SZ +
Merken

Vereine fuhren um die Wette

Görlitz gehört zu den Orten der ältesten deutschen Fahrradindustrie. Und es half noch anderen Klassikern aufs Rad.

Teilen
Folgen

Von Ralph Schermann

Oberbürgermeister Georg Wiesner war voll des Lobes: „Zahlreiche Görlitzer Radfahrvereine betätigen sich außer an Wanderfahrten auch an Straßenrennen, im Kunstfahren und Radball und leisten darin Vorzügliches“, schrieb er 1925 in der „Monografie deutscher Städte“.

Der Biesnitzer Rentner Klaus Seifert pflegte Fahnen Görlitzer Radsportvereine und gab sie zur Bewahrung an den Postsportverein. Kleines Bild: Der Görlitzer Verein „Borussia 1887“ startete 1901 mit Paul Tesch (2.v.l.) zu einer Wettfahrt. Foto/Repro: Ralph
Der Biesnitzer Rentner Klaus Seifert pflegte Fahnen Görlitzer Radsportvereine und gab sie zur Bewahrung an den Postsportverein. Kleines Bild: Der Görlitzer Verein „Borussia 1887“ startete 1901 mit Paul Tesch (2.v.l.) zu einer Wettfahrt. Foto/Repro: Ralph

Tatsächlich war das Fahrrad damals beliebt und verbreitet. Auf zwölf Radfahrvereine konnte Wiesner verweisen. Görlitz stand nicht abseits, als sich 1884 der bürgerliche Bund deutscher Radfahrer und 1890 der eher proletarische Arbeiter-Radfahrer-Bund „Solidarität“ gründeten. Letzterer führte Ortsgruppen in Görlitz sowie den damals selbstständigen Dörfern Rauschwalde, Leopoldshain und Hennersdorf. Die ersten organisierten Radler gab es in Görlitz ab 1884 in der Glöcknerschen Radfahrer-Vereinigung. Das lag nahe, denn Anton Glöckner hatte 1880 auf der Bismarckstraße 9/10 seine „Velocipede“-Fabrik gegründet. Damit gehört Görlitz sogar zu den Orten mit der ältesten deutschen Fahrradindustrie. Den Betriebsradlern schlossen sich auch weitere Görlitzer an, so dass daraus der „Radfahrerklub Wanderer“ wurde. Abtrünnige aus dieser Gilde wiederum gründeten 1887 dann den eigenen Radfahrerklub „Borussia“. Die Freude am organisierten Radfahren mündete bald auch in einen interessanten kleinen Atlas: „Mit dem Fahrrad durch die Heimat – 26 Ausflüge für Sonntagswanderfahrten von Görlitz aus“.

Die Klubs hatten alle ihre Stammlokale für den Vereinstreff. Im „Zeltgarten“ trafen sich die Pedalritter Weinhübels, im „Tivoli“ die Herren vom Klub „Wanderer“ – Damen sucht man auf den alten Gruppenfotos zunächst noch vergeblich. Und dass die hiesige Fahrradindustrie die Vereine wohlwollend begleitete, lag auf der Hand. Immerhin hatte Görlitz mehrere solche Fabriken auszuweisen, von denen vor allem die Molto-Werke auf der Jakobstraße lange in aller Munde waren. Der Boom zum Zweirad dürfte sich schnell landesweit herumgesprochen haben, immerhin vergab der Deutsche Radfahrbund seinen 27. Deutschen Bundestag 1910 nach Görlitz. „All heil! In allen Straßen!“ hieß damals der Ruf, der bis hin zum opulenten Festumzug den Görlitzern sieben Tage lang ein Feuerwerk an sportlichen und kulturellen Veranstaltungen bot.

Einer, der in die Fußstapfen dieses Radleruniversums trat, ist Klaus Seifert aus Biesnitz. Er war einst ein gefragter Artist mit seinem Programm „Kunst und Humor auf Rädern“. Stets betrat er die Bühne mit einem kleinen Koffer, aus dem er zur Gaudi des Publikums ein Mini-Fahrrad holte. Nur 30 Zentimeter war es hoch, und Klaus Seifert beherrschte es ebenso wie die großen Ein- und Kunsträder. Zudem brachte es der gelernte Betriebsschlosser 1954 zum DDR-Jugendmeister im Kunstradfahren. Kein Wunder, hatte er doch in seinem Vater Arthur (geboren 1897) den besten Trainer, nämlich den deutschen Bundes- und sogar den Europameister im Einerkunstradfahren 1932/1934. Als Klaus Seifert Fahnen und Schärpen aus Vaters alten Zeiten wiederfand, war der Görlitzer Radfahr-Club „Wanderer“ plötzlich wieder lebendig. Nach vielen Jahren des Bewahrens dieser historischen, aufwendig bestickten und bestens erhaltenen Stoffstücke schenkte Klaus Seifert sie der Abteilung Radsport des Görlitzer Postsportvereins. Dieser wiederum ist heute der einzige Verein, der dem Radsport in Görlitz noch eine Heimstatt gibt. Im Jahr 2000 hatten die Postsportler den Radlerverein mit übernommen und damit auch ein Ereignis, das in diesem Jahr bereits seine 80. Auflage feiert – das Radrennen „Rund um die Landeskrone“.

Der Radsportklassiker mit dem legendären Start und Ziel am Burghof in Biesnitz ist keine DDR-Erfindung, wie manch einer immer noch annimmt. Im Gegenteil: Alles begann, als Fahrräder vom einfachen Fortbewegungsmittel zu technischen Wunderwerken weiterentwickelt wurden. Da wurde das Gewicht optimiert, wurden Gangschaltungen erfunden und manches mehr. Mit der Weiterentwicklung verbanden sich Testfahrten, die in Wettrennen mündeten. Die Konkurrenz wollte untereinander Vergleiche, und schon wurden immer mehr Straßenrennen organisiert. In Görlitz und Umgebung etablierten sich dabei zwei heute noch gängige Rennen, eben die Tour „Rund um die Landeskrone“ und die Fahrt Cottbus – Görlitz – Cottbus. Das Publikum war begeistert und säumte stets die Strecken, was später bei der großen Friedensfahrt zu besonderer Reife ausuferte. Die Firmen indes sahen darin einen lukrativen Absatzmarkt und gründeten eigene Fahrerteams. Bekannteste Görlitzer Werksmannschaft waren die „Molto“-Radler.

Am 12. Juli ist es nun wieder so weit. Zum 80. Mal wird die Stadt Görlitz beweisen, wie radsportfreundlich sie ist.