merken
PLUS

Verschollen im Busch

Ein Rollstuhlfahrer verunglückte im Tharandter Wald. Seine Rettung: ein aufmerksames Ehepaar.

Von Susanne Sodan

Ihre übliche Runde sind Karin und Norbert Speck vor ein paar Tagen gelaufen. Die beiden Dresdner parkten gegen 10 Uhr ihr Auto an den Waldhäusern in Kurort Hartha und machten sich auf den Weg zum Tiefen Grund im Tharandter Wald. Die beste Route, um Pilze zu suchen, meint Karin Speck. Mit dabei war auch die Enkelin des Ehepaares. An diesem Tag hatten sie Pech: kein einziger Pilz weit und breit. Mit leeren Händen wollten die drei in der Nähe von Bellmanns Flügel umkehren. So wie immer. Norbert Speck ging mit seiner Enkelin noch ein Stück weiter, bergabwärts zum Tiefen Grund.

Anzeige
Fachkrankenhaus und Intensivrehabilitation
Fachkrankenhaus und Intensivrehabilitation

Die KLINIK BAVARIA Kreischa versorgt Patienten nach der Übernahme aus einem Akutkrankenhaus umfassend und interdisziplinär.

Da hörte er es, einen Ruf. Kein Hilferuf, erzählt er, sondern einer, den er nicht recht zuordnen konnte – und deshalb auch nicht weiter beachtete. Seine Frau war weiter oben auf einem Waldweg stehengeblieben. Sie hatte nichts gehört, und Norbert Speck erzählte ihr auch nicht von dem seltsamen Ruf aus dem Wald. Die drei gingen gegen 11.45 Uhr zurück zum Auto – und trafen auf ein Großaufgebot der Polizei.

Mehr als zwölf Stunden zuvor: Bei der Polizeidirektion Freital ging gegen 9 Uhr ein Notruf ein. Ein Mann aus dem Seniorenwohnheim Aventinum werde vermisst, ein Rollstuhlfahrer. Der 57-Jährige hatte sich am 29. Oktober auf den Weg zu Verwandten in Dorfhain gemacht. Nichts Ungewöhnliches. Über einen asphaltierten Waldweg kam er dort immer sicher an. Auch am 29. Oktober. In der Mittagszeit war er zuletzt in Dorfhain gesehen worden, da war er schon auf dem Rückweg nach Kurort Hartha. Aber auch am Abend traf er dort nicht ein.

Die Polizei reagierte sofort. Noch am Abend stieg ein Hubschrauber über dem Tharandter Wald auf, suchte mit Wärmebildkameras nach dem Mann. Alle verfügbaren Einsatzkräfte des Polizeireviers Dippoldiswalde gingen Straßen und Waldwege ab – ohne Ergebnis. „Dass wir den Mann über die Wärmebildkameras nicht erkannt haben, kann mehrere Ursachen haben“, erklärt Polizeihauptkommissar Andreas Wnuck. „Möglich ist, dass das Wärmesignal durch das Unterholz gedämpft wurde.“ Gegen 22 Uhr brach die Polizei die Suche ab. Eine stockfinstere Nacht, ohne Mondschein, fünf Grad kalt. In einer solchen Situation ein so großes Gebiet abzusuchen – unmöglich, meint Wnuck. Der Hubschrauber drehte also ab, die Einsatzkräfte gingen.

Am nächsten Morgen wurde die Suche wieder aufgenommen, diesmal mit Großaufgebot. Wieder kreiste der Hubschrauber über dem Tharandter Wald. Die Pferdestaffel brach eine ihrer Übungen ab, als sie angefordert wurde. Ein Spürhund wurde aus Chemnitz herankutschiert. Revierförster Holger Baumann und Holger Jakob von der Stadtverwaltung halfen mit ihrer Ortskenntnis weiter. Nichts. Kein Lebenszeichen von dem Rollstuhlfahrer. „Wir waren dabei, eine Vermisstenfahndung für die Öffentlichkeit herauszugeben“, erzählt Alexander Steinke, Polizeiführer vor Ort.

„Komm, wir fragen mal nach, was los ist, und ob wir in Gefahr sind, hab ich zur Kleinen gesagt“, erzählt Karin Speck. Nein, war die Antwort, es werde ein Vermisster gesucht. Vor allem aber wollte das Mädchen, Reiterin und Pferdenärrin, einen Blick auf die Rösser in den Polizeitransportern werfen. Schließlich gingen sie zum Auto, stiegen ein. „Wir wollten schon wieder nach Hause fahren. Ich habe meinem Mann nur kurz gesagt, was passiert war.“ Der Ruf im Wald, dachte Norbert Speck. „Das mussten wir melden, ich hätte sonst keine Ruhe gehabt“, meint seine Frau. Also wieder raus aus dem Auto, hin zu den Polizeibeamten. Auf einer Karte zeigte das Ehepaar, wo sie den Vermissten vermuteten. Nämlich weit ab vom Zentrum der Suche. Und die beiden hatten recht. Der verunglückte Rollstuhlfahrer konnte gefunden werden, lebendig, sogar nahezu unverletzt.

Eine andere Route war er gefahren, nicht nach links Richtung Bellmanns Flügel, sondern nach rechts, am Pionierweg entlang zum Tiefen Grund. Warum, weiß man nicht. Auch, wie es zu dem Unfall kommen konnte, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Der Tiefe Grund ist noch immer vom Juni-Hochwasser gezeichnet. „Bevor die Sanitäter an den Mann rankamen, mussten wir erst mal beräumen“, erzählt Holger Jakob. Möglicherweise war ein Ast in die Speichen des Rollstuhls geraten und hatte dafür gesorgt, dass er umkippte. Selber erzählen kann der verunglückte Mann nichts – nach einem Schlaganfall kann er nicht mehr sprechen.

Normalerweise führt er ein Handy mit sich. Mit dem hätte er sich vielleicht bemerkbar machen können, zumindest sei der er damit zu orten gewesen, erklärt Andreas Wnuck. Aber der 57-Jährige hatte es nicht mitgenommen, das Handy blieb im Aventinum liegen. Zudem trägt er ein spezielles Armband, einen sogenannten Funkfinger. Die Reichweite dieser Geräte beträgt jedoch nur 300 Meter.

„Da kamen mehrere unglückliche Umstände zusammen. Dass wir den Mann gefunden haben, war riesiges Glück. Und ohne den Hinweis des Ehepaares hätten wir dafür noch viel länger gebraucht“, fasst Andreas Wnuck den Fall zusammen.

Für ihre Courage, ihre Aufmerksamkeit wurden Karin und Norbert Speck am Dienstag im Tharandter Rathaus geehrt. „Bei aller Professionalität – wir sind auf solche Menschen angewiesen“, meint Wnuck.