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Vor 500 Jahren starb der Vater der "Sixtina"

Der Italiener Raffael war einer der berühmtesten Maler der Renaissance. Seit 1754 lebt seine "Sixtinische Madonna" in Dresden.

Die Sixtinische Madonna, gemalt 1512 (Ausschnitt). Am 1. März 1754 traf das Gemälde in Dresden ein.
Die Sixtinische Madonna, gemalt 1512 (Ausschnitt). Am 1. März 1754 traf das Gemälde in Dresden ein. © AKG Images

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Raffaels Madonna in der Dresdner Gemäldegalerie habe ich mit fünf Jahren zum ersten Mal gesehen. Ich hatte keine Ahnung, was an ihr „sixtinisch“ sein sollte. Das war ein Erwachsenenwort, das ich nicht verstand. Doch das war mir egal. Sie gefiel mir auf Anhieb, eine junge Mutter, fast so schön wie meine eigene, die mich mit 21 bekommen hatte, und ich fragte mich, warum ihr Sohn, dieser Jesus, so sorgenvoll guckte. Das sah ich aber ein, als mir eines Tages klar wurde, was der Kleine noch alles vor sich hatte. Später wurde mir auch beigebracht, dass das Bild nicht einfach nur schön, sondern enorm bedeutungsvoll war. Als Meisterwerk der Hochrenaissance. Als Juwel der Sammlung Alter Meister und wichtigste Erwerbung von August III., dem es gelungen war, das Altargemälde italienischen Mönchen abzuluchsen, die scharf aufs Geld waren und sich fortan mit einer Kopie begnügten. Als Symbol der Rettung von Kunstschätzen, die dem Krieg der Nazis um ein Haar zum Opfer gefallen wären.

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Der moralische Zwang zur Bewunderung ist oft kontraproduktiv. Wer will schon müssen, wenn es um Gefühle und Geschmack geht? Ich brauchte Jahre, eine gewisse Abneigung gegen Bach und Mozart zu überwinden, die anzubeten der Musiklehrer zur Bürgerpflicht erhoben hatte. Bei Raffaels Maria aber blieb meine Zuneigung vollkommen intakt.

Religiös war ich nie, für mich ist Glauben ein interessanter Aspekt unserer Kulturgeschichte, ohne den wir nicht wären, was wir sind. Die christliche Verehrung einer Frau als Schlüsselfigur dafür, dass Göttliches auf Erden wirken kann, ist für mich ein sympathisches Gleichnis. Ich sage mir: Ohne die starke Zuneigung zu dieser legendären Mama aus dem jüdischen Morgenland wären Kunstwerke wie Monteverdis Marienvesper, eine der ergreifendsten Kompositionen der Menschheit, und auch Raffaels zutiefst berührendes Bild nicht entstanden.

La Fornarina, gemalt 1518. Die Frau könnte Margherita Luti sein, Raffaels Geliebte.
La Fornarina, gemalt 1518. Die Frau könnte Margherita Luti sein, Raffaels Geliebte. © AKG Images

Goethe schrieb 1775, zwei Jahrzehnte nach Ankunft der Sixtina in Dresden: „Hat denn Raphael was anders, was mehr gemahlt als eine liebende Mutter mit ihrem Ersten, Einzigen?“ Ein Jahrhundert später notierte Sigmund Freud ganz schlicht: „Ein Schönheitszauber geht von dem Bild aus, dem man sich nicht entziehen kann.“ Das gefällt mir bis heute.

Als ich bei der SZ anfing, war mein erster Beitrag für die Kulturseiten ein Artikel über die Sixtinische Madonna, die Restaurator Karl-Heinz Weber „auf dem Röntgentisch“ gehabt hatte. Da hatte einer versucht, „sie zu durchschauen“. Aufregend! 1992 ließ ich sie in meiner allerersten Kolumne nachts durch Dresden wandeln, barfuß, obwohl es kalter Februar war. Sie konnte das. Ich glaube, ich war ein bisschen verliebt, in sie oder in die Vorstellung, dass sie lebt. Nach und nach habe ich seither von Florenz bis Rom und Neapel, von Paris bis London und Wien nahezu alle Werke Raffaels gesehen, die in Europas Museen und Kirchen hängen. Doch die Sixtina mit ihrem besonderen Zauber hat mich nie wieder losgelassen.

Wie erst seit knapp hundert Jahren wieder bekannt ist, hat Raffael das Bild schon um 1512 im Auftrag von Papst Julius II. für die Klosterkirche San Sisto alias Sanct Sixtus in Piacenza gemalt – daher der Beiname. Lange Zeit hielten es die Fachleute für ein Spätwerk, das er als Krönung seines Schaffens erst kurz vor seinem frühen Tod am 6. April 1520 gemalt haben sollte. Dokumente existieren dazu nicht, aber im Bild selbst finden sich Hinweise auf die Familie della Rovere, aus der jener Papst stammte, der im Februar 1513 starb. Er hatte das Gemälde wohl als Dankesgeschenk für den Beitritt Piacenzas zum Kirchenstaat gestiftet. Im heiligen Sixtus am linken Bildrand hat Raffael ihn verewigt. Kurios, dass das so lange übersehen wurde, denn es gibt von ihm einige Julius-Porträts.

Er überflügelte seinen Meister bald

Raffaello Sanzio, im Frühling 1483 in Urbino geboren, war jünger als Leonardo und Michelangelo, doch zu seinen Lebzeiten populärer und erfolgreicher als die beiden anderen Ausnahmegestalten der Epoche. Mit acht Jahren hatte er seine Mutter und mit elf auch den Vater verloren. Giovanni Sanzio, Goldschmied und Maler, dürfte ihm bereits einiges beigebracht haben. Sein wichtigster Lehrer aber war dann in Perugia Pietro Vannucci alias Perugino.

Mit zwanzig malte Raffael die „Vermählung der Maria“, ein kühnes Stück nicht nur wegen der souveränen Perspektivgestaltung, und übertraf damit seinen Meister schon früh. Bald darauf weilte er erstmals in Florenz, wo er, wie wir dank einer Zeichnung ahnen, die Frühfassung des Bildnisses der Lisa del Giocondo gesehen haben muss, die Leonardo damals porträtierte. Die Gesichter, die Raffael in dieser Zeit malte, Madonnen, aber auch Zeitgenossen wie das Ehepaar Doni, wirkten schon subtil und lebendig, doch die rätselhafte Beseeltheit, die Intensität, die wir von seinen Hauptwerken aus der Zeit in Rom kennen, hatten sie noch nicht.

Er war 25, als er Ende 1508 dem Ruf in die Ewige Stadt folgte und sofort vom Papst mit gigantischen Aufträgen betraut wurde. Julius II. scheute sich nicht, Verträge mit anderen Malern zu stornieren, um Raffael freie Hand in den Räumen des Apostolischen Palastes zu geben, den „Stanzen“, die der junge Mann aus Urbino im großen Stil mit monumentalen Fresken zu antiken Themen ausstattete. Außerdem war er mit der Verwaltung der Antiken und, nach dem Tod des großen Architekten Bramante, mit der Bauleitung des Petersdoms betraut. Im Stadtteil Trastevere ließ sich Bankier Chigi einen Palazzo errichten, die Villa Farnesina, deren Wände und Decken Raffael ebenfalls mit Fresken ausmalte.

25.000 Scudi bezahlte August III. für die "Sixtinische Madonna": Das entsprach in Dukaten einem 43 Kilogramm schweren Haufen Gold.
25.000 Scudi bezahlte August III. für die "Sixtinische Madonna": Das entsprach in Dukaten einem 43 Kilogramm schweren Haufen Gold. © AKG Images

In jener Zeit könnte er Margherita Luti kennengelernt haben, die Tochter eines Bäckermeisters aus diesem lebendigen Stadtteil, die der Überlieferung zufolge bald seine Geliebte wurde, bei ihm wohnte und für Schlüsselbilder der kommenden Jahre als Modell posierte. Auch wenn es dafür kaum Beweise gibt, ist Raffaels faszinierend sinnlicher Halbakt von 1518 erhalten, der als „La Fornarina“, zu Deutsch „Bäckerstochter“, in Roms Nationalgalerie hängt. Dieses Antlitz taucht in Raffaels Werk schon früher mehrfach auf. Unverkennbar geht die „Donna Velata“ im Palazzo Pitti in Florenz auf dasselbe Modell zurück, und nach Auffassung vieler Experten finden sich ihre feinen, weichen, sensiblen Züge auch bei der Sixtina, jedoch in idealisierter Form, als Melange aus lebendiger Geliebter, junger Mutter und antiker Göttin. 

Angelo Walther, langjähriger Kustos der Dresdner Gemäldegalerie, verwies auf die Ähnlichkeit: „Es darf als sicher gelten, dass sich dieser Gesichtstypus auf eine dem Maler nahestehende Frau bezieht und ihm viel bedeutet haben muss.“ Es heißt, Raffael sei ein feinsinniger Mensch von sonnigem Gemüt gewesen, den Genüssen zugetan, jedoch kein rücksichtsloser Hedonist. So wie die „Fornarina“ lächelt, möchte ich glauben, dass er gut zu ihr war.

Das Altarbild für Piacenza malte Raffael auf Leinwand. Das war ungewöhnlich, denn solche Werke entstanden damals fast ausschließlich auf Holztafeln. Der aus drei Bahnen zusammengenähte Bildträger weist über der Grundierung Vorzeichnungen auf, die belegen, dass Raffael die Frauengestalt zum Teil in natürlicher Blöße entworfen hat. Infrarotaufnahmen zeigen Marias linke Brust mit Brustwarze, die Linien der Achsel und des Oberarms – nackte Körperpartien, die der Künstler später buchstäblich mit Farbe bekleidet hat. Ein weiteres Phänomen fand sich im Gesicht: Marias vier Augen. Im Entwurf ähnelten ihre Züge noch stärker der Bäckerstochter, doch im Malprozess setzte Raffael beide Augen um eine Idee höher, und er veränderte die Blickachse. 

Schaut sie uns an?

Obwohl heute vermeintlich nur ein Augenpaar zu sehen ist, kann jeder, der es weiß, den „zweiten Blick“ spüren. Aufgrund des ungewöhnlich dünnen Farbauftrags, der für die Souveränität Raffaels spricht, scheinen die Augen des nur sacht verdeckten Entwurfs auf magische Weise durchzuschimmern. Das muss nicht Absicht gewesen sein, doch es wirkt. Die Anmutung einer Bewegung, einer Regung. Lebendigkeit. Raffaels Madonna, die als „Epiphanie“, als Erscheinung und Vision, konzipiert ist, zeigt ein Wesen, das aus einer Traum- oder Fantasiewelt herabschwebt in unsere irdische Wirklichkeit. Und sie hat einen Silberblick. Schaut sie uns an? Oder blickt sie über unsere Schulter in eine vage Ferne, eine unsichere Zukunft? Sie ist eine Frau und kann beides.

Dass dieses Werk nicht in Piacenza bleiben würde, konnte Raffael nicht ahnen. Wir wissen nicht, wie der Sohn Augusts des Starken von diesem Bild erfahren hat. Hatte er es als Kronprinz auf seiner Kavalierstour durch Norditalien gesehen?

August III., wie sich der sächsische Kurfürst als Polens König später nannte, war mehr noch als sein Vater ein Freund italienischer Malkunst. Um 1745 erwarb er hundert Werke aus der herzoglichen Sammlung in Modena. Gleichwohl hatte sein umtriebiger Agent Graf Algarotti es nicht geschafft, den wachsenden Gemäldebestand mit einem echten Raffael zu krönen. Dann ergab sich doch noch eine Chance, aber zu welchem Preis! Der Bologneser Professor Bianconi, Onkel eines am Dresdner Hof tätigen Arztes, begann Anfang 1752 mit den Benediktinern des Klosters San Sisto zu verhandeln. Deren Forderung lag zunächst bei 36.000 römischen Scudi, das sächsische Gebot bei 15.000. 

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Beim offiziellen Festakt amüsieren sich die Gäste, Christian Friedel und seine Band machen anschließend die Gemälde effektvoll zu Musik.

Noch ein Jahr später standen 30.000 gegen 18.000, bis man sich im März 1753 bei 25.000 Scudi traf. Das entsprach in Dukaten einem 43 Kilogramm schweren Haufen Gold. Eine horrende Summe, die nie zuvor für ein einzelnes Bild gezahlt worden war. Hinzu kamen die Kosten für die Kopie, die Pier Antonio Avanzini um 1730 gemalt hatte und die seither den Platz von Raffaels Original in Piacenza einnimmt. Das ging am 21. Januar 1754 auf die Reise über die Alpen, und nach reichlich fünf Wochen traf am 1. März die drei mal vier Meter große Kiste mit der heiligen Fracht in Dresden ein.

Und da ist sie noch heute, 500 Jahre nach dem Tod ihres Schöpfers, ein Bild, das nach wie vor zum Schönsten gehört, was ich je gesehen habe.

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