merken
PLUS Radebeul

Verständnis für Zirkusleute schwindet

Seit über drei Monaten helfen Weinböhlaer Bürger und die Gemeinde dem wegen Corona im Ort gestrandeten fahrenden Volk. Jetzt wurden Strom und Wasser abgestellt.

Inzwischen fast schon ein gewohnter Anblick. Der Circus Magic campiert noch immer auf dem Festplatz in Weinböhla. Seit Sonnabend nun aber gegen den erklärten Willen der Gemeinde, die Eigentümerin der Fläche ist.
Inzwischen fast schon ein gewohnter Anblick. Der Circus Magic campiert noch immer auf dem Festplatz in Weinböhla. Seit Sonnabend nun aber gegen den erklärten Willen der Gemeinde, die Eigentümerin der Fläche ist. © Norbert Millauer

Weinböhla. Die Solidarität mit den Zirkusleuten war groß. Als der Circus Magic im März nach Weinböhla kam und die verhängten Verbote zum Schutz vor Corona sowohl das geplante Gastspiel als auch ein Weiterziehen verhinderten, organisierte sich im Ort spontan Unterstützung. Weinböhlaer stellten beispielsweise Flächen für die Tiere, und Futter zur Verfügung. Auch die Gemeindeverwaltung zeigte sich großzügig. In den vergangenen gut drei Monaten hielt die Hilfe nicht nur an, sondern wurde sogar noch breiter.

Doch wer inzwischen mit Weinböhlaern spricht, merkt sehr schnell, dass sich in den vergangenen Tagen etwas geändert hat. Die Stimmung kippt. Nicht nur bei den Einwohnern. Auch im Rathaus. Dort will man das Kapitel Circus Magic beenden. Eigentlich sollten die Zirkusleute bereits bis zum vergangenen Freitag das Gelände an der Nassauhalle verlassen. Laut Bürgermeister Siegfried Zenker war das Zirkuschef Samuel Endres bereits am 24. Juni mitgeteilt worden.

Anzeige
Sachsen entdecken und erleben
Sachsen entdecken und erleben

Lernen Sie unbekannte Orte der Region kennen - wir geben Ihnen Insidertipps um die Schönheit und Einzigartigkeit Sachsens neu zu entdecken.

Auftrittsorte vermittelt

„Durch die Aktivität der Gemeinde Weinböhla wurden auch weitere mögliche Aufführungsorte wie Großenhain oder Strehla vermittelt. Dies haben wir dem Zirkus am 11. sowie am 23. Juni übermittelt“, so der Bürgermeister weiter. „Vertragsabschlüsse sind uns leider keine bekannt geworden.“ 

Stattdessen habe der Zirkus Gründe angeführt, die es ihm unmöglich machen würden, weiterzuziehen. „Gründe, für die einerseits der Zirkus - mit Verlaub - hätte vorausschauend selbst Vorsorge treffen können und für die andererseits die Gemeinde Weinböhla auch nicht einstehen kann und möchte“, sagt Siegfried Zenker und zählt auf: „Abgelaufene Hauptuntersuchungen bei Fahrzeugen, verschlissene Reifen, defekte Zugmaschinen sowie fehlende finanzielle Mittel.“

Mit einer amtlichen Mitteilung vom 29. Juni, die per Mail bereits am 26. Juni übermittelt wurde, habe das Rathaus dann noch einmal bekräftigt, dass die Unterstützung durch die Gemeinde am 3. Juli endet. Und auch mögliche Konsequenzen aufgezeigt. „Weil durch den Zirkus keine entsprechenden Aktivitäten gezeigt wurden, haben wir die am Festplatz anliegenden Medien wie angekündigt am vergangenen Freitag getrennt.“Seitdem haben die Zirkusleute werden Strom noch Wasser. Da sind sie aber immer noch. Und so konnte am Sonntag auf dem Platz auch nicht der geplante und von der Gemeinde vertraglich zugesagte Flohmarkt stattfinden. „Wir sind dem Flohmarktbetreiber sehr dankbar, dass es trotz der mangelnden Bereitschaft des Zirkus, ein wenig auf dem großen Gelände zusammenzurücken, für diesen sehr gut besuchten Markt mit dem Kirchplatz eine Sonderlösung geben konnte und somit eine Vertragsstrafe für die Gemeinde abgewendet werden konnte“, ergänzt der Rathauschef.

Zirkuschef und Familienvater Samuel Endres sagte am Dienstag auf SZ-Nachfrage: „Wir sind fahrendes Volk und wollen gern weiterziehen und auftreten. Das können wir aber nicht, weil unsere Zugmaschine seit zwei Wochen fertig repariert in der Werkstatt in Meißen steht, wir aber nicht das Geld haben, um sie auszulösen.“ Die zu behebenden Mängel, um den Tüv zu bekommen, seien umfangreicher gewesen als erwartet. „Wir können immer nur das in Ordnung bringen lassen, wofür nach einem Veranstaltungsort das Geld reicht.“ Und in den vergangenen Monaten habe es außer den Vorstellungen in Weinböhla, nach der Lockerung der Corona-Beschränkungen, keine Auftritte gegeben. „Die Einnahmen von zehn bis 20 Leuten je Vorstellung decken nicht einmal die Unkosten.“

Hilfe bei Hygienekonzept

Der Zirkuschef lobt die Herzlichkeit und Hilfe der Weinböhlaer. „Die Unterstützung von der Gemeinde war aber nicht so groß, wie sie jetzt darstellt.“ Anderswo hätten gestrandete Zirkusse auch Sach- und Geldspenden von den Kommunen erhalten.Im Rathaus dürften solche Äußerungen wohl auf wenig Verständnis stoßen. Schließlich kann der Zirkus den Platz bis heute nutzen, ohne einen Cent dafür zu bezahlen. Und auch auf die Kosten für Wasser, Strom und Müllentsorgung verzichtete die Gemeinde Weinböhla. „Zur Beantragung von Sozialleistungen benötigte der Zirkus von uns eine Bestätigung über den momentanen Standort Weinböhla. Dies übermittelten wir am 16. März, auch unter dem Hinweis der Unterstützung bis zum Wegfall der coronabedingten Ausgangsbeschränkungen und Veranstaltungsverbote“, so der Bürgermeister.

Mit den eintretenden Lockerungen der Corona-Schutzverordnungen sei der Zirkus, wie auch andere Gewerbetreibende, zur Umsetzung der Hygienevorschriften beraten worden. „Mitte Mai haben wir als weitere Unterstützung für den Zirkus ein Hygienekonzept erarbeitet und dieses sowie dessen Umsetzung mit dem Zirkus besprochen.“ Zeltaufbau und Training konnten so beginnen. „Ende Mai bekamen wir vom Kreisgesundheitsamt die Zustimmung für das Hygienekonzept und somit war es für den Zirkus auch möglich, sowohl in Weinböhla als auch im restlichen Sachsen Gastspiel-Aufführungen zu geben.“Davon machte der Zirkus in Weinböhla auch Gebrauch und dankte am 10. Juni für die erfahrene Hilfe mittels einer Gala-Veranstaltung mit freiem Eintritt für alle Unterstützer. Siegfried Zenker: „Um nochmals einen finanziellen Bonus für den Zirkus zu erwirtschaften, erklärte sich die Gruppe Buddy Joe am 20. Juni dankenswerterweise bereit, ein Benefizkonzert im Zirkuszelt zu geben, bei dem die Hälfte der Einnahmen dem Zirkus zugutekamen.“

Der Bürgermeister weist auch noch einmal auf die große Welle der Hilfsbereitschaft für den Zirkus im Ort hin: „Wir wissen zum Beispiel von honorigen Spenden unserer Lions, der CDU- als auch der BIW-Fraktion unseres Gemeinderates und der Kirchgemeinde.“ Zahlreiche weitere private Geld- und Sachspenden kamen hinzu. Darüber hinaus habe es eine beispiellose Fürsorgebereitschaft für die Tiere des Zirkus gegeben. „Hierbei sind besonders Antje Herrmann sowie Christin Teucher zu nennen. Weinböhla hat sich sehr menschlich, fürsorglich und hilfsbereit gezeigt. Das hat mich gefreut, darauf bin ich sehr stolz und ich möchte dafür meinen demütigen Dank aussprechen.“

Gleichbehandlung garantieren

Was die Gemeinde angeht, betont der Bürgermeister, so müsse deren oberste Prämisse und Richtschnur weiterhin eine weitgehende Gleichbehandlung aller Akteure im Ort bleiben. „Das erlaubt leider kein weiteres Verbleiben des Zirkus auf dem Festplatz und keine weiterführende Unterstützung des Zirkus - auch nicht für die Instandsetzung der Fahrzeuge.“ 

Denn wie könnte die Gemeinde das den zahlreichen Gewerbetreibenden und Privatpersonen in Weinböhla erklären, die auch aufgrund der Corona-Krise und ihrer Folgen nachvollziehbar ebenso nach gemeindlicher Unterstützung fragen? „So nachvollziehbar und menschlich hart die persönliche Situation auch ist - die uns zugesprochenen Steuermittel sollten doch ganz vorrangig für das Allgemeinwohl und nicht zur Abwendung persönlicher Härten eingesetzt werden“, sagt Zenker. „Dafür sieht unser Sozialsystem andere Mittel vor. Ich hoffe, der Circus Magic versteht und akzeptiert dies.“

Samuel Endres rechnet indes wohl immer noch damit, dass die Gemeinde die Reparaturkosten übernimmt. Bestenfalls hofft er noch auf private Spenden.Was die Gemeinde unternehmen wird, wenn der Zirkus nicht weiterzieht, ließ der Rathauschef am Dienstag offen: „Dies gilt es noch in Ruhe zu beraten.“

Mehr zum Thema Radebeul