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Verschütteten Gefühlen auf der Spur

Die Pirnaer Kunsttherapeutin Ramona Sonntag hilft bei inneren Konflikten. Mit Farben, Pinseln und Stiften.

© Norbert Millauer

Von Thomas Morgenroth

Zeichnen Sie ein Ereignis, das Sie besonders berührt hat“, sagt Ramona Sonntag und legt zwei Blätter vor mich hin. Ein weißes Papier als Unterlage und darüber ein transparentes. Ich muss nicht lange überlegen, was mich in den vergangenen Tagen emotional stark bewegt hat: Der Tod des Meerschweinchens namens Knuddel meines jüngsten Sohnes Linus. Vor allem, wie der beinahe Fünfjährige mit dem Verlust umgeht, wie er trauert, und wie wichtig ihm neben dem Trost durch die Eltern bestimmte Rituale sind, um von dem geliebten Haustier Abschied zu nehmen.

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Ich nehme also den Bleistift und zeichne das Kind mit einem Holzkreuz in der Hand, das wir gemeinsam gebastelt haben, vor einem offenen Schuhkarton kniend. Darin liegt eine Wuschelrolle mit Augen, das dahingeschiedene Meerschweinchen. Später wird es im Garten beerdigt, das Grab mit Steinen gefasst und bepflanzt.

Das aber zeichne ich nicht mehr, das erkläre ich der Kunsttherapeutin, die mein Blatt nimmt und vor sich hinlegt. Sie gibt mir dafür ihre Skizze, die den Auftritt eines Gospelchores zeigt, den sie mit organisiert hat. Sie selbst aber steht nicht auf der Bühne. Die Aufgabe ist nun, dem Bild des anderen eine Resonanz zu geben, etwas zu verändern, hinzuzufügen oder zu übernehmen. Weil das auf einem weiteren Transparentpapier geschieht, bleibt das Original erhalten und kann immer wieder als Vergleich herangezogen werden.

Ramona Sonntag ergänzt meine Szene um eine weitere Person, das soll ich sein, zeichnet Tränen auf das Gesicht des Kindes und einen Baum als Symbol der Hoffnung. Ich wiederum stelle die Pirnaerin hinter den Kulissen dar, wie sie den Stecker des Mikrofons für die Sängerin in den Verstärker steckt. Wir beide sind aus Sicht des anderen für die Geschichte wichtig, was wir uns nun gegenseitig bestätigen.

Nun könnten wir wieder tauschen, über Stunden, Tage, sogar Monate hinweg die Bilder in „Schwingungen“ bringen, darüber ins Gespräch kommen, neue Blickwinkel auf unser Leben finden und dabei erkennen, wie wir Ereignisse und Situationen emotional bewältigen und daraus dann Schlüsse ziehen, wie es anders und besser gehen könnte. „Das passiert natürlich schrittweise, man legt ja nicht gleich alles offen, man muss erst Vertrauen gewinnen“, sagt Ramona Sonntag.

„Progressives Therapeutisches Spiegelbild“ heißt diese Methode der Psychoanalyse und Kunsttherapie, die der kürzlich verstorbene italienische Professor Gaetano Benedetti maßgeblich entwickelt hat. Sie gehört zu den Arbeitsweisen, mit denen Ramona Sonntag ihre Klienten anregt, verschütteten Gefühlen, Problemen und Phantasien Ausdruck zu verleihen. Durch den kreativen Prozess mit Stiften, Farben und Pinsel, aber auch mit Händen, Ton und Speckstein, können Dinge an die Oberfläche gelangen, die im Unterbewusstsein schlummern. Ramona Sonntag sagt „Klient“ nicht „Patient“, weil sie auf die gesunden Ressourcen des Menschen schaut. „Diese will ich ja fördern.“

In Dresden betreut die 47-Jährige in Zusammenarbeit mit einer Psychotherapeutin zurzeit eine Gruppe von Männern und Frauen, die an Depressionen und Angststörungen leiden. Aber auch bei Burn-out-Syndromen und psychosomatischen Erkrankungen konnte die Therapeutin schon helfen. Oder Menschen mit traumatischen Erlebnissen wie einer Frau, die über den Verlust eines Familienangehörigen nicht trauern konnte, weil sie sich selbst vorwarf, dass sie doch hätte vielleicht noch etwas tun können. „Wir haben das in der Therapie wie auf einer Bühne noch einmal durchgespielt und so verarbeitet“, sagt Ramona Sonntag. „Dann konnte sie weinen, der innere Konflikt war gelöst.“

Einmal in der Woche ist sie in einem Heim der Diakonie in Königsbrück. Dort hat sie es mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommen, die körperliche und seelische Qualen durch ihre Eltern erleiden mussten. Eine Herausforderung für Ramona Sonntag, die selbst Mutter von drei Töchtern ist, die jüngste wird jetzt 18.

Als sie so alt war, wollte Ramona Sonntag, die aus Hohenstein-Ernstthal stammt, Biologie studieren, was nicht geklappt hat. Sie wurde Krankenschwester im Intensivbereich, war aber damals schon künstlerisch interessiert. In Zeichenzirkeln und heute in Kunstkursen bei Volker Lenkeit in Pirna fand und findet sie „sehr schöne Gemeinschaften andersdenkender Menschen“. Ihrem Beruf hielt sie deshalb die Treue, arbeitete in Halle an der Saale und in Radeberg. Die Kunst blieb ihr liebstes Hobby, bis sie der Künstler Hans-Ulrich Wutzler endlich darauf brachte, beides miteinander zu verbinden.

Ramona Sonntag studierte berufsbegleitend Kunsttherapie an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin, ist seit 2007 freischaffend, arbeitet aber in Teilzeit weiterhin als Krankenschwester in der psychiatrischen Abteilung des Klinikums Pirna. Kunsttherapeuten gibt es zwar mittlerweile in vielen psychiatrischen Anstalten und sogar in sächsischen Gefängnissen, aber als Berufszweig ist die Kunsttherapie nicht offiziell anerkannt und wird von den gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlt. Wer einen Termin bei Ramona Sonntag bucht, bekommt also eine private Rechnung.

Ich brauche nichts zu bezahlen, meine Therapiestunde diente ja der Recherche. Immerhin habe ich dabei verstanden, dass es gut ist, sich über seine Gefühle klarzuwerden und diese auch zu äußern. Und das als Mann! Meinem Sohn werde ich einfach sagen können, dass ich ihn liebhabe. Und meiner Frau? Der male ich ein Bild.

Nächsten Dienstag lesen Sie, wie das Reiten auf Pferden einen therapeutischen Nutzen haben kann.