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"Corona ist eine Inszenierung der Pharmaindustrie"

Wie halten es Lehrer der Görlitzer Waldorfschule mit der Corona-Pandemie? Eine Frage mit Zündstoff.

Corona-Demo auf dem Marienplatz Mitte Mai.
Corona-Demo auf dem Marienplatz Mitte Mai. © Matthias Wehnert

Aus purer Neugierde ging die Görlitzerin an einem Sonnabendvormittag auf den Marienplatz. Schließlich hatte sie eine Einladung bekommen – zum „Frühlingsliedersingen zur Stärkung des Immunsystems und zur Stärkung der Grundrechte“. Unter dem Titel war eine Corona-Demo angemeldet, die im Mai mehrfach in der Görlitzer Innenstadt stattfand. Unter anderem von einer Lehrerin der Görlitzer Waldorfschule. Und das macht der Görlitzerin Sorge, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen mag: Ihr Kind besucht die Waldorfschule. Wie wird dort mit der Corona-Krise umgegangen?

Erste E-Mail: Demo-Einladung von Elternrätin

Auslöser der Frage sind zwei E-Mails. Die eine ist die Einladung, die die Mutter erhalten hat. So wie offenbar auch andere Waldorf-Eltern. Denn bei der Demo am folgenden Sonnabend habe sie auch andere Eltern gesehen, ebenso Lehrer der Waldorfschule. „Sie können diese Demo ja auch gerne machen“, sagt die Mutter. „Für mich ist nicht das Problem, dass sie ihre Meinung vertreten. Auch wenn es nicht meine Meinung ist.“ Sie sorgt sich eher um das, was in die Schule getragen wird. 

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Zweite E-Mail: voller Verschwörungstheorien

Noch mehr Sorge aber macht ihr die zweite E-Mail. Wieder stammt sie aus Görlitzer Waldorfkreisen. So schreibt ein Lehrer: „Es wird immer deutlicher: das, was wir zurzeit als ‚Corona-Krise‘ erleben, ist eine knallharte Inszenierung gewisser Kreise der Pharmaindustrie“.

Unter anderem bezieht der Lehrer sich in seiner E-Mail auf Shiva Ayyadurai, einen US-amerikanischen Ingenieur, Wissenschaftler und Unternehmer, der immer wieder mit verschwörungstheoretischen Ansichten aufgefallen war. „So wird endgültig verständlich, dass der ungeheuerliche wissenschaftliche Reduktionismus der mit der ‚Corona-Krise‘ die Welt in ‚Angst und Schrecken‘ versetzt, nicht das Ergebnis unfähiger ‚gutmeinender‘ Politiker, sondern eine gewollte, brutale und weitreichend vorbereitete Aktion zur Knechtung und Ausbeutung der ganzen Menschheit ist", schreibt der Lehrer. 

Für sie sei das „abgedreht“ sagt die Waldorf-Mutter. „Ich finde keine anderen Worte dafür.“ Auch wenn sie diese E-Mail nicht direkt von dem Lehrer erhalten hat - dennoch hat sie sich unter Waldorfeltern verbreitet, erzählt sie.

Alles nur privat

Gezielt an Waldorf-Eltern habe er die E-Mail keinesfalls geschickt, teilt der Lehrer auf SZ-Anfrage mit. Er habe sie privat an eine Freundin gesendet, die auch ein Kind an der Schule hat. „Dass die E-Mail weitergereicht wurde, bedauere auch ich.“ Ähnlich äußert sich die Lehrerin, die zu den Anmeldern des „Frühlingsliedersingens“ gehört. Die Versammlung habe sie privat mit Freunden organisiert. Vor allem sei es darum gegangen, etwas gegen das Angstgefühl während des Lockdowns zu tun. Dazu sei ein zweiter Aspekt gekommen: „Wir wollten auch daran erinnern, dass wir unsere Grundrechte auf jeden Fall zurück wollen, sobald das möglich ist.“

Mit der Waldorfschule habe das nichts zu tun, ist ihr wichtig zu betonen. Nur an einige Freunde, „von denen wir dachten, dass sie das gut finden“, sei eine Einladung gegangen. Die letztlich auch eine Elternrätin erreichte – die sie über den Schulverteiler weiterverbreitet habe. „Das war unpassend“, sagt die Lehrerin, „wir haben auch geklärt, dass das nicht geht“. 

Hört sich zunächst nicht nach Verschwörungstheorie an. Ob sie die zweite E-Mail, die ihres Kollegen, kenne? „Ich finde es mutig, dass er seine Meinung so äußert“, sagt die Lehrerin. Jeder solle seine Meinung vertreten können. Ob die Meinung des Lehrers auch die ihre ist? Bei dem Punkt, die Corona-Krise sei eine „knallharte Inszenierung gewisser Kreise der Pharmaindustrie“ offenbar ja: „Mal ganz ehrlich, das sieht man doch.“ Zum Beispiel beim Thema Impfung.

Wie die Schule reagiert

Alles privat, so reagiert auch die Schule. Geschäftsführer der Görlitzer Waldorfschule ist Lutz Ackermann. Zwischen dem „Frühlingsliedersingen“ und der Schule bestehe keine Verbindung, teilt er mit. „Selbstbestimmtes Handeln und freie Meinungsäußerungen außerhalb des schulischen Wirkungsfeldes sind ausschließlich Privatinitiativen der handelnden Personen.“ 

Die Trennung von Privatem und Schulischem – darauf weist er mehrfach hin. Zum Beispiel, wenn es um die E-Mail-Kontakte geht. Oder auch bei der Frage eines Infektionsrisikos: „Da wir die Corona-Proteste nicht organisieren, sind wir die falschen Ansprechpartner“, so Ackermann. „Einen Einfluss auf das Verhalten der Schüler oder deren Eltern außerhalb der Schule haben wir nicht und sind uns daher wohl bewusst, dass damit ein Risiko für eine Verbreitung der Infektion verbunden sein kann.“

Sucht man auch eine inhaltliche Distanzierung, dann vergeblich. Dass es aber gärt, lässt sich der Schulzeitung entnehmen, dem Böhme-Boten. In der jüngsten Ausgabe geht es um die Corona-Schutzmaßnahmen. Diese würden von allen Kollegen mitgetragen - unabhängig von unterschiedlichen persönlichen Einstellungen zur Corona-Krise. Das will die Waldorf-Mutter gerne glauben. „Ich halte die meisten Lehrer für sehr vernünftig.“ Aber über die Sätze danach muss sie schmunzeln:

Professionelle Verantwortlichkeit im Beruf und bürgerschaftliches Engagement in der Freizeit stehen an der Waldorfschule nicht im Widerspruch, heißt es. Insofern werde die „angemeldete und vom Gesundheitsamt genehmigte samstägliche Initiative zum Frühlingslieder-Singen“ von einzelnen Kollegen als Privatperson unterstützt, „ist aber gänzlich unabhängig von unserer Schule“.

Interessant findet die Mutter dabei, dass gleich nochmal auf den genauen Tag der Demo hingewiesen wurde. Zum Schluss ein bisschen Abgrenzung. Wenn auch nicht aus eigenem Mund, sondern als Zitat vom Bund der Freien Waldorfschulen: Um die Kinder in ihrer Entwicklung zu unterstützen, gehöre auch: „eine Urteilsdisziplin bei uns Erwachsenen, die über polarisierte Vereinfachung hinausführt, statt sie weiter aufzuheizen.“

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