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Verschwiegener Genozid

Vor 100 Jahren begann das dunkelste Kapitel für das stolze Volk der Armenier. Ein Görlitzer Arzt leistete in dem Land später Entwicklungshilfe.

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Von Dr. Peter Stosiek

Es war der 24. April 2002, und ich stand in einer langen Schlange schweigender, schwarz gekleideter Menschen, die sich zentimeterweise vorwärts bewegte, stundenlang, in sengender Sonne, Frauen und Männer, Alte und Junge, an den Händen Kinder, hinauf auf den Tsitsernakaberd, den Berg des Mahnmales am Rande von Yerevan, der Gedenkstätte eines Volkes an den Beginn seiner dunkelsten Stunden der Neuzeit. Ich war in dieses karge „Land der Steine“ gekommen, um Entwicklungshilfe zu leisten und hatte alsbald Freundschaft geschlossen mit den intelligenten, wissbegierigen, warmherzigen Menschen. Und nun hatten sie mich mitgenommen zu dieser würdevollen Prozession. Aufgrund ihrer Andersartigkeit (301 n. Chr. hatten sie inmitten eines heidnischen, später islamischen Umfeldes das Christentum angenommen) und ihrer Randlage am Ende des Abendlandes waren sie schon immer ein Spielball der Mächtigen, Vertreibungen und Massaker ihr Schicksal. Aber was 1915 geschah, sprengte alles Dagewesene. Es war der erste, geplante, systematisch durchgeführte Völkermord der Türken an ein bis 1,5 Millionen Armeniern. Das alles ist dokumentierte Geschichte, nachzulesen in den verzweifelten Berichten von Augenzeugen, dem des deutschen Pastors Johannes Lepsius beispielsweise. Die Welt wusste davon und schwieg.

Oben am Berg stehen sie jetzt, an der schlanken Stele mit Blick auf den mächtigen, für sie unerreichbaren Ararat, ihren Berg, singen leise ihre alten, traurigen Lieder. Und da stehen die Gedenktafeln für die Menschen, die ihnen in der Not beigestanden haben: eine für Johannes Lepsius und eine für Franz Werfel, den deutschen Juden, der ihre Geschichte mit seinem Roman weltbekannt gemacht hat. Als wir vom Berg herabsteigen, stelle ich die Frage: Warum wollt ihr nicht vergessen? Warum wollt ihr nicht verzeihen? Und dann kommt die Antwort: Erst wenn der türkische Präsident hier steht, seine Knie beugt, wie euer Willy Brandt in Warschau, wenn er bekennt und um Vergebung bittet, dann können wir beginnen zu verzeihen. Und erst, wenn wir verziehen haben, können wir beginnen zu vergessen. Das ist die Reihenfolge. Nichts erledigt sich von allein.