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Verlockung am laufenden Band

Die Bundesregierung wünscht sich für Familien mehr süßwarenfreie Kassen. Die Kunden sehen das etwas entspannter.

Von Anja Beutler

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Der kleine Kerl mit dem bunten Ski-Anzug sitzt in seinem Kinderwagen genau in Griffhöhe: Überraschungseier, Kinderriegel und bunte Bonbontüten stapeln sich im Kassenregal. „Nein, das interessiert ihn noch nicht“, sagt seine Mutter Marlene, die im Zittauer Kaufland in der Christian-Keimann-Straße an der Kasse wartet. Die 35-jährige Zittauerin weiß durchaus, wie es sich anfühlt, wenn Kinder den Lockungen in der Supermarkt-Quengelzone nicht widerstehen können: „Mein großer Sohn hat das schon versucht“, sagt sie. Einmal habe er sogar gesagt, er werfe sich jetzt mal auf den Boden und schreie laut, so wie er es bei einem anderen Jungen gesehen hatte. „Da habe ich nur gesagt, mach mal, ich werfe mich daneben“, sagt die Zittauerin und muss lächeln wenn sie an das verdutzte Gesicht ihres Sohnes von damals denkt.

Den Vorstoß der Bundesregierung, dass mindestens eine Kasse in den Supermärkten quengelfrei sein sollte, hält die Zittauerin jetzt nicht für die dringlichste Aufgabe der Politik. Aber an manchen Tagen seien süßwarenfreie Kassen eine Erleichterung für Eltern mit kleinen Kindern, sagt die Mutter und schiebt den Wagen bis zum Kassierband vor. Sie persönlich ist jedoch sicher: „Es ist eine Erziehungsfrage, man muss von vornherein eine klare Ansage machen.“ Dass gerade Kaufland bereits seit Mitte der 90er Jahre süßwarenfreie Kassen eingerichtet hat, weiß sie. Aber, am Ende stelle sie sich doch eher da an, wo die Schlange am kürzesten ist.

So vorbildhaft Kaufland – egal ob im Oberland, in Löbau oder Zittau – hier ist, bei vielen Märkten und gerade bei den Discountern sind die Süßigkeiten an allen Kassen nicht wegzudenken. Aber auch bei den kleineren Privathändlern liegen Schokoriegel und Bonbons bereit. Wie bei den drei Gener-Märkten in Kiesdorf, Wittgendorf und Obercunnersdorf. „Ja, wir haben da lauter Süßwaren“, bestätigt Cindy Spantig, die bei Gener fürs Marketing zuständig ist. Von der Initiative der Bundesregierung hat sie schon gehört. „Sollte das verbindlich eingeführt werden, müssten wir einen ziemlichen Aufwand betreiben“, sagt sie. Zumal sie in den Märkten nur zwei Kassen haben – in Wittgendorf sogar nur eine. „Aber, was platziert man dann stattdessen an der Kasse? Batterien? Tabak?“, fragt sie. Ideal sei das auch nicht – und quengelig seien Kinder an den Kassen gar nicht so oft: „Das passiert schon vorher, bei den Regalen mit Spielzeug, Süßigkeiten oder auch am Brötchenstand“, sagt Frau Spantig. Deshalb hielte sie eine zwangsweise Einführung für wenig sinnvoll.

Das sieht Heidrun Franke, vom Infotelefon der Verbraucherzentrale Sachsen/Brandenburg hingegen anders: „Wir fordern süßwarenfreie Kassen schon seit Jahrzehnten“, sagt sie – und daran habe sich nichts geändert. Denn im Gegensatz zur Naschabteilung mitten im Markt könne man an der Kasse mit den Kindern nicht mehr diskutieren, Vereinbarungen treffen oder etwas erklären, betont Frau Franke.

Außerdem werden an den Kassen vor allem kleinere, verlockende – und meist auch teurere – Packungen platziert, die dann schnell mit aufs Band wandern. Verbraucherschützerin Franke ist sicher: Selbstverpflichtungen des Handels helfen da wenig, sie plädiere für eine feste Regelung. Und am besten nicht nur für eine Kasse pro Markt. Doch dergleichen strebt die Bundesregierung derzeit gar nicht an. Es geht auch diesmal nicht um ein Verbot, sondern um freiwillige Vereinbarungen mit dem Einzelhandel.

Märkte wie Kaufland sind da generell aus dem Schneider. „Wir haben als familienfreundliche Kasse die ausgewählt, die einen breiteren Durchgang hat, den auch Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen leichter passieren können“, betont die Zittauer Kaufland-Hausleiterin Christina Nitschke. Diese Kassen – und das ist auch bei ihrer Ebersbacher Kollegin in deren Markt so – öffnen als erste und schließen als letzte, sind praktisch immer offen. Statt Kalorienbomben finden sich hier kleine Gebrauchsgegenstände vom Feuerzeug über Lippenbalsam bis zu Batterien, aber auch Geschenkgutscheine. „Dass Kinder quengeln, kommt zwar nur vereinzelt vor, aber manche Kunden nutzen diese Kassen ganz gern“, bestätigt auch die Ebersbacher Kaufland-Leiterin Simone Rehermann.

Familie König aus Zittau wird nach ihrem Einkauf jedenfalls nicht zwingend die quengelfreie Kasse aufsuchen. Ihr fünfjähriger Sohn Paul, der beim Einkauf mithilft und von der Zahnpasta bis zum Katzenfutter die Waren in den Wagen legt, weiß, was er darf und was nicht. „Ich halte das für eine Erziehungsfrage“, sagt Vater König. Quengelfreie Kassen seien sicher entspannend – aber nicht nötig.Auf ein Wort

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