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PLUS Landtagswahl 2019

Verborgene Enttäuschung

Sachsens Grüne haben ihr Ziel verfehlt, ein zweistelliges Ergebnis zu erreichen. Sie feiern das trotzdem als Erfolg.

© Sven Ellger

Graue Wolken gären am Rand des leicht bewölkten Himmels, Sonnenstrahlen kämpfen gegen Donnergrollen an. Wer hat die Hoheit über Sachsens Himmel? Wetter wie Wahlen – zwei Pole könnten sich an diesem Landtagswahl-Sonntag auftun. AfD und Grüne, rechtskonservativ und sozial-ökologisch. Kurz bevor die Wahllokale schließen, scheint der Regen zu gewinnen. Glaubwürdig sein heißt für Grüne heute nass werden: Bei der Wahlparty in der Dresdner Tanzbar Groovestation radeln viele triefend auf Fahrrädern ein.

Normalerweise fallen Gitarrenriffs und DJ-Beats hier von der Bühne, heute ist das Werk des Abends simpel: eine Leinwand, sieben Balken. Es warten so viele darauf, dass die Temperaturen jeden Erderwärmungs-Albtraum übersteigen, Körperkontakt lässt sich vor Enge kaum vermeiden. 17.55 Uhr, Spitzenkandidatin Katja Meier rauscht an. In fünf Minuten erscheint das Werk: das Ergebnis der sächsischen Landtagswahl, zumindest die erste Hochrechnung. Welche Politik will Sachsen?

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Es ist 18 Uhr und Sachsen will dreimal so viel Blau wie Grün. 27,5 Prozent für die AfD sagt der Zahlenexperte auf dem Bildschirm an. Der blaue Balken schießt gen Himmel, Ächzen durchfährt den Saal. Dann die Grünen: 9 Prozent. Einen Schreckmoment lang reißt Meier die Augen auf, dann grinst sie Co-Spitzenkandidaten Wolfram Günther an. Jubel, Applaus, Umarmungen. Es ist das beste Ergebnis, das Sachsens Grüne je erhalten haben. Und doch wesentlich weniger als erwartet. 16 Prozent prognostizierten Umfragen vor einigen Monaten, zuletzt noch 11.

„Zweistellig“, hieß das formulierte Ziel der Grünen. Angesichts des Trends auf Bundesebene, wo die Partei derzeit ein Viertel der Stimmen fangen könnte, mag auch das unambitioniert klingen. Doch Sachsen ist speziell, 30 Jahre Parteigeschichte lehrten Demut. Leicht hatten die Grünen es im Land der starken Linken, der bislang ungebrochenen CDU-Regentschaft und der Braunkohle-Reviere nie. 1990 zogen sie knapp in den Landtag, die nächsten beiden Legislaturperioden mussten sie als Zaungäste draußen bleiben, einmal mit desaströsen 2,6 Prozent. 2004 der knappe Wiedereinzug, 2014 erneut nur 5,7 Prozent. Große Hoffnungen bergen die Gefahr größerer Enttäuschungen, einen seichten Schimmer verhieß allerdings die Europawahl in diesem Jahr, wo Sachsens Grüne mehr als 10 Prozent holten. Darauf wolle man nun aufbauen, sagte Spitzenkandidatin Katja Meier am Wahlabend Ende Mai.

„Das beste Ergebnis, was wir hatten“

Drei Monate und eine Wahlparty später gibt man sich zuversichtlich. Gekämpft habe man bis zuletzt, sagt Wolfram Günther vor der Ergebnis-Verkündung, und aus dem Wahlkampf rausgeholt, was geht. Kaum eine andere Partei erhielt so viel Unterstützung ihrer Bundesvorsitzenden, noch am Tag vor der Wahl war Polit-Star Robert Habeck in Chemnitz, wochenlang tourten er und Co-Vorsitzende Annalena Baerbock durch Brandenburg und Sachsen.

Mit Katja Meier trat eine Spitzenkandidatin an, hinter der die Partei bemerkenswert geschlossen stand. Mehr als 97 Prozent hatten die bald 40-Jährige auf einem Landesparteitag gewählt, der Aufstieg an die Grünen-Spitze gelang der gebürtigen Zwickauerin rasant. 2005 das erste Praktikum bei der Partei in Berlin, kurz darauf eine Stelle in Hessen, 2010 die Rückkehr in die sächsische Heimat. Als Nachrückerin zog sie 2015 in den Landtag.

In ihre Themen Verkehr, Demokratie, Gleichstellung und Recht arbeitete sie sich tief ein, Parteikolleginnen und -kollegen gilt sie als fleißig, disziplinier, „mutig und beharrlich“, eine, die sich „die Butter nicht so leicht vom Brot nehmen lässt“. Nicht die größte Rhetorikerin, dafür immer gut vorbereitet. Mit einem rascheren Braunkohleausstieg, dem Ausbau von erneuerbaren Energien, Radwegen und des öffentlichen Nahverkehrs wollten die Grünen im Wahlkampf punkten.

Das AfD-Ergebnis von mehr als 27 Prozent sorgt bei der Grünen-Wahlparty in der Dresdner Groovestation für Bestürzung.
Das AfD-Ergebnis von mehr als 27 Prozent sorgt bei der Grünen-Wahlparty in der Dresdner Groovestation für Bestürzung. © Sven Ellger

Minuten nach Verkündung des ersten Ergebnisses ist der Redebedarf gesunken. Es handle sich ja noch nicht um endgültige Zahlen, sagt Landtagsabgeordneter Gerd Lippold. Gezeigt habe die Wahl, dass die Bürgerinnen und Bürger kein „Weiter so“ wollen, für eine neue Politik stünden die Grünen weiterhin zur Verfügung. Der grüne Bundestagsabgeordnete Stephan Kühn spricht von Erfolgen.

Von Enttäuschung will auch Ex-Bundeschefin Katrin Göring-Eckardt nichts hören. „Es ist erst mal das beste Ergebnis, was wir je hatten“, sagt sie. „Zwischendurch hatten wir in Umfragen mehr, aber jetzt ist die Frage, ob wir Verantwortung übernehmen wollen und das wollen wir.“ Verantwortung, erstmals in Sachsen mitzuregieren, in einer Koalition aus CDU, SPD und Grünen. Weil die CDU weder aus der Minderheit noch mit AfD oder Linken regieren will, kommt sie um eine Koalition mit den beiden Parteien wohl nicht herum. „Eine stabile, demokratische Regierung lässt sich ohne uns nicht bilden“, sagt Wolfram Günther. „Eine Koalition schließen wir weiterhin nicht aus.“

So erfolgversprechend wie etwa in Schleswig-Holstein sind Gespräche zwischen CDU und Grünen nicht. Sachsens CDU ist konservativer als andere Landesverbände, der Aussage von Landeschef Michael Kretschmer zufolge lehnen 90 Prozent der Mitglieder seiner Partei ein Bündnis ab. Auch die Grünen zerriss das Vorhaben schon einmal. 2014 beraumte Ex-Landeschefin Antje Hermenau das Bündnis an, einige Zeit später verließ sie die Partei.

Für eine gewachsene Kompromissbereitschaft beider Seiten spricht eventuell die Notwendigkeit. Sollten Koalitionsgespräche scheitern, müssten alle Beteiligten sich vorwerfen lassen, der AfD den Weg zu mehr Macht geebnet zu haben. Das starke Abschneiden der AfD, wird Katja Meier später am Abend sagen, erschüttere sie.

Nur Einzelne bleiben nach Verkündung des ersten Ergebnisses vor dem Bildschirm stehen und lauschen. Bald ist das Buffet eröffnet, mit Hummus, Datteln, Falafelbällchen. Man tummelt sich im Freien, bei Bier, Wein und Gesprächen. Um Tische herum, auf denen das Emblem der Biermarke „Desperado“ steht – auf Deutsch heißt das: der Verzweifelte. Verzweifelt wirken die Anwesenden nicht. Enttäuscht vielleicht, auch wenn das niemand sagen will.

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