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Verhallte Stimme des Prager Frühlings

Der tschechische Dissident und Schriftsteller Ludvik Vaculik starb im Alter von 88 Jahren.

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Von Hans-Jörg Schmidt, SZ-Korrespondent in Prag

Zum 40. Jahrestag der blutigen Unterdrückung des Prager Frühlings trafen wir uns zum letzten Mal in „offizieller Mission“. Wir saßen an einem sonnigen Vormittag am Ufer der Moldau in einem Café, ein paar Schritte vom Denkmal für den tschechischen Nationalkomponisten Smetana entfernt. Ludvik Vaculik wollte eigentlich gar nicht zu dem vereinbarten Gespräch kommen. Nicht, dass er etwas gegen Journalisten aus Deutschland gehabt hätte. Nein, er war frustriert darüber, dass ausschließlich ausländische Korrespondenten aus Anlass des runden Jahrestages um ein Treffen mit ihm nachgesucht hatten: „Für die Tschechen ist das ein Thema, über das sie nicht mehr reden wollen. Es war eine Niederlage, die sehr schmerzte. Und wer spricht schon gern über Niederlagen“, erklärte er seine finstere Stimmung.

Die Schüler von heute wüssten überhaupt nichts über den Prager Frühling. Eine Umfrage, die ich damals in einer Prager Schule machte, bestätigte das: Die Neuntklässler verorteten den aufmüpfigen damaligen Prager Parteichef Alexander Dubcek als „Mitglied unserer Eishockey-Nationalmannschaft“. Er habe „in der zweiten Sturmreihe links gespielt“. Den Namen Ludvik Vaculik kannte keiner der Schüler. Dabei schrieb Vaculik bis zu seinem Tod in der konservativen Lidove Noviny jeden Dienstag auf der letzten Seite seine wöchentliche Kolumne. Bitter-süße Stücke, in denen er die politische Jetztzeit gnadenlos und spitzzüngig unter die Lupe nahm.

Vaculik hatte in jener Zeit die „Zweitausend Worte“ verfasst, die kritisch mit dem Kommunismus umgingen. Mit der Schrift in der Aktentasche ging er von Haushalt zu Haushalt und versuchte, Anhänger zu finden. 1989, als er in auf dem Prager Letna-Hügel zu 200 000 Menschen sprechen wollte, wollten die Organisatoren wissen, worüber er reden wolle. „Das haben nicht einmal die Chefs des Schriftstellerkongresses 1967 von mir wissen wollen“, verabschiedete sich Vaculik vergnatzt von der Bühne. „Auch diese Revolution ist wohl nicht die meine“, brummelte er vor sich hin. Am Sonnabend starb er im Alter von 88 Jahren.