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Vergeben? Ja. Vergessen? Nein!

über den verblassenden Massenmord der Nazis

Jens Ostrowski

März 1943. Rampe Auschwitz. Alex Deutsch schafft es. Ein Arzt weist ihn auf die linke Seite. Links heißt arbeitsfähig, rechts heißt unbrauchbar. Links bedeutet leben, rechts sterben. Was der 29-jährige Berliner Jude nicht ahnt: Seine Frau Thea und sein Sohn Dennis, einen Transport früher in der Hölle angekommen, gehen in diesem Moment ins Gas. „Sie hätte unseren Jungen niemals allein gelassen“, sagte er mir 65 Jahre später zu Hause am Küchentisch. Alex Deutsch kennt seine Thea. Und Kleinkinder werden vernichtet. Sie sind für die Rüstungsproduktion der Nazis nicht eingeplant. Alex Deutsch, der 2011 starb, überlebt damals die Hölle von Auschwitz. Er muss für den Chemiekonzern IG Farben arbeiten. Hitler braucht Synthetikbenzin für seinen Angriffskrieg. Die Gaskammern in Birkenau liegen fünf Kilometer weiter östlich. Er sieht den Rauch aus den Schornsteinen. Alex Deutsch übersteht alle unvorstellbaren Qualen. Weil er überleben will, aber auch, weil ihm immer wieder Brot zugesteckt wird.

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Heute würde er sich vermutlich im Grabe umdrehen, wüsste er von einer Umfrage des Nachrichtenmagazins „Stern“. Demnach können immer weniger Jugendliche etwas mit Auschwitz anfangen. Jeder fünfte der 18- bis 30-Jährigen kann den Begriff nicht einordnen. Nur 70 Jahre danach beginnt das größte Verbrechen der Menschheit offenbar zu verblassen. Trotz aller Aufklärungsarbeit von Schulen, Historikern und Medien.

Doch das gilt es zu verhindern. Es geht nicht darum – wie so gerne behauptet –, dass sich Nachkriegsgenerationen schuldig fühlen müssen. Das ist Quatsch. Aber wir haben eine Verantwortung gegen das Vergessen zu tragen. Wir sollten es aus voller Überzeugung Menschen wie Alex Deutsch schuldig sein. Einer, der an seinem Lebensende ohne Groll auf das deutsche Volk schaute und sagte: „Ich habe vergeben. Nur vergessen kann ich nicht.“