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Verpfiffen

Durch Schiebung wird der BFC Dynamo zehnmal DDR-Fußballmeister. SZ-Leser Rudolf Ulrich hat ein Schuldeingeständnis.

© SZ/Marion Gröning

Sven Geisler

Der Ärger muss raus. Rudolf Ulrich setzt sich an die Schreibmaschine. „Liebe Sportfreunde!“, tippt er die Anrede. Sein Brief geht an den Deutschen Fußballverband der DDR, den DFV. Freundlich formuliert der Fußballfan aus Bischofswerda sein Anliegen. Es gehe um das Meisterschaftsspiel zwischen Rot-Weiß Erfurt und dem BFC Dynamo am 26. Oktober 1985, das die Berliner mit 3:2 gewonnen hatten. Ein höchst umstrittener Sieg. „Wahrscheinlich werde ich auch nicht der einzige sportbegeisterte DDR-Bürger sein, von dem Ihr einen ähnlichen Brief bekommen habt“, mutmaßt Ulrich.

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Dynamo will nicht brav sein
Dynamo will nicht brav sein

Obwohl es beim Termin fürs Mannschaftsfoto diesmal eher unspektakulär zuging, wollen die Schwarz-Gelben Liga 2 mit mutigem Spiel rocken.

Schiedsrichter-Kritiker Rudolf Ulrich hat selbst von kleinauf gekickt, viele Jahre bei der BSG Traktor Schmölln. Auf dem Mannschaftsfoto steht er als Vierter von rechts. Nach wie vor schaut er sich gern Spiele in der Region an. Über Fehlentscheidungen ärg
Schiedsrichter-Kritiker Rudolf Ulrich hat selbst von kleinauf gekickt, viele Jahre bei der BSG Traktor Schmölln. Auf dem Mannschaftsfoto steht er als Vierter von rechts. Nach wie vor schaut er sich gern Spiele in der Region an. Über Fehlentscheidungen ärg © privat

Die Annahme ist berechtigt, schon lange regen sich Fans auf über den „Schiebermeister BFC“. Ulrich kritisiert die Auswahl des Schiedsrichters für die Partie. „Unverständlich ist mir z. B., wie man den Sportfreund Purz, der im Spiel Dresden – BFC als Linienrichter einige Fehlentscheidungen getroffen hatte, im Spitzenspiel Erfurt – BFC als Schiedsrichter einsetzen konnte“, schreibt er an den Verband. Die falschen Pfiffe des vermeintlich Unparteiischen hätten dem BFC „dann auch zwei Pluspunkte“ gebracht, „die ein weiterer Schritt zum erneuten Titelgewinn des BFC sind“.

Reinhard Purz aus Cottbus hatte kräftig nachgeholfen, damit sich der Lieblingsklub von Stasi-Chef Erich Mielke in der Blumenstadt kein Veilchen holt. Ulrich kritisiert unverblümt: „Man muss ja bald annehmen, dass bei uns Meisterschaftsspiele zugunsten des BFC manipuliert werden.“ Und der Schriftsetzer, der zu dieser Zeit in Dresden eine eigene Firma für Druckerzeugnisse betreibt, führt zum Beleg an: „Die Leistungen beim Europacup sprechen dann eine deutliche Sprache über den wirklichen Leistungsstand dieser Mannschaft.“

Manipulation! Dieser schwerwiegende Vorwurf musste die Funktionäre aufschrecken. „Die spielerischen Leistungen sollten doch eine Meisterschaft entscheiden, und sportliche Fairness wird nicht nur von den Aktiven, sondern auch von den Schiedsrichtern und Verantwortlichen des DFV verlangt.“ Ulrich, der heute 73-jährig als Rentner in Wilthen lebt, ist überrascht, als er tatsächlich eine Antwort bekommt. Das Schreiben auf dem offiziellen Briefbogen des Verbandes wirkt wie ein Schuldeingeständnis. Das von ihm kritisierte Spiel sei wie jedes in der DDR-Oberliga von offiziellen Vertretern des DFV beobachtet worden. „In Erfurt waren das die Sportfreunde Bernd Stange (Nationaltrainer), Wolfgang Koch (Leiter des Wissenschaftlichen Zentrums Fußball) und Gerhard Kunze (ehemaliger Oberligaschiedsrichter).“

Im Kern, so heißt es, stimmten die Einschätzungen der Experten mit denen von Ulrich überein. Die Konsequenz: „Wir haben deshalb erzieherische Maßnahmen gegen den Schiedsrichter und einen Linienrichter eingeleitet. Danach werden die Sportfreunde Purz (bis zum Ende der 1. Halbserie des Spieljahres 1985/86) und Supp (für zwei Spieltage) nicht für Punkt- oder Pokalspiele der Oberliga angesetzt.“

Unterschrieben ist der Brief mit Zimmermann, also sehr wahrscheinlich vom DFV-Generalsekretär Karl Zimmermann persönlich. Im Verband wurde die gezielte Bevorteilung des BFC offenbar kritisch ausgewertet. Laut einer internen Analyse der Saison 1984/85 gab es in acht von 26 Spielen klare Fehlentscheidungen, die den Berlinern mindestens acht Punkte brachten. So gewinnen sie mit sechs Zählern Vorsprung auf Dynamo Dresden und Lok Leipzig zum siebenten Mal in Folge den Titel.

17 grobe Fehler nachgewiesen

Dabei ist die Partie in Erfurt nicht mal der Höhe- oder gar Schlusspunkt der Schieberei. Schon nach dem FDGB-Pokalfinale am 21. Juni 1985 zwischen den Dynamos reagierte der Verband mit Sperren. Schiedsrichter Manfred Roßner wird für ein Jahr in die Zweitklassigkeit zurückgestuft. Er bestreitet jedoch, Dresden damals bewusst verpfiffen zu haben. Im SZ-Buch „Dynamo Dresden – eine Legende wird 50“ sagt er: „Ich kann mir so kaum in die Augen schauen, wenn ich das Spiel analysiere. Aber hätte ich absichtlich falsch gepfiffen, wäre ich ein halber Verbrecher. Das bin ich nicht.“

Nach der Videoanalyse listete die Verbandsspitze sage und schreibe 17 grobe Fehler auf, 14 zulasten der Dresdner. Ein reguläres Tor von Ralf Minge wurde nicht gegeben. Es grenzt an ein Wunder, dass die SGD trotzdem mit 3:2 gewinnt und dem BFC das Double vermasselt. Klaus Sammer, damals Dresdner Trainer, erklärte rückblickend: „Zweiter zu werden und ab und zu Pokalsieger – mehr war in der DDR nicht zu erreichen.“ Denn auch in der Saison 1986/87 sollte der BFC zur Meisterschaft gepfiffen werden. Das Skandalspiel in Leipzig am 22. März 1986: Der 1. FC Lok führt durch ein Tor von Olaf Marschall mit 1:0, ist aber nur noch zu zehnt, weil Matthias Liebers unberechtigt die Rote Karte gesehen hat. Aber als Bernd Stumpf, später als IM Richter enttarnt, in der 95. Minute pfeift, ist die Partie nicht etwa zu Ende. Der Berliner Bernd Schulz hatte sich im Strafraum fallen lassen. Elfmeter. Frank Pastor verwandelt zum 1:1. Das Fußballvolk tobt.

Ein Gedicht kursiert, Rudolf Ulrich vervielfältigt es in seiner Schriftsetzerei über die Abzugspresse. Es ist ein Reim auf Schiedsrichter-Namen. „Beim BFC geht’s gut voran, mit Prokop, Stumpf und Habermann. Auch Roßner, Scheurell sorgen prompt, dass der BFC nach vorne kommt“, witzelt die Fanmasse. „So schafft man mit vereinter Kraft für den BFC die Meisterschaft. Doch ist der Schiri mal neutral, bleibt der BFC meist zweite Wahl. Im Meistercup gibt’s schwere Stunden. BFC – gewogen und zu leicht befunden!“

Diese Verse hatte Ulrich seinem Schreiben an den Verband beigelegt. Noch heute ärgert er sich über Fehlentscheidungen. Aber die gezielte Unterstützung des BFC konnte er als Dauerkarteninhaber bei Dynamo Dresden einfach nicht mehr ertragen. „Jeder macht Fehler, aber das war systematisch. Der BFC musste Meister werden. Mit aller Gewalt.“ Das klappte zehn Mal in Folge. Erst in der Saison 1988/89 konnten die Schwarz-Gelben den weinroten Fluch brechen. Nach der Wende ist der BFC abgestürzt, spielt derzeit in der fünftklassigen Amateuroberliga.