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Verfahren gegen Lehrer und Erzieher der Werkschule vorläufig eingestellt

Die Angeklagten sollen ihre Fürsorge- und Erziehungspflicht an der Meißner Schule grob verletzt haben und müssen nun Geldauflagen zahlen.

Von Jürgen Müller

Meißen. Zumindest vorläufig sind die Vorgänge an der Freien Werkschule Meißen juristisch abgeschlossen. Das Verfahren gegen vier Lehrer und Erzieher – einen Mann und drei Frauen – wurde vom Amtsgericht Meißen unter Auflagen eingestellt. Der Mann muss 1 000 Euro zahlen, die Frauen zwischen 500 und 750 Euro. Kommen sie dem nach, wird das Verfahren endgültig eingestellt.

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Den vier Angeklagten wurde vorgeworfen, ihre Fürsorge- und Erziehungspflicht gröblich verletzt und dadurch ihnen anvertraute Kinder in die Gefahr gebracht zu haben, in ihrer körperlichen oder psychischen Entwicklung erheblich geschädigt zu werden. Die Verteidigung versuchte mit allen Mitteln, eine öffentliche Hauptverhandlung zu verhindern. Als diese endlich am 11. Februar dieses Jahres angesetzt wurde, war ganz plötzlich eine Verteidigerin erkrankt. Das Verfahren wurde deshalb ausgesetzt.

Zwar hätte das Gericht das Verfahren gegen die Mandantin der erkrankten Anwältin abtrennen und gegen die anderen drei Angeklagten verhandeln können. Dies geschah aber nicht. Und so wurde auch die Anklageschrift mit skandalösen und erschütternden Details über die Zustände in der Werkschule nicht verlesen.

Im Kern ging es darum, dass Mädchen aus einer ersten Klasse von Mitschülern gedemütigt, genötigt und sexuell belästigt wurden. So sollen die Angeklagten von drei Mädchen erfahren haben, dass gegen sie massiv gewaltsam vorgegangen wurde. Dennoch hätten sie nichts unternommen, so dass weitere Übergriffe möglich waren. Sie hätten Kenntnis gehabt, dass ein Mädchen von Jungen in eine Garderobe eingesperrt und aufgefordert wurde, sich zu entkleiden. Danach habe das Mädchen nackt mitten im Zimmer gestanden, die Jungs hätten mit den Fingern auf das Kind gezeigt und es ausgelacht. Außerdem sollen sich zwei Jungen während des Unterrichts von innen auf eine Fensterbank gestellt, Hose und Unterhose heruntergezogen und ihre nackten Penisse in Richtung einer 11. Klasse und deren Lehrerin gezeigt haben. Diese habe ihren Kollegen daraufhin angesprochen. Der habe den Vorgang bagatellisiert. Im Mai und Juni des gleichen Jahres soll es weitere Vorfälle gegeben haben.

Die Verteidigung soll darauf bestanden haben, dass, wenn das Verfahren nicht eingestellt werde, sie alle geschädigten Kinder, die heute zehn Jahre alt sind, als Zeugen hören wolle. „Überlegung von Gericht und Staatsanwaltschaft war es wohl, die Kinder von einer Vernehmung zu verschonen“, sagt Rechtsanwalt Carsten Brunzel, der Eltern als Nebenkläger vertrat. Für ihn steht fest, dass es im Falle einer Verhandlung nicht zu einem Freispruch gekommen wäre. „Indem die Angeklagten die Geldauflagen akzeptieren, räumen sie ja Fehler ein. Niemand zahlt freiwillig Geld, wenn die Vorwürfe völlig haltlos sind“, so der Anwalt. Das sieht auch Jens Klett, Vater eines geschädigten Kindes und Nebenkläger, so. „Im Sinne meiner Tochter ist es mir ganz recht, dass das Verfahren auf diese Weise beendet wird. Ich werte dies als Schuldeingeständnis“. Erstmals sei zugegeben worden, dass in der Schule etwas schief gelaufen sei. Dies sei ja bisher immer bestritten worden.

Vorfälle nicht aufgeklärt

Ob die Höhe der Geldauflage angemessen ist oder nicht, da will sich Jens Klett nicht festlegen. „Moralisch kann man das Verhalten der Angeklagten sowieso nicht fassen. Es gibt keinen Geldbetrag, der das aufwiegen könnte, was unserer Tochter angetan wurde“, sagt er. Ob er zivilrechtlich Schmerzensgeld einfordert, lässt er noch offen. Jedenfalls wolle er der Krankenkasse den Gerichtsbeschluss vorlegen. Die muss dann entscheiden, ob sie sich von den Angeklagten das Geld für die Behandlung seiner Tochter zurückholt. Das Kind war ein Jahr lang in psychologischer Behandlung. Zahlen müssen die Angeklagten in jedem Fall die Kosten der Nebenklage. Zufrieden ist der Vater eines der geschädigten Kinder nicht: „Das könnte ich erst sein, wenn die Angeklagten nie wieder auf Grundschüler losgelassen würden“, sagt er. Dass etwas nicht stimme in der Schule, zeige sich auch daran, dass von den einst 32 Mädchen und Jungen der Klasse inzwischen 14 aus unterschiedlichen Gründen die Schule wieder verlassen hätten, so Klett.

Auch Anwalt Brunzel ist mit dem Beschluss nicht glücklich. „Zwei Herzen schlagen in meiner Brust. Als Strafverteidiger muss ich natürlich sagen, das ist für die Angeklagten ein sehr gutes Ergebnis“, sagt er. Als Vertreter der Eltern und der Öffentlichkeit hätte er sich gewünscht, dass die Vorfälle an der Freien Werkschule vollständig aufgeklärt werden. Er verweist auf die Aufklärungspflicht des Gerichtes. „Es kann doch nicht sein, dass man sich hinstellt und sagt, nur um die Kinder nicht vernehmen zu müssen, klären wir die Vorwürfe nicht auf“, so Brunzel.