merken
PLUS Meißen

Verliebt in den Physiotherapeuten?

Wegen Hausfriedensbruchs sitzt eine Großenhainerin vor dem Meißner Amtsgericht. Doch es steckt wohl noch mehr dahinter.

Eine Physiotherapie kann Linderung und Entspannung bringen. Das Verhältnis zwischen einer Patientin und ihrem Physiotherapeuten ist allerdings so angespannt, dass sie vor Gericht landet.
Eine Physiotherapie kann Linderung und Entspannung bringen. Das Verhältnis zwischen einer Patientin und ihrem Physiotherapeuten ist allerdings so angespannt, dass sie vor Gericht landet. ©  Symbolfoto: dpa

Meißen. Nur mit Mühe kann sich die 48-Jährige fortbewegen. Wenn sie sich hinsetzt oder wieder aufsteht, stöhnt sie. Ja, diese Frau brauchte mal einen Physiotherapeuten. Doch sie hat keinen mehr. Mit demjenigen, der sie jahrelang behandelte, hat sie es sich kräftig verscherzt. Das ist noch untertrieben. Denn der Mann hat sie wegen Hausfriedensbruchs angezeigt.  

Die Großenhainerin soll am 11. Dezember vorigen Jahres um 6.50 Uhr kurz vor Öffnung in die Praxis in Meißen gekommen sein. Und das, obwohl ihr der Physiotherapeut schon mehrfach Hausverbot erteilt hatte. Zuerst mehrmals mündlich,  im November dann auch schriftlich. Dabei hat er ihr auch ein Kontaktverbot ausgesprochen. 

Anzeige
Berufe mit Hochspannungs-Garantie
Berufe mit Hochspannungs-Garantie

Der erste digitale DREWAG-Ausbildungstag setzt frische Energien für die Berufswahl frei.

Die Frau akzeptiert das nicht, will ein Gespräch auf "neutralem Boden" in einer Gaststätte. Doch der Mann lässt sich nicht darauf ein.  Dennoch schlägt sie an jenem Tag wieder in der Praxis auf. "Eine Quittung war nicht in Ordnung,  ich wollte das klären, hatte gehofft,  ihn allein sprechen zu können", sagt sie. 

Der Mann will aber nicht mit ihr sprechen, jetzt nicht und später auch nicht. Die Frau will ein Gespräch erzwingen. Rund eineinhalb Stunden soll sie in einem Vorraum gesessen und gewartet haben. Dann rief der Mann die Polizei. Erst dann verließ die Angeklagte die Praxis.

Auch Anzeige wegen Nachstellung

Die Sache hat eine Vorgeschichte. Der Physiotherapeut behandelt die Frau nicht nur seit sechs Jahren,  die beiden kennen sich auch privat.  Man habe sich zum Beispiel zum Geburtstag gratuliert, ist per Du, inzwischen allerdings nicht mehr.

 Für die Frau ist es wohl  mehr als eine Patientenbeziehung. Ist sie verliebt in den Physiotherapeuten, der jedoch ihre Gefühle nicht erwidert? Einiges spricht dafür. Beispielsweise, dass er sie auch wegen Nachstellung angezeigt hat. 

Die Staatsanwaltschaft hatte ermittelt, dann aber die Ermittlungen wegen eines fehlenden hinreichenden Tatverdachts eingestellt. Es sei nicht nachzuweisen gewesen, dass  die  Lebensgestaltung des Mannes durch das Verhalten der Frau schwerwiegend beeinträchtigt gewesen sei, so die Staatsanwältin.  

Für ihre Kontaktversuche erfindet sie immer neue Begründungen. Sie sei dienstlich von Meißen nach Radebeul versetzt worden, habe so die Termine nicht pünktlich wahrnehmen können. "Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht mehr pünktlich kommen konnte, wollte mich dafür entschuldigen", sagt sie.

 Ein anderes Mal wollte sie angeblich ein Rezept aus der Praxis zurückholen. "Ich wusste mir keinen anderen Weg", jammert die Angeklagte. Der Staatsanwältin reicht es ob der Ausreden jetzt: "Sie durften nicht dort hin. Aus. Er wollte Sie nicht in der Praxis sehen, er hat das Hausrecht", sagt sie energisch.  

Ganz viel Selbstmitleid

Wegen des Hausfriedensbruchs hatte die Frau einen Strafbefehl über 400 Euro erhalten. Zehn Tagessätze zu zehn Euro sind am alleruntersten Rand. Dennoch geht sie in Einspruch,  deshalb muss verhandelt werden. Der Richter rät ihr dringend, den Einspruch zurückzunehmen, zumal sie die Tat ja zugegeben hat. 

Über die Höhe des Tagessatzes können man reden, ihn den tatsächlichen Einkommensverhältnissen anpassen. Jetzt folgt eine beispiellose Mitleidsorgie. Wegen des Mannes habe sie ihre Arbeit verloren, weil sie sich nicht mehr habe konzentrieren können. Ihr Ex-Mann habe für die Tochter nicht Unterhalt in voller Höhe gezahlt. Die Tochter wiederum habe ihr Auto durch einen Wildunfall geschrottet. Deshalb habe sie jetzt einen Kredit aufnehmen müssen, auch ein zweites Darlehen müsse sie bedienen. 

Kredite freilich werden bei Geldstrafen nicht mit angerechnet. Und dann habe sie auch noch ein Kollege auf Arbeit mit Corona angesteckt, sie habe sich ein teures Gerät kaufen müssen. Die ganze Welt scheint sich gegen sie verschworen zu haben. 

Das Gericht reduziert die Geldstrafe auf 300 Euro. Dies wird per Beschluss festgestellt. Für die Angeklagte hat das den Vorteil, dass sie nur 70 Euro Gebühr bezahlen muss. Bei einem Urteilsspruch wären es 140 Euro gewesen.    

Der Physiotherapeut war als Zeuge geladen, erschien aber nicht. Offenbar will er der Frau auch im Gerichtssaal nicht mehr begegnen. Die ist darüber sehr enttäuscht. "Ich hätte genügend Sachen mit ihm zu klären. Mein Vertrauen in Menschen ist durch ihn erschüttert", sagt sie. 

Mehr lokale Nachrichten aus Meißen lesen Sie hier.

Mehr lokale Nachrichten aus Radebeul lesen Sie hier.

Mehr lokale Nachrichten aus Riesa lesen Sie hier.

Mehr lokale Nachrichten aus Großenhain lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Meißen