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Warum ein Görlitzer Maler den 60. auf der Straße feierte

Große Pläne für runde Geburtstage - in Corona-Zeiten sind sie Makulatur. Da ist auch bei Görlitzer Promis Improvisationskunst gefragt.

© Nikolai Schmidt

Seinen 80. Geburtstag am 3. Mai hatte sich Rainer Müller ein wenig anders vorgestellt. 

Rainer Müller: Marbella-Trip abgesagt und Fest in den Herbst verschoben

Eigentlich wollte er mit seiner Frau einen romantischen Abend in Marbella verbringen. "Und etwas später hätten wir in Görlitz ein Fest gefeiert wie an jedem meiner runden Geburtstage", sagt der frühere Banker und heutige Vorsitzende des Görlitzer Aktionskreises. Dann hätte er Freunde und Familie aus ganz Deutschland ins Offkino Klappe die Zweite eingeladen, um dort die Lubitsch-Komödie "Sein oder nicht sein" zu schauen, die fast so alt ist wie er. Aber nun verbrachte er den Tag in kleiner Runde zu Hause. 

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Gern erinnert sich Rainer Müller im Vergleich dazu an seinen 70. Geburtstag, den er mit Freunden in den Höfen am Untermarkt feierte. An den 60., zu dem er in die Nähe von Danzig einlud, weil er damals in Warschau arbeitete. An den 50. in Regensburg, der schon von seinem Aufbruch nach Görlitz geprägt war, wo er die Deutsche Bank leiten sollte und später seinen Ruhestand verbringen würde. 

Besonders aber erinnert er sich an seinen 40. Geburtstag im Jahr 1980. "Damals habe ich eine Filiale der Deutschen Bank in Karachi geleitet, der größten Stadt Pakistans", erzählt Rainer Müller. Ein Jahr zuvor hatte es dort eine islamische Revolution gegeben, die ein Alkoholverbot nach sich zog. Ein Freund Müllers aber hatte einen großen Champagnervorrat in die Prohibitionszeit hinübergerettet, den sie an seinem Geburtstag tranken. "Es war ein fröhliches Fest am Rand der Legalität." 

Um diesmal nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen, hat Müller sein diesjähriges Fest abgesagt. Im Herbst will er es nachholen. Auch wenn die Kinobar am Klosterplatz demnächst wieder öffnet – die Gäste nun doch noch einzuladen, sei ihm zu kurzfristig.

Andreas Neumann-Nochten: Party zwischen Straße und Hausflur

Auch Andreas Neumann-Nochten hatte ein großes Fest geplant. "Bisher hatte ich nur meinen 50. mit Pauken und Trompeten gefeiert", sagt der Künstler. "Alle früheren runden Geburtstage waren von negativen Lebensereignissen überschattet." Aber der 60. sollte nun doch wieder Anlass sein, Familie und Freunde wiederzusehen und gemeinsam mit ihnen in seinen Geburtstag am 19. April hineinzufeiern. Genau 60 Leute bis aus Freiburg und Hamburg hatte er in den "Dreibeinigen Hund" in der Görlitzer Altstadt eingeladen. Doch Corona kam dazwischen, im März sagte ihm die Gaststätte ab. 

Andreas Neumann-Nochten (l.) zeigt anlässlich seines 60. Geburtstags Bilder aus 30 Jahren in der Galerie Zwoneun, die ihm Ludwig Stalf (r.) in der Görlitzer Hotherstraße 29 zur Verfügung stellt.
Andreas Neumann-Nochten (l.) zeigt anlässlich seines 60. Geburtstags Bilder aus 30 Jahren in der Galerie Zwoneun, die ihm Ludwig Stalf (r.) in der Görlitzer Hotherstraße 29 zur Verfügung stellt. © André Schulze

So stellte Andreas Neumann-Nochten einfach vor seinem Haus in der Hotherstraße einen kleinen Tisch mit Blumen auf. Wer vorbeikam, bekam ein Glas Sekt durchs Fenster, es wurde eine Party auf Abstand zwischen Straße und Hausflur. "Manche, auf die ich gehofft hatte, ließen sich nicht sehen", erzählt er. "Andere kamen, von denen ich es nie erwartet hätte." Besonders freute er sich, als Renate und Gotthard Pissang spontan mit ihren Trompeten von der Peterskirche herunterkamen und ihm ein Ständchen spielten. 

In seiner Galerie "Zwoneun" ein paar Häuser weiter, Hotherstraße 29, hatte Neumann-Nochten eine neue Ausstellung mit Bildern einer jungen Künstlerin eröffnen wollen, doch auch die kam wegen Corona nicht zustande. Also gönnte sich der Künstler zu seinem 60. Geburtstag eine Ausstellung mit eigenen Werken aus den vergangenen 30 Jahren, vor allem große farbige Gemälde, die Görlitz oder auch Eindrücke von Reisen in die USA und nach Osteuropa zeigen. 

Margrit Kempgen: Gruppenbild mit Maske für Nachkommen

Margrit Kempgen von der Kirchlichen Stiftung Evangelisches Schlesien hat ihren 70. Geburtstag noch vor sich. Am 31. Mai will sie ihn feiern. "Verschieben kommt für mich nicht infrage", sagt sie. "So viele Wochenenden hat der Herbst gar nicht, dass man alle Feste dahin verlegen könnte." Stattdessen hat sie sich mehrere Varianten für ihre etwa 25 Gäste große Geburtstagsgesellschaft mit Leuten aus ganz Deutschland, Luxemburg und Polen überlegt. Ihre Freunde aus den USA werde sie diesmal nicht sehen können.

Margrit Kempgen kümmerte sich jahrelang um das Heilige Grab, den Nikolaifriedhof und die Nikolai- und die Lutherkirche (im Bild). Jetzt wird sie 70.
Margrit Kempgen kümmerte sich jahrelang um das Heilige Grab, den Nikolaifriedhof und die Nikolai- und die Lutherkirche (im Bild). Jetzt wird sie 70. © Nikolai Schmidt

Plan A enthalte eine Fahrt nach Polen, die sowohl etwas für die betagten Gäste als auch für die Enkelkinder im Grundschulalter bietet. Plan B sei mit einer Ausfahrt in die nähere Umgebung verbunden, Plan C ein Spaziergang. Alle Ziele seien Überraschungen für die Gäste und mit viel frischer Luft verbunden, das Zustandekommen sei abhängig von Grenzöffnungen, Quarantäne- und Abstandsregeln. Organisatorisch sei so ein Geburtstag natürlich herausfordernd, sagt Margrit Kempgen. "Aber es heißt ja, durch geistige Beweglichkeit altere man langsamer." 

Wie sie mit den Hygieneregeln genau umgehe, wolle sie erst kurz vorher planen, sagt Margrit Kempgen. "Je nachdem, wie Ende Mai die Bestimmungen sind. Noch ändern sie sich ja häufig." Auf die Buchung von Zimmern habe sie verzichtet, und auch einen Restaurantbesuch habe sie nicht vorgesehen. "Dann müssten wir uns ja über einen Saal verteilen und einander zurufen, wenn wir uns unterhalten möchten." Das komme nicht infrage. Lieber wolle sie Essen bei einem Lieferdienst bestellen. 

Es werde sicherlich auf jeden Fall ein Geburtstag, den sie nie vergessen werde. "Besonders freue ich mich schon auf das Gruppenbild mit Masken, das unseren Nachkommen Rätsel aufgibt."

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