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Verrückte Visionäre

Gemeinhardt zahlt einen Bonus für Nichtraucher und Lohn nach Wunsch. Für diese und weitere unkonventionelle Ideen erhielt der Gerüstbauer jetzt einen Preis.

Der „Große Preis des Mittelstandes“ ist der erste Preis, den die Geschäftsführer der Gemeinhardt Gerüstbau Service GmbH Dirk Eckart (links) und Walter Stuber für ihre Mitarbeiter entgegennehmen konnten.
Der „Große Preis des Mittelstandes“ ist der erste Preis, den die Geschäftsführer der Gemeinhardt Gerüstbau Service GmbH Dirk Eckart (links) und Walter Stuber für ihre Mitarbeiter entgegennehmen konnten. © Lars Halbauer

Roßwein. Sie selbst bezeichnen sich als ein wenig verrückt. Aber Dirk Eckart und Walter Stuber, die Geschäftsführer der Gemeinhardt Gerüstbau Service GmbH, haben Visionen. Beides zusammen hat das Unternehmen vorwärts- und ihm den Titel „Finalist beim Großen Preis des Mittelstandes“ eingebracht.

Vor allem wegen ihres sozialen Engagements wurde die Firma von Geschäftspartnern aus ganz Deutschland für den Preis vorgeschlagen. Gemeinhardt geht ungewöhnliche Wege. „Dabei wollen wir eine Firma installieren, die auf die Zukunft ausgerichtet ist. Wir wollen nicht das schnelle Geld machen. Wichtig ist es uns, dass Menschen aus der Region wieder im Handwerk arbeiten“, sagt Eckart.

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45 Mitarbeiter gehören derzeit zum Team. Davon sind sieben Lehrlinge. Für sechs von ihnen hat Gemeinhardt einen besonderen Service eingerichtet und einen kleinen Azubibus samt Fahrer angeschafft. „Was den öffentlichen Nahverkehr betrifft, leben wir in einer sehr strukturschwachen Gegend“, so Eckart.

 Nutzen die jungen Leute den Bus, stehen sie entweder schon eine Dreiviertelstunde vor Arbeitsbeginn vor der Tür oder sie kommen eine halbe Stunde zu spät. Deshalb werden sie jetzt morgens von bestimmten Treffpunkten abgeholt und nach Arbeitsschluss dort wieder abgeliefert. Rund 30 Kilometer ist der Kleinbus täglich unterwegs.

Die Geschäftsführer haben aber die Mobilität aller Mitarbeiter im Blick. Deshalb gibt es seit dem vergangenen Monat das Angebot, jedem ein Firmenfahrrad oder Firmenauto zur Verfügung zu stellen. Bisher seien fünf Fahrräder und zwei Autos angefragt worden.

Kitazuschuss und Zusatzrente

Bereits vor Jahren hätten sich die beiden Geschäftsführer mit dem Sinn des Unternehmens beschäftigt und klare Werte und Ziele abgesteckt. Dabei sei der Slogan „Beste Gerüste für den besonderen Zweck mit den tollsten Mitarbeitern“ entstanden, erklärt Walter Stuber. Danach werde im Unternehmen gehandelt und nicht ausschließlich auf Zahlen geschaut. Wobei die natürlich auch eine Rolle spielen – im positiven Sinn auch für die Mitarbeiter.

Für jedes Kind eines Mitarbeiters zahlt Gemeinhardt einen monatlichen Zuschuss in Höhe von 80 Euro für den Kitaplatz. Pro Monat werden je Mitarbeiter 50 Euro für eine Zusatzrente angespart. Es gibt eine Existenzgrundversicherung. Wer länger als 18 Monate krank ist, erhält eine monatliche Garantierente von 1 500 Euro. Pro Jahr gibt die Firma 500 Euro für die Rückenschule während der Arbeitszeit aus. In die Weiterbildung aller Mitarbeiter investiert Gemeinhardt jährlich rund 150 000 Euro.

Wer nicht raucht, bekommt im ersten Jahr einen Bonus von 20 Cent pro geleisteter Arbeitsstunde. Mit jedem weiteren Jahr als Nichtraucher erhöht sich der Betrag um jeweils fünf Cent. „Wird jemand beim Rauchen erwischt, muss er das gesamte Geld zurückzahlen“, sagt Stuber.

Außerdem gibt es einen Wunschlohn. Der resultiert aus den Ideen der Mitarbeiter, die zur Verbesserung der Arbeit oder des Klimas unter den Kollegen beitragen. Dabei muss es sich nicht um umwälzende Projekte handeln. Dirk Eckart nennt ein Beispiel: „Bei dem Team, das in Braunschweig arbeitet, herrschte Unzufriedenheit, weil ständig das Toilettenpapier und die Papierhandtücher alle waren sowie Seife und die Tabs für den Geschirrspüler fehlten. 

Ein Kollege hat sich bereiterklärt, sich um den Einkauf zu kümmern – die Kosten übernimmt natürlich die Firma – und, darum, dass die Dinge immer vorrätig und an Ort und Stelle sind.“ Diese Initiative war den Geschäftsführern einen Lohnzuschlag von 50 Cent pro Stunde Wert. „Ein anderer Mitarbeiter aus dem Frankfurter Team postet zweimal pro Woche Bilder und Kommentare über die Arbeit und die Projekte dort im Internet. Dafür bekommt er 80 Euro pro Monat zusätzlich“, so Stuber.

Löhne um etwa 30 Prozent höher

Außerdem werde versucht, Wochenendarbeit zu vermeiden und die wöchentliche Arbeitszeit von 40 Stunden einzuhalten. Werden es doch mehr, kommen die Überstunden auf ein Konto, um im Winter arbeitsfreie Zeiten zu überbrücken, oder die Stunden werden ausgezahlt. Grundsätzlich, so schätzt Eckart, zahlt Gemeinhardt seinen Mitarbeitern einen etwa 30 Prozent höheren Lohn als andere Firmen in der Region.

Vielen Unternehmern sei der Gewinn das Wichtigste. „Das rächt sich irgendwann“, meint Stuber. Er geht davon aus, dass sich der Fachkräftemangel in den nächsten fünf Jahren noch verstärken werde. Dann gehe es nicht mehr um Bilanzen, sondern darum, ob die Firma noch genügend Mitarbeiter hat, um das Geld auch zu erwirtschaften. Das werde derzeit unterschätzt.

Die Gerüstbauer sorgen vor und blicken gleichzeitig nach vorn. Derzeit seien Projekttage mit einer freiberuflichen Erzieherin in Vorbereitung, zu denen Kindergartengruppen und Schulklassen in die Firma eingeladen werden sollen. Einfach, um den Kindern zu zeigen, wie ein Gerüst gebaut wird. Das können sie, in kleinem Maßstab, auch selbst probieren. Vorgesehen sei auch eine 3 D-Gerüstplanung. Die ist vor allem für Jugendliche gedacht, die dann mit einer sogenannten VR-Brille (Virtual-Reality) durch ein virtuelles Gerüst gehen und dessen Aufbau kennenlernen können.

Weil sie ein bisschen verrückt sind, und noch mehr innovative Ideen suchen, werden Dirk Eckart und Walter Stuber demnächst für sechs Tage nach Silicon Valley fliegen. Dort besuchen sie Schulen sowie Firmen und stellen ihr Buch „Mutmacher – Praxishandbuch von zwei verrückten Unternehmern“ vor.

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