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"Besorgter Bürger" lehrt an Waldorfschule

Thomas B. hat eine eigene Sicht auf die Corona-Krise. Das habe nichts mit der Schule zu tun, heißt es. Stimmt das?

Auch eine Art Bühne, der Görlitzer Marienplatz. Hier fand das "Frühlingsliedersingen", eine Corona-Demo, statt.
Auch eine Art Bühne, der Görlitzer Marienplatz. Hier fand das "Frühlingsliedersingen", eine Corona-Demo, statt. © Danilo Dittrich

Auf der Bühne hat er schon häufig gestanden. Schließlich hat er am Eurythmeum  in Stuttgart getanzt. Eurythmie hat er auch in München und Wien studiert, eine Art der Darstellenden Kunst, wie sie Rudolf Steiner Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte und zum Bestandteil der Waldorfpädagogik gemacht hat. Jetzt lehrt Thomas B. das Fach an der Görlitzer Waldorfschule. So steht es auf seiner eigenen Internetseite.  Doch ist da noch mehr zu finden, vor allem seine Ansichten zur Corona-Krise. Im Görlitzer Stadtgeschehen stand der Lehrer bislang weniger auf der Bühne. Doch seine Corona-Auffassungen werfen nun ein anderes Licht auf ihn.

"So wird endgültig verständlich, dass der ungeheuerliche wissenschaftliche Reduktionismus, der mit der ‚Corona-Krise‘ die Welt in ‚Angst und Schrecken‘ versetzt", schreibt er in einer E-Mail, "nicht das Ergebnis unfähiger ‚gutmeinender‘ Politiker, sondern eine gewollte, brutale und weitreichend vorbereitete Aktion zur Knechtung und Ausbeutung der ganzen Menschheit ist". Seine Ansichten habe er privat in einer Mail an eine gute Freundin geschrieben, deren Kind auch auf die Waldorfschule geht. Zwar war es nicht seine Absicht, sie weiter zu verbreiten. Doch es geschah, sie landete auch im Mailfach anderer Waldorf-Eltern, die nun Alarm schlagen. 

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Sie stellen sich viele Fragen: Sind das Verschwörungstheorien, alternative Fakten oder ist es einfach eine andere Sicht auf die Dinge? Und verbreitet der Lehrer sie auch im Unterricht an der Waldorfschule oder äußert er sie nur außerhalb seiner beruflichen Tätigkeit?  Schließlich: Wessen Geistes Kind in der Corona-Krise sind die Waldorfschule und ihre Pädagogen? Klar ist: Anderer Meinung zu sein, ist noch kein Vergehen. Auch in der Corona-Krise nicht.

Und plötzlich geht es um Bill Gates

Gegenüber der SZ bedauert der Lehrer, dass die Mail weitergeleitet wurde. Aber er scheint auch niemand zu sein, der mit seiner Meinung hinterm Berg hält. Das zeigt seine Internetseite, und auch das Schreiben an die SZ - in dem er seine Motivation erklären will. Ein Ziel seiner Kritik: Bill Gates. Der amerikanische Multimilliardär  ist das Lieblingsziel von Corona-Verschwörungstheoretikern derzeit: Seine Stiftung habe schon vor Jahren eine Pandemie angekündigt, ihre Gelder zur Bereitstellung einer Impfung sei jetzt nur der Versuch, erneut Geld zu verdienen. So hörte es sich auch schon bei den Demonstrationen auf dem Görlitzer Postplatz an, die Ärzte organisierten.

Dem Lehrer ist vor allem ein Interview von Bill Gates zur Entwicklung eines Impfserums gegen das Coronavirus in den Tagesthemen ein Dorn im Auge. Alleine schon, dass dieses neunminütige Interview - "nie zuvor wurde in dieser Sendung einer Persönlichkeit des öffentlichen Lebens neun Minuten Interview-Zeit gewährt" - am Ostersonntag, während alle Kirchen geschlossen und Versammlungen verboten waren, ausgestrahlt wurde, empfinde er als "hochgradig unangemessen" und "für das öffentlich-rechtliche Fernsehen geradezu als Skandal". 

Was dran ist an den kruden Theorien um den Microsoft-Gründer und Milliardär, und woher sie rühren, hat kürzlich der Deutschlandfunk in einem Faktencheck beleuchtet. Der Lehrer aber sieht sich nicht als Verschwörungstheoretiker:  Bei seinen Ausführungen handele es sich vielmehr um "berechtigte Sorgen von vielen Bürgern in Deutschland und international".

Dass Mails in der Corona-Krise von Lehrern der Waldorfschule weiterverbreitet werden, scheint kein Einzelfall zu sein. Auch eine Einladung zum "Frühlingsliedersingen" auf dem Marienplatz in Görlitz kam so in die Welt. Die Schule versucht, die Debatte einzuhegen, klar zu machen, dass das die privaten Ansichten der Lehrer sind, die aber mit dem Verhalten der Schule in der Corona-Pandemie nichts zu tun habe. Schnaps ist Schnaps, und Bier ist Bier.

"Das hatte ja mit der Schule nichts zu tun"

So ist es einer Elternrätin wichtig, noch einmal zu erklären, dass die Einladungs-Mails nicht über den Schulverteiler weitergeleitet wurden - praktisch einen schulamtlichen Weg genommen haben - sondern lediglich über den Verteiler des Elternrates verteilt wurden. Die Schule habe damit nichts zu tun, sagt sie am Dienstag gegenüber der SZ. Wie sie inhaltlich zum Thema stehe? Dazu will sie sich nicht äußern. Denn ihre private Meinung habe nicht unbedingt mit ihrer Funktion als Elternrätin zu tun. 

Privatinitiativen haben nichts mit der Schule zu tun - ähnlich reagiert auch Lutz Ackermann, Geschäftsführer der Görlitzer Waldorfschule. Es gebe keine Verbindung zwischen dem "Frühlingsliedersingen" und der Schule,  erklärt er. "Selbstbestimmtes Handeln und freie Meinungsäußerungen außerhalb des schulischen Wirkungsfeldes sind ausschließlich Privatinitiativen der handelnden Personen", so Ackermann. "Diese Aktivitäten sind ausdrücklich nicht durch die schulischen Gremien gestützt."

Lehrer spielt keine zweite Geige

Auf die Frage, wie er als Geschäftsführer der Waldorfschule Görlitz zu der Corona-Demo und dem Inhalt der E-Mail von einem seiner Lehrer steht, geht er nicht ein. Sondern bezieht sich auf die Frage der Verbreitung: "Eine Nutzung von schulinternen Kontaktdaten durch Mitarbeiter der Schule zur Verbreitung persönlicher Meinungen oder Informationen hat es nicht gegeben." Das Kollegium sei auch darauf hingewiesen worden, dass schulische Kontaktmöglichkeiten nur dienstlich genutzt werden dürfen. Und "die missbräuchliche Verwendung von Mailkontakten zu Mitgliedern des Elternrates durch die Weiterleitung einer privaten Nachricht", sei gerügt worden.  

Alles privat? Der Lehrer mag vielleicht nicht auf der großen Bühne stehen. Zweite Geige ist er aber auch nicht. Die Görlitzer Waldorfschule wird getragen vom Jacob-Böhme-Schulverein. Die Internetseite des Vereins führt ihn als Mitglied des Vorstandes.

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