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Verjüngt mit Stil

Für Löbaus Jugendstil-Schmuckstück gibt es neue Pläne: Eine Praxis wird bald eröffnen. 2017 stehen Bauarbeiten an.

© Rafael Sampedro

Von Anja Beutler

Löbau. Ivette Riegel mag diesen Blick: Von ganz oben im Dachgeschoss schaut die Pflege-mit-Herz-Chefin in das eiförmige Treppenhaus hinunter. Hell ist es hier. Auch an grauen Tagen fällt genügend Licht durch die großen Fenster im Dach. In Löbaus prägnantem Jugendstilhaus ist die wunderbare Architektur perfekt ausgeleuchtet. Dass dieses Gebäude an der Ecke Neumarkt und Promenadenring für die Stadt erhalten blieb, ist ein Glück für Löbau – und auch für all jene, die nun hier – mittendrin – wohnen. „Viele Löbauer, aber auch diejenigen, die von weiter her kommen, schätzen gerade die zentrale Lage und die kurzen Wege“, sagt Frau Riegel.

Stars im Strampler aus Löbau
Stars im Strampler aus Löbau

So klein und doch das große Glück: Wir zeigen die jüngsten Einwohner der Region Löbau-Zittau und die Frischgeborenen, die Verwandtschaft in der Oberlausitz haben.

So sieht das Jugendstilhaus von außen aus.
So sieht das Jugendstilhaus von außen aus. © Matthias Weber
Ruth Weigand (links) wohnt seit über einem Jahr hier.
Ruth Weigand (links) wohnt seit über einem Jahr hier. © Rafael Sampedro

Einblick ins Jugendstilhaus

Schon die Eingangstür hat Verzierungen.
Schon die Eingangstür hat Verzierungen.
Das ovale Treppenhaus ist ein Kleinod.
Das ovale Treppenhaus ist ein Kleinod.
In den Fluren sind die alten Türen erhalten.
In den Fluren sind die alten Türen erhalten.
Die  Ein-Raum-Wohnungen sind zwischen 29 zund 45 Quadratmeter groß.
Die Ein-Raum-Wohnungen sind zwischen 29 zund 45 Quadratmeter groß.
Und viel Ausblick ins Löbauer Zentrum.
Und viel Ausblick ins Löbauer Zentrum.
Auf jeder Etage befinden sich Sitzwannen.
Auf jeder Etage befinden sich Sitzwannen.
Viel Licht gibt’s im Gemeinschaftsraum.
Viel Licht gibt’s im Gemeinschaftsraum.

Ihre Mieter sind Menschen mit Handicap, die eine kleine, barrierefreie Wohnung suchen und es schätzen, wenn sie im Fall des Falles Hilfe von einer Servicekraft erhalten können. Sollte Unterstützung nötig sein, drücken die Bewohner einen Knopf, den sie stets bei sich führen. Im Dienstzimmer unter Dach, das rund um die Uhr besetzt ist, leuchtet dann ein Lämpchen bei der Zimmernummer, aus dem der Notruf kommt. Dieses System gehört zu jeder Wohnung dazu, betont Vermieterin Riegel. Welche Kosten entstehen, richte sich nach dem tatsächlichen Bedarf. Wie hoch der ist, bestimmen die Mieter der 30 Kleinstwohnungen selbst. „Das ist kein Altenheim und auch keine Senioren-WG, wir bieten begleitetes Wohnen“, erklärt die Löbauerin. Mit ihrem Pflegeheim in der Dammstraße, dem begleiteten Wohnen in der Weißenberger Straße und ihrem mobilen Pflegedienst „Pflege mit Herz“ ist die 43-Jährige seit Jahren in Löbau bekannt. Das Jugendstilhaus gehört nun zu ihrer Angebotspalette dazu.

Ruth Weigand, die jetzt 90 Jahre alt ist und vor mehr als einem Jahr aus der Erzgebirgsstadt Freiberg zu den Kindern nach Löbau zog, ist zufrieden mit ihrem neuen Zuhause. Man hört der alten Dame an, dass ihr der Abschied aus der alten Heimat nicht leicht gefallen ist. Aber sie habe es gut getroffen, meint sie. Bis vor einigen Monaten war sie durchaus noch viel selbst unterwegs. Inzwischen traut sich die Seniorin aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr so viel zu und nutzt nun auch das Angebot, sich mit Essen über den Lieferdienst im Haus verpflegen zu lassen.

In dem großen Wohnraum, zu dem ein barrierefreies Bad gehört, steht ein altes Vertiko mit passender Uhr, ein runder Tisch, ein Sessel und ein Bett. Frau Weigand hat mit ihren Möbeln ein Stück Vergangenheit mitgenommen. So viel, wie in die Ein-Zimmer-Wohnung hineinpasste. „Wir bieten unseren Mietern aber auch an, die Wohnung zu möblieren“, erklärt Ivette Riegel. Das werde gern genutzt, wenn ein Umzug rasch gehen muss oder die Möbel aus dem alten Zuhause einfach nicht passen wollen.

Generell gibt es in dem Haus, das zu DDR-Zeiten den Exquisit-Laden beherbergte, ausschließlich Ein-Raum-Wohnungen. Sie sind zwischen 29 und 45 Quadratmeter groß. Hinzu kommt ein lichter Gemeinschaftsraum unterm Dach, in dem sich die Mieter treffen, gemeinsam essen, spielen und singen können. Auf den Etagen gibt es zu dem eine Art Wirtschaftsraum. Hier stehen beispielsweise Waschautomaten oder eine Sitzwanne für die Mieter bereit. Wer nicht mehr selbst Waschen mag, kann einen Wäscheservice buchen.

Als sich Ivette Riegel dazu entschieden hat, in das Haus zu investieren, wusste sie nicht, was alles auf sie zukommen wird. Da entpuppte sich ein Balkon an der Vorderfront als so bröselig, dass er von selbst wohl nicht mehr lange gehalten hätte. Da gab es nicht ein Fenster, das DIN-gerechte Breite hatte. Das ist nötig, wenn im Ernstfall diev Feuerwehr jemanden aus dem Fenster retten muss. Vieles musste entrümpelt werden – auch eine Menge alter Gebisse, die noch von einem Zahnlabor stammten.

Trotz aller Überraschungen, betont die Investorin aber: „Wir haben gerade mit dem Denkmalschutz sehr gut zusammengearbeitet und Lösungen gefunden.“ Von den alten Türen sind inzwischen die Farbschichten verschwunden, die originalen Ornamente blühen wieder auf. Der nötige Fahrstuhl ist an der Kehrseite des Gebäudes versteckt angebaut und auch in Sicherheit hat die Chefin investiert. „Unsere Mieter legen Wert darauf“, betont sie.

Fertig ist das Haus noch lange nicht: Von den 30 Wohnungen ist reichlich die Hälfte belegt, andere werden fertig ausgebaut. Für das einstige Ladengeschäft im Parterre hat die Löbauerin konkrete Pläne: „Hier wird unsere Tagespflege einziehen“, skizziert sie, als sie in den Räumen steht, die noch nach Baustelle aussehen. Dafür plant Frau Riegel einen Durchbruch zum benachbarten Haus in der Äußeren Bautzener Straße, das sie ebenfalls gekauft hat. Hier sei von der alten Bausubstanz nicht viel zu retten gewesen. Deshalb soll es abgerissen und genauso wieder aufgebaut werden. „Das wird das Funktionsgebäude für die Tagespflege“, sagt sie. Gebaut wird aber erst 2017, zu der Zeit, in der auch der Kreisverkehr am Neumarkt errichtet wird.

Eine Neuerung plant Ivette Riegel in Kürze: Die Mutter von drei Kindern will im Erdgeschoss, vis-à-vis des Gerichtes, eine Praxis einrichten. „Ich habe mich in Logotherapie und Existenzanalyse weitergebildet“, erklärt sie. Und genau das wolle sie ab 29. März dort anbieten. „Die Beratung richtet sich an Menschen, die wieder positiv in die Zukunft sehen wollen“, beschreibt sie. Anders als Psychotherapeuten gehe es nicht darum, Probleme aus der Vergangenheit aufzuarbeiten. „Ich will Menschen mit psychischem Problem helfen, wieder Halt zu finden“, sagt Frau Riegel. Dazu wird sie dann ihre Tür am Promenadenring öffnen.