SZ +
Merken

Verkauf statt Fusion

Das Berliner Blatt „Tagesspiegel“ bleibt nicht in derselben Hand wie die „Berliner Zeitung“. Nach Kartelldiskussionen soll nun ein Manager das Blatt kaufen.

Teilen
Folgen

Berlin. Im Kampf um den Berliner Zeitungsmarkt verkauft die Verlagsgruppe Holtzbrinck den defizitären „Tagesspiegel“ überraschend an einen ihrer ehemaligen Top-Manager. Der „Tagesspiegel“ werde vom bisherigen Aufsichtsratsmitglied der Stuttgarter Verlagsgruppe, Pierre Gerckens, übernommen, teilte Holtzbrinck gestern mit.

Der Konzern verzichtet damit auf die angestrebte Fusion des „Tagesspiegels“ mit der „Berliner Zeitung“. Holtzbrinck besitzt auch „Handelsblatt“ und „Die Zeit“ und will am Kauf des Berliner Verlages von der Hamburger Verlagsgruppe Gruner + Jahr festhalten – mit „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“. Dazu soll ein neuer Antrag an das Bundeskartellamt gestellt werden. Das Bundeskartellamt hatte bei einem Zusammenschluss den Wettbewerb auf dem Berliner Zeitungsmarkt in Gefahr gesehen.

Mit einer Ausnahmegenehmigung für die Fusion von Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) sei nicht mehr zu rechnen gewesen, sagte ein Holtzbrinck-Sprecher. Allerdings werde es nun für den „Tagesspiegel“ keine Bestandsgarantie mehr geben, wie sie für eine Ministererlaubnis notwendig gewesen wäre. Die vor allem im Ost-Teil verbreitete „Berliner Zeitung“ mit Auflage 189 000 ist Marktführerin unter den Abonnementszeitungen. Der aus dem Westen stammende „Tagesspiegel“ mit 135 700 Exemplaren liegt auf Platz drei, hinter der „Berliner Morgenpost“ aus dem Verlag Axel Springer.

Gerckens erklärte, er freue sich auf eine selbstständige Verlegertätigkeit. „Dabei stehen mir als unabhängigem Unternehmer mehr Möglichkeiten offen, auch bei kartellrechtlich unbedenklichen Kooperationen, als einem Konzern“, unterstrich der Manager.

Der Chef der Stuttgarter Verlagsgruppe, Stefan von Holtzbrinck, sagte, sein Haus helfe Gerckens „mit keinem Cent“. Im Vergleich zu allen anderen Angeboten liege dessen Vorschlag auf Rang zwei: Gercken habe „ein überzeugendes Konzept vorgestellt“.

Deutliche Kritik an den neuen Plänen kam von Mitbewerbern, so der auf dem Berliner Markt nicht vertretenen Hamburger Verlagsgruppe Bauer. Sie hatte für den „Tagesspiegel“ 20 Millionen Euro sowie 20 Jahre Bestandsgarantie geboten. „Damit sehen wir unsere Bedenken gegen den Verkaufsprozess bestätigt“, sagte Bauer-Sprecher Andreas Fritzenkötter. Holtzbrinck habe den „Tagesspiegel“ nicht wirklich verkaufen wollen. Clement sagte, er hoffe, „dass dadurch die beiden Zeitungen, die beiden Redaktionen erhalten bleiben.“

Der Dortmunder Medienwissenschaftler Horst Röper äußerte den Verdacht, der „Tagesspiegel“ werde in eine „Warteposition“ gebracht, bis ein neues Kartellrecht die angestrebte Fusion mit der „Berliner Zeitung“ doch zulasse. (dpa)