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Vergewaltigt in der Offiziersschule

Als Opfer sei sie danach wie eine Beschuldigte vernommen worden, beklagt eine Soldatin in einer TV-Dokumentation.

© WDR

Von Alexander Schneider

Zweieinviertel Jahre nach ihrer Vergewaltigung hat sich eine 30-jährige Soldatin erstmals öffentlich zu der Tat und vor allem den Folgen geäußert. Sie und zwei weitere Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind, berichten am Montagabend in einer sehenswerten ARD-Dokumentation, wie es ihnen nach den Taten ergangen ist und vor allem, wie ausgeliefert sie sich Polizei und Justiz gefühlt haben. Die 30-Jährige sagt etwa, nach der Vernehmung bei der Dresdner Kriminalpolizei hätte sie sich am Liebsten sofort von einer Brücke gestürzt.

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Die Dokumentation „Was Deutschland bewegt: Vergewaltigt. Wir zeigen an!“ von Nicole Rosenbach kann in der ARD-Mediathek abgerufen werden.
Die Dokumentation „Was Deutschland bewegt: Vergewaltigt. Wir zeigen an!“ von Nicole Rosenbach kann in der ARD-Mediathek abgerufen werden. © picture-alliance/dpa

Die Zeitsoldatin hatte im Februar 2016 einen Lehrgang an der Dresdner Offizierschule des Heeres besucht. Abends ging sie mit zwei Lehrgangsteilnehmern aus, der Alkohol floss. „Nora“, wie die 30-Jährige in der Doku genannt wird, sagt, sie habe den Verdacht, heimlich K.-o.-Tropfen verabreicht bekommen zu haben. Der zweite Drink in der Nachtbar Angels habe bitter geschmeckt. Danach seien ihre Kräfte geschwunden. Der spätere Täter begleitete die als „hilflos“ beschriebene Soldatin weit nach Mitternacht zur Offiziersschule zurück. Dort hatte er sich an ihr vergangen.

Der 29-Jährige wurde genau vor einem Jahr am Amtsgericht Dresden wegen Vergewaltigung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt und aus der Bundeswehr entlassen. Mit seinem Geständnis hatte er „Nora“ eine Aussage im Prozess erspart.

Noch heute, inzwischen Mutter zweier kleiner Kinder, leidet die Frau an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Verfremdet mit einer schwarzen Perücke berichtet „Nora“ wie sie zunächst von ihrem Vorgesetzten ihrer Meinung nach unangemessen zu der Tat befragt worden sei, nachdem sie sich einen Tag später zu einer Anzeige entschlossen hatte. Die spätere Vernehmung durch die Dresdner Kriminalpolizei sei noch schlimmer gewesen, die habe „alles getoppt“, beschreibt „Nora“. Die Beamten hätten ihr unterstellt, sie trage selbst Schuld daran, dass der Abend diese Wendung genommen habe. Ob sie gerne flirte und es darauf angelegt habe, einen Mann ins Bett zu bekommen, wurde sie gefragt. „Die haben mich so getroffen mit all dieser Fragerei. Die haben mir eingetrichtert, dass ich das Leben von diesem Mann jetzt zerstöre und dass ich alles falsch gemacht habe. Und dass ich selbst schuld bin, an dem, was passierte“, sagt die Betroffene. Wäre ihr Vater nicht vor dem Büro gewesen, sie hätte sich das Leben genommen, sagt die Soldatin.

Thomas Geithner, Sprecher der Dresdner Polizei, kann die Schilderung der Soldatin nach Rücksprache mit dem für Sexualstraftaten zuständigen Kommissariat nicht teilen. „Es ist unstrittig, dass solche Vernehmungen unangenehm sind“, sagt er gegenüber der Sächsischen Zeitung. Bei solchen Fällen ziele zwangsläufig jede Frage in den Intimbereich. Er verstehe auch, wenn sich Opfer durch die Befragung angegriffen fühlen. Doch es sei die Aufgabe der Ermittler, be- und entlastende Beweise zu sichern. Darüber hinaus müssten Widersprüche ausgeräumt werden – sonst „hätte uns die Staatsanwaltschaft das niemals abgenommen“, so Geithner. „Wir fühlen uns in solchen Vernehmungen auch nicht wohl.“ Die Beamten der Kripo hätten gegenüber der Geschädigten jedoch niemals Vorwürfe erhoben oder ihr gesagt, dass sie für die Tat verantwortlich sei.

Katja Grieger vom Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe sagt im Film über „Noras“ Erfahrung, dass die Polizei in solchen Fällen angeblich immer zuerst Falschbeschuldigungen überprüfe. Wenn die Angaben von Opferzeuginnen jedoch meist der einzige Beweis sei, den es bei solchen Taten gebe: „Dann sollte man sie auch gut behandeln.“

Erheblich belastend für den Angeklagten war, dass ein Taxifahrer im Prozess „Noras“ Zustand als absolut hilflos beschrieben hatte. Spuren von K.o.-Tropfen hatten sich nicht mehr nachweisen lassen. Dazu war bis zu der Anzeige zu viel Zeit vergangen. Aber immerhin hat die mutige Frau den Missbrauch bekannt gemacht. Laut der ARD-Doku gehört sie damit zu der Minderheit von geschätzten 15 Prozent aller Vergewaltigungsopfer.