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Vergilbtes Heftchen erinnert an den Vater

Manfred Jahn bewahrt ein Tagebuch auf. Das entstand vor 70 Jahren in amerikanischer Kriegsgefangenenschaft.

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© Pawel Sosnowski

Von Anja Gail

Das Deckblatt des vergilbten Heftchens ist am Rand schon mehrfach eingerissen. Es umfasst nicht mal 30 Seiten. Manfred Jahns Vater beschrieb sie vor 70 Jahren mit feiner Handschrift. Ein Tagebuch. Entstanden in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Bis 1946 war der „Gefreite Jahn“ in einem Arbeitslager der Amerikaner in Deutschland inhaftiert. Aus den Aufzeichnungen des Vaters schlussfolgert sein Sohn heute, dass die Kriegsgefangenen zumindest vernünftig verpflegt worden sind. Die Essenspläne stehen in dem Büchlein und deuten darauf hin. Auch Adressen von ehemaligen Kameraden hatte der Vater notiert, detaillierte Beschreibungen und allerlei weitere Fakten über das Lagerleben.

Das Tagebuch ist das einzige Dokument, das dem heute 68-jährigen Manfred Jahn von seinem Vater blieb. Er starb schon 1961 mit 38 Jahren. Der Krieg hatte körperliche Spuren an ihm hinterlassen; das holte ihn schließlich ein. Nach dem Tod des Vaters reichte seine Mutter, die auf einmal mit ihm und den beiden, um etliche Jahre jüngeren Geschwistern allein dastand, das Tagebuch an den erst 14 Jahre alten Manfred weiter.

Eine lange Zeit hat das Heft bei anderen Unterlagen in einem Schub gelegen. Obwohl es so dünn ist, hat Manfred Jahn es noch nie an einem Stück gelesen. Vor einigen Jahren holte er es erst wieder hervor und beschäftigt sich seitdem intensiver mit der Geschichte. Die Fakten sind interessant, wie er erzählt, und die Schrift könne er größtenteils auch gut entziffern. Nur an einigen Stellen falle ihm das schwer. Für die Ereignisse und Zusammenhänge im Zweiten Weltkrieg interessierte er sich schon immer sehr und las viel darüber. Nach der Wende konnte er dafür auch ganz neue Möglichkeiten nutzen und Lücken für sich schließen.

Das Tagebuch ist die einzige Verbindung Manfred Jahns zur Kriegszeit seines Vaters. Zurückgekehrt aus dem Krieg, in dem er als Panzerjäger diente, mied der das Thema, wann immer es ging. „Mein Vater wollte einfach nur leben“, sagt Manfred Jahn. Schließlich war Vater Jahn erst Anfang 20, als er die Schlachtfelder hinter sich gelassen hatte. So kehrte er in seinen Beruf als Landwirt zurück, begann ein Agrarstudium. Zu Ende bringen konnte er es aber nicht mehr.

Manfred Jahn zog es zwei Jahre nach dem Tod des Vaters selbst in die große weite Welt hinaus. Sein Freiheitsdrang war sehr ausgeprägt. Schon als kleiner Junge hatte er beschlossen, mal zur See zu fahren. Mit 16 begann er seine Ausbildung zum Hochseefischer und arbeitete dann drei Jahrzehnte bis 1993 auf hoher See. In dieser Zeit gründete er selbst eine Familie in Tetta. Fünf Kinder gehören dazu und inzwischen sieben Enkel. Einen Enkelsohn haben Barbara und Manfred Jahn voriges Jahr bei sich aufgenommen. Der Elfjährige sei nun ihr sechstes Kind.

Bis zum vorigen Jahr hat Manfred Jahn noch als Lehrmeister bei der Seilerei Goltz in Görlitz gearbeitet. Ganz loslassen kann er zwar noch nicht, aber seit einem Jahr ist er nun doch Rentner – nach 53 Arbeitsjahren. Auch seine Mutter lebt noch. Sie ist 89 Jahre alt.

Der Verlust des Vaters in so jungen Jahren schmerzt ihn bis heute. Umso mehr hütet er das Tagebuch. Es ist nur ein Heftchen, aber dennoch eine Art Verbindung. Und er entdeckt in ihm so viele Parallelen mit seinem Vater. Seine eigene Handschrift mit den gleichmäßigen Zügen gleicht zum Beispiel der des Vaters. Die habe er wohl von ihm geerbt, sagt Manfred Jahn. Und noch etwas hat er von ihm geerbt: Jahn führt Tagebuch. Da geht es aber weniger um das tägliche Essen. Jahn hält Tag für Tag die wichtigsten Geschehnisse fest – und das Wetter.