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Vertrauen wächst durch Kompetenz

„Stieleiche - Quercus robur … Birke - Betula pendula…„, wiederholen Nico Schneider, Pierre Zock, Sebastian Wittich und Oliver Miertschink lateinische Begriffe. Den vier Jugendlichen rauchen die Köpfe....

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Von Andreas Kirschke

„Stieleiche - Quercus robur … Birke - Betula pendula…„, wiederholen Nico Schneider, Pierre Zock, Sebastian Wittich und Oliver Miertschink lateinische Begriffe. Den vier Jugendlichen rauchen die Köpfe.

Was für den Laien wie eine Wissenschaft für sich klingt, ist für die Jugendlichen, die seit September Lehrlinge für Garten- und Landschaftsbau sind, wichtiges Vokabeltraining. „Es geht ums Üben und Wiederholen. Ohne Zensuren“, verdeutlicht Lehrerin Jutta Michel. Verlangt doch die Prüfung solide Pflanzenkenntnisse. Stützunterricht in der Rietschener Ausbil-dungsstätte „Haus am Wege“.

Unmittelbar an der B 115 liegt sie. „Am Wege“ sozusagen. Doch der Name verheißt weit mehr. „Sich auf den Weg machen für das Leben“, betont Thomas Stein, Leiter der Einrichtung, den eigentlichen Hintergrund.

1991 gegründet und seit 1996 in Trägerschaft der Jugendberufshilfe der Diakonissenanstalt „Emmaus“ Niesky entstand eine außerbetriebliche Ausbildungsstätte für sozial benachteiligte und mitunter lernbeeinträchtigte Jugendliche. Praxis- und lebensnah zugleich. Ein Ort gelebter Nächstenliebe.

Kommen doch Jugendliche mit den unterschiedlichsten Schicksalen hierher. Oft sind ihre Familien zerbrochen. Probleme wie zum Beispiele die Schuldenfalle, teilweise auch die Suchtproblematik oder andere negative Erfahrungen haben ihr Vertrauen erschüttert.

Neues zu gewinnen, bleibt schwierig, braucht Zeit, viel Fingerspitzengefühl. Für die Jugendlichen wie für die Ausbilder und Betreuer im Wohnheim gleichermaßen. „Für uns ist wesentlich, den Jugendlichen dort abzuholen, wo er ist. Ihn so zu nehmen, wie er ist“, schildert Thomas Stein. „Alles andere wäre wohl an ihm vorbeigeplant.“

Was ihm wichtig ist: Mitarbeiter und Jugendliche reden „auf einer Augenhöhe“. Nicht übereinander, sondern miteinander. „Wir sind nicht hier, um die Jugendlichen zu missionieren“, stellt er klar. „Es ist für sie auch keine Zugangsvoraussetzung, dass sie gläubig sind.“ Nächstenliebe muss sich vielmehr im Alltag bewähren. Im Zuhören-können, im offenen Umgang, im Vorleben, im Auffangen und Sich- einlassen-können.

„In gelebter praktischer Hilfe“, wie Thomas Stein es nennt. „Vertrauen wächst im Sinne von Kompetenz. Wenn Jugendliche zu mir kommen, und wir lösen das Problem gemeinsam, arbeiten daran - dann schafft das allmählich auch neues Vertrauen.“

Inzwischen hat sich das „Haus am Wege“ zu einem wichtigen Knotenpunkt im sozialen Netz der Region entwickelt.

Über 300 Jugendliche aus dem Einzugsbereich des Arbeitsamtes Bautzen fanden hier schon eine Ausbildung. Davon schlossen rund 250 erfolgreich ab.

Die Vermittlungsquote auf dem späteren Arbeitsmarkt liegt zwischen 40 und 50 Prozent. „Das heißt aber nicht gleich, dass die Hälfte sofort in der Arbeitslosigkeit landet“, differenziert der Leiter. „Einige gehen nach der Ausbildung zur Armee, einige junge Frauen gehen in Mutterschaft.“

46 Jugendliche (davon 21 auch im Wohnheim) bildet und betreut das „Haus am Wege“ derzeit. Ihre Vermittlung erfolgt ausschließlich über die Berufsberatung des Arbeitsamtes.

Schwerpunkte in Rietschen sind die Berufe Koch, Garten- und Landschaftsbauer, Bau- und Metallmaler sowie Maler und Lackierer. „Die Ausbildung begleiten wir sozialpädagogisch“, erläutert Thomas Stein. „Das heißt, für jeden Jugendlichen entwickeln wir einen individuellen Förderplan. Jugendliche, Lehrmeister, Stützlehrer, Sozialpädagogen und Betreuer im Wohnheim sind einbezogen.“

Die Theorie erfolgt in den Berufsschulen Görlitz, Hoyerswerda sowie in Dresden. Praxis erwerben sich die Jugendlichen in ausbildungsspezifischen Betrieben und Firmen der Region.

Auch im „Haus am Wege“ in Rietschen vor Ort. „Ich versuche, sie auf die Betriebe für später so praxisnah wie möglich vorzubereiten“, schildert Joachim Ziesch, Ausbilder für die Malerlehr-linge.„Wichtig ist das auch zwischen unserer Einrichtung und den Berufsschulen“, unterstreicht Thomas Stein. „Monatlich treffen wir uns zu Ausbilderkonferenzen, diskutieren Probleme. Es ist ein permanentes Gespräch. Einfach, um das Ausbildungsnetzwerk für die Jugendlichen sichtbar enger zu knüpfen.“ Sie selbst sehen durchaus Chancen für später. Für den ersten Arbeitsmarkt. „Es gibt viele Möglichkeiten für mich“, zählt Oliver auf. „Ich kann mal im Straßenbau arbeiten, in einer Baumschule oder im Wald.“

Perspektiven dank seiner Ausbildung im Garten- und Landschaftsbau. Für sie wie für die anderen Bereiche sind neue Kurse beantragt.

Thomas Stein hofft auf deren Genehmigung im Sommer. Was er sich sonst wünscht? „Dass unsere Einrichtung - mit all ihren Mitarbeitern und Jugendlichen - weiter behütet bleibt.“