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Verletzt, versichert – aber finanziell in Gefahr

Die Unfallversicherung für Profivereine ist an sich eine gute Sache. Doch mitten in der Corona-Krise steigen die Beiträge extrem. Jetzt wehren sich die Klubs.

Karriereende als Sportinvalide: Ex-Eislöwenprofi Petr Macholda.
Karriereende als Sportinvalide: Ex-Eislöwenprofi Petr Macholda. © Robert Michael

Dresden. Die Zahlungsaufforderung kam keineswegs überraschend. Auch in der Corona-Krise müssen anfallende Versicherungskosten beglichen werden. Und dass die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG), die für Arbeitsunfälle und deren Folgen bei allen Profisportlern aufkommt, ihre Beiträge anheben wird, war noch vor der Pandemie längst beschlossene Sache.

Dass die Erhöhung, und zwar rückwirkend für das Beitragsjahr 2019, zur Unzeit kommt, ist selbstredend. Abgesehen vom Fußball in der ersten, zweiten und dritten Liga sowie die Basketball-Bundesliga haben alle Profi- und Amateurligen die Saison vorzeitig abgebrochen. Damit verbunden sind massive finanzielle Einbußen. Und ausgerechnet jetzt verlangt die VBG mehr Geld. Viel schlechter kann Timing nicht sein. Doch es kommt noch schlimmer.

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Größere Erhöhung als angekündigt

Was Sandra Zimmermann, Geschäftsführerin der Volleyballerinnen des Dresdner SC, per Post mitgeteilt bekam, hat nicht nur sie einigermaßen geschockt: Die Beitragserhöhung fällt deutlich höher aus als gedacht. Auch bei anderen sächsischen Profiklubs reagieren die Verantwortlichen mit großem Unverständnis, vorsichtig formuliert. „Das ist für mich das moralisch Verwerfliche, dass mitten in der größten Krise der Nachkriegszeit solche Entscheidungen getroffen werden“, sagt beispielsweise Dirk Rohrbach, Geschäftsführer des Eishockey-Zweitligisten Weißwasser.

Und im Interview mit dem vereinseigenen Füchse.tv stellt er fest: „Das hat bei uns eine Riesenlücke reingeschlagen, die nicht zu kompensieren ist.“ Beim Ligakonkurrenten Dresdner Eislöwen beziffert Maik Walsdorf, der kaufmännische Geschäftsführer, die Beitragssteigerung auf 60 Prozent, die VBG mache damit jetzt rund zehn Prozent des 2,6-Millionen-Euro-Etats aus. Auch DSC-Managerin Zimmermann nennt Zahlen: „Im Januar wurde uns die Erhöhung angekündigt – mit einer Steigerungsprognose von zehn bis 15 Prozent. Im tatsächlichen Bescheid lag die Steigerung dann aber deutlich höher“, sagt sie.

Konkret bedeutet das: Der Pokalsieger muss ab sofort 30.000 Euro mehr für die Unfallversicherung seiner Spielerinnen zahlen, insgesamt beläuft sich die Summe jetzt pro Saison auf 130.000 Euro. Das entspricht rund zehn Prozent des Etats. „Nach den Personalkosten ist das unser zweitgrößter Ausgabenposten“, betont Zimmermann. Kommentarlos hinnehmen kann und will das der DSC nicht, und der Klub weiß dabei seine Sportart hinter sich. Der Verein hat Widerspruch gegen den Bescheid eingelegt.

Als Partner der Klubs unverzichtbar

Bei der VBG reagiert man gelassener. „Uns ist bewusst, dass die Corona-Pandemie und die getroffenen Maßnahmen zu deren Eindämmung bei einer Vielzahl unserer Mitgliedsunternehmen zu einer angespannten Wirtschaftssituation führen“, lässt sich der Vorstandsvorsitzende Volker Enkerts in einer Pressemitteilung zitieren.

Als Begründung für die Beitragserhöhung nennt die VBG unter anderem steigende Kosten im Gesundheitssystem sowie anwachsende Rentenleistungen. Zudem seien Unfälle und damit die Kosten im Profisport und dort insbesondere bei Mannschaftssportarten im Vergleich mit anderen Branchen weiterhin überproportional hoch. Während sich in Deutschland über alle Branchen hinweg durchschnittlich etwa ein Arbeitsunfall pro Arbeitsleben ereignet, können es im bezahlten Sport mehr als zwei Unfälle pro Jahr sein, argumentiert der Versicherungsträger.

Mit dem sogenannten Gefahrtarif wird dabei das aktuelle Risiko dargestellt. Die Vereine zahlen demnach für das Risiko, das die Sportler derzeit haben. Ermittelt wird das aus dem Verhältnis aktueller Leistungen zu den beitragspflichtigen Entgelten. Dieser Wert werde jedes Jahr überprüft.

Und auch die VBG liefert Zahlen, wenn auch aus dem Jahr 2018: Insgesamt vom deutschen Profisport eingezahlten Beiträgen in Höhe von 92,81 Millionen Euro stehen Entschädigungsleistungen von 94 Millionen Euro gegenüber. Beides darf laut einem Versicherungsprinzip zwar nicht miteinander verglichen werden, die Tendenz aber ist erkennbar.

Zimmermann hält die VBG, bei der alle Sportler mit einem Monatslohn von mindestens 200 Euro monatlich versichert werden können, als Partner des deutschen Profi-Sports für unverzichtbar. Wenn Verletzungen passieren, ist Verlass auf die Versicherung. „Das ist eine Zusatzversicherung, die es so in anderen Ländern nicht gibt. Unsere Spielerinnen wissen das zu schätzen.“ Gleichwohl schlägt die beträchtliche Erhöhung, die Branchenkenner als durchaus nachvollziehbar bezeichnen, natürlich schmerzlich ins Kontor.

Zeitpunkt der Erhöhung verwundert

Aufgrund der besonderen Pandemie-Lage bietet die VBG nun zumindest „Möglichkeiten zur Entlastung in Form von Zahlungserleichterung für die Beiträge an, wie zum Beispiel Stundung und Ratenzahlung.“ Darauf wollen sich einige Vereine berufen, die meisten aber gehen in Widerspruch. So wie Eishockey-Manager Rohrbach für seine Lausitzer Füchse. Er hat einen Erlassantrag gestellt, „um den Beitrag auf das Niveau des Vorjahres zu senken. Wir müssen jetzt schauen, wie die VBG reagiert. Wir sind da sicher keine Einzelkämpfer“, sagt der Weißwasseraner.

Die Eislöwen in Dresden haben bereits einen Teilbetrag an die VBG überwiesen, der Restbetrag wurde gestundet. „Die Erhöhung des Beitragsfußes kann man zwar vom Grunde her kritisieren, die Art der Umsetzung scheint aber rechtmäßig“, betont indes René Rudorisch, Geschäftsführer des Ligaverbandes DEL2.

Ihn bewegt ebenfalls vielmehr der Zeitpunkt. „Der ist inmitten der Corona-Krise für die rückwirkende Beitragsfuß-Erhöhung überhaupt nicht nachvollziehbar. Unternehmen und Sportklubs entzieht man damit automatisch die Gelder staatlicher Hilfspakete, die eigentlich Arbeitsplätze und Organisationen schützen sollten“, sagt Rudorisch, und er lässt durchblicken, dass die Suche nach gemeinsamen Alternativen schwierig ist. „Leider zeigt sich die VBG wenig gesprächsbereit und auch die Politik scheint hier nicht ausreichend durchzudringen“, sagt Rudorisch.

Einen teilweisen Erlass hatten Vertreter mehrerer Ligen in einem gemeinsamen Brief an den zuständigen Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) angeregt und eine zinslose, ratenfreie Stundung der Beiträge bis mindestens zum 15. Dezember 2021 gefordert. Das sei jedoch nicht geplant, teilte das Arbeitsministerium auf Anfrage des Magazins Spiegel mit.

Bei den Zweitliga-Handballern vom HC Elbflorenz Dresden denkt Manager Karsten Wöhler trotzdem weiter perspektivisch positiv. „Uns geht es darum, speziell in dieser Situation, in der sich der Sport durch die Corona-Pandemie befindet, andere Lösungen zu finden. Langfristig gesehen wollen wir die Beiträge reduzieren“, sagt er.

Auch Dynamo schlägt Alarm

Das ist ein Ansatzpunkt, der auch bei der VBG auf Zustimmung stößt. Stichwort Verletzungsprävention und Kostenreduzierung. Zunächst, so Wöhler, sollten die Beiträge bis Ende 2021 aber gestundet werden können. „Den Betrag jetzt komplett zu zahlen, ist für viele Vereine unmöglich“, sagt er. Die VBG bietet an, in Einzelfällen auch Sonderlösungen zu treffen.

Diese Überlegung geht den sächsischen Vereinen nicht weit genug. Sie halten die generelle Gefahreneinstufung, eine wichtige Komponente bei der Beitragsberechnung, für reformbedürftig. Alle Fußballprofis sind in der Gefahrtarifgruppe 1 erfasst, in Gruppe 2 folgen alle anderen, auch Nichtkontaktsportarten wie Tennis oder Schach, in denen das Verletzungsrisiko naturgemäß deutlich geringer ist.

„Das führt dazu, dass wir für den Kreuzbandriss im Amateurfußball mitbezahlen“, sagt DSC-Managerin Zimmermann. Und Kollege Walsdorf von den Eislöwen meint: „Das System mit den Renten und den Zahlungen für Reha- und Präventionsmaßnahmen gilt es allgemein zu überdenken.“

Von der Beitragserhöhung sind natürlich auch die Profifußballvereine betroffen. „Auf uns kommen erhebliche Mehrbelastungen zu, gegen die wir zunächst einmal Widerspruch eingelegt haben. Wir haben in diesem Bereich bereits für das Jahr 2019 circa 185.000 Euro Mehraufwendungen gegenüber dem Vorjahr gehabt“, erklärt Michael Born, kaufmännischer Geschäftsführer von Dynamo Dresden. „Künftig müssen wir nach derzeitigem Stand für die Anhebung der VBG-Beiträge unserer Spieler nochmals eine Erhöhung um mindestens rund 18 Prozent verkraften“, sagt er.

Die Konsequenz trifft alle gleich. Und zusätzliche Kosten könnten bei manchem Verein jetzt die eine Belastung zu viel sein.

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