nicht zu kurz, wenn man dieses Buch (einige sehr wenige kleine Ungenauigkeiten / ungesicherte -aber dann auch so benannte- Dinge seien der Fülle des zu bewältigenden Materials zugestanden), in eine Reihe mit Salomon Gottlob Frentzels Hoyerswerda-Chronik von 1744 stellt, ja DAS profunde Werk zur Stadtgeschichte überhaupt. Für den Zeitraum seit 1955 bis heute (und darüber hinaus!) leistet das Seifert-Buch Vergleichbares. Es endet, den „Kohleausstieg“ 2038 und die erhofften Folgen reflektierend, mit dem optimistischen Satz: „Die Lausitz wird eine «Modellregion für den Strukturwandel» im europäischen Maßstab werden!“ Bei Kuba las sich das im eingangs zitierten Verswerk von 1952 so: „und man wird auf gläsernen Terrassen stehn – Und auf Brücken deuten – Und auf Gärten weisen – Und man wird die junge Stadt zu Füßen liegen sehn und wird sagen; Die den Grundstein dazu legten, wurden ausgelacht und hungerten, und doch planten sie und bauten und bewegten ...“ Bleibt zu hoffen, dass nach der Erfolgsgeschichte von einst eine Renaissance unter anderen Vorzeichen folgen wird.

„65 Jahre ...“ – Dr. Günter Seifert (mit Co.-Autoren -Reinhard Schulze, Karl-Heinz Markgraf, Kerstin Noack u.a.m.-); herausgegeben vom und bestellbar beim Traditions- und Förderverein „Glückauf Schwarze Pumpe“ (Käthe-Niederkirchner-Str. 30, Hoyerswerda, Tel. 03571 604225

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