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Verdeckte Ermittlung

Auf der A 4 fährt die Autobahnpolizei gerne mal Bus. Sehr zum Ärger mancher Lkw-Fahrer.

© Christian Essler/xcitePRESS

Von Jana Ulbrich

Der Fahrer des holländischen Sattelzuges guckt wie vom Blitz getroffen. Mit offenem Mund starrt er in den Reisebus, der sich da auf der linken Fahrspur gerade neben ihn schiebt. Im Bus, jetzt direkt auf seiner Höhe, sitzen drei Polizeibeamte. Und einer von ihnen richtet eine Videokamera in sein Fahrerhaus …

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Schnell lässt der Lkw-Fahrer das Handy aus der Hand fallen. Zu spät. Polizeikommissar Matthias Bär von der Bautzener Autobahnpolizei hat das Telefonieren am Steuer schon auf Video gebannt. Der holländische Fahrer kann sich das gleich selber ansehen. Denn Matthias Bär muss jetzt nur noch einen der beiden Streifenwagen informieren, die mit ein bisschen Abstand hinter dem Bus fahren. Die Kollegen werden den Lkw auf den nächstgelegenen Rastplatz lotsen. Matthias Bär und die Busbesatzung werden ihn mit der Videoaufzeichnung empfangen.

Und er wird nicht der einzige Ertappte bleiben, den die Polizisten auf ihrer „Busfahrt“ einsammeln. Sie sind an diesem Tag wieder einmal als verdeckte Ermittler auf der A 4 unterwegs. Um sehen zu können, was die Lkw-Lenker während der Fahrt so alles treiben, mieten sich die Beamten ab und zu einen zivilen Reisebus. „Im Bus sind wir auf Augenhöhe mit den Lkw-Fahrern und können direkt in die Kabinen sehen“, erklärt Martin Hottinger, Erster Polizeihauptkommissar und Chef des Verkehrsunfalldienstes bei der Polizeidirektion.

Was die Polizeibeamten da alles zu sehen kriegen, ist manchmal haarstäubend: Lkw-Fahrer, die am Steuer telefonieren, die während der Fahrt Zeitung lesen, Karten wälzen, Papiere ordnen, fernsehen. „Einer hatte mal ein Schneidebrettchen auf dem Lenkrad liegen, das Messer in der einen und das Stück Wurst in der anderen Hand“, erzählt Martin Hottinger. „Und hintendran einen 40-Tonner.“ Der Polizist schüttelt den Kopf: „Wissen Sie, was ein 40-Tonner für einen Bremsweg braucht?“

Wenn es nicht immer wieder diese schweren Unfälle auf der Autobahn gäbe, zu denen Hottinger und seine Kollegen gerufen werden. Unfälle mit Schwerlasttransportern sind meistens verheerend und enden nicht selten tödlich. „Bei Auffahrunfällen sind es ja zuerst die Fahrer selbst, die es erwischt.“ Martin Hottinger erklärt das gerade dem holländischen Lkw-Fahrer, der am Steuer telefoniert hat. Wie ein reuiger Sünder steht der Mann jetzt neben seinem Sattelzug auf dem Rastplatz. Der Anruf seiner Frau wird teuer: 40 Euro Bußgeld plus 25 Euro Bearbeitungsgebühr. Der Fahrer entschuldigt sich und zückt die Geldbörse. Natürlich sieht er den Fehler ein, sagt er.

Die meisten sind einsichtig, wenn sie von der Busbesatzung mit den Videoaufnahmen konfrontiert werden. Bis auf den Fahrer des leeren Sattelzugs aus dem Elbe-Elster-Kreis, der vorhin gerade bei Tempo 80 auf keine zehn Meter Abstand an den Lkw vor ihm angedockt hat. Minutenlang hat Matthias Bär die riskante Fahrweise vom Bus aus mitgefilmt. Aber selbst, nachdem der Lkw-Fahrer das eindeutige Video gesehen hat, streitet er ab.

Die Polizisten werden das Beweisstück mit an die Bußgeldstelle liefern. Die 80 Euro Strafe plus 25 Euro Bearbeitungsgebühr wird der Mann bezahlen müssen. Drei Punkte in Flensburg bekommt er auch noch. „Der Denkzettel hat hoffentlich gesessen“, seufzt Martin Hottinger, als der Mann wieder auf seinen Sattelzug steigt. Wenigstens an seinem Fahrzeug war alles in Ordnung. Auch das wird bei der Gelegenheit immer gleich mit unter die Lupe genommen. Wie nötig auch das ist, macht ein Blick in die Statistik des Autobahnpolizeireviers deutlich: Mehr als 1 000 Lkw, die die Beamten voriges Jahr zwischen Görlitz und Dresden kontrolliert haben, hatten technische Mängel, jeder vierte davon so große, dass die Beamten das Fahrzeug gleich an Ort und Stelle stilllegten.

Der Fahrer des holländischen Sattelzugs hat das Protokoll unterschrieben und kann ebenfalls weiterfahren. Er muss aber schnell noch mal das Handy zücken und Fotos machen von den Polizisten und dem Bus, der ihn so derart überrascht hat. Das muss er unbedingt seiner Frau zeigen.

Matthias Bär zeigt seine Kamerabilder inzwischen einem polnischen Lkw-Fahrer, der auch viel zu dicht aufgefahren war. Der Gurtmuffel aus Bautzen will den Film gar nicht erst sehen. „Ist schon richtig, was ihr da macht“, sagt er.