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Vertraute Märchenerzählerin

Jenny Pietsch absolviert als Erste ein Freiwilliges Soziales Jahr im Seniorenzentrum Elstra. Ein konstruktiver Versuch.

Von Manuela Reuß

Jenny hat mit einem Buch auf dem Sofa Platz genommen und liest vor. Zu ihrer Rechten sitzt eine Greisin mit schlohweißem Haar und hört andächtig zu. Die Omi linker Hand lugt neugierig in die bunt bebilderte Lektüre. Die Situation hat etwas von Familienidylle. Allerdings passt der grün-weiße Kittel, den Jenny Pietsch trägt, nicht so recht ins Bild. Denn hier liest nicht etwa eine Enkelin ihren Großmüttern vor, sondern eine Pflegerin ihren Schützlingen.

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Seit zehn Monaten geht die 17-jährige Elstraerin regelmäßig im Seniorenzentrum „Am Stadtpark“ in Elstra ein und aus. Freiwillig. Denn Jenny Pietsch absolviert dort seit September ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ). Fürs Team ist die FSJlerin eine große Unterstützung, schätzt Heimleiterin Daniela Gnauck ein. Obwohl die 17-Jährige nicht alleinverantwortlich arbeiten darf, helfe ihr Einsatz enorm. Die Elstraerin hilft beim Essen zubereiten, unterstützt das Personal bei der Pflege der Bewohner und beim Erstellen der Pflegedokumentation, bringt sich in der Alltagsgestaltung ein, übernimmt organisatorische Aufgaben. Jenny erarbeitet beispielsweise in der Wohngruppe „Zur Hainmühle“ auch eine Art Orientierungsplan in puncto Essen. Sie notierte unter anderem, wer zum Frühstück lieber Brötchen mag und wer Brot bevorzugt, wer Süßes liebt, wer Herzhaftes. „Fürs Personal ist das eine tolle Hilfestellung. Vor allem, wenn mal jemand in der Wohngruppe aushelfen muss“, weiß die Heimleiterin. Denn obwohl es für alle vier Wohngruppen eigentlich Stammpersonal gibt, komme es durch Urlaub oder Krankheit doch mitunter zu solchen Wechseln.

Wenn Jenny Dienst hat, dann ist sie in der Hainmühlen-Gruppe zu finden. Die Heimleitung entschied sich, die FSJlerin nur in einem Hausbereich einzusetzen. Das gebe Sicherheit. Sowohl den Bewohnern als auch Jenny. Inzwischen ist die ruhige, ausgeglichene junge Frau den an Demenz erkrankten Frauen und Männern vertraut und sie freuen sich, sie zu sehen.

Arbeit gibt es im Seniorenzentrum reichlich. Nicht nur Grundpflege und Essenszubereitung gehören dazu. Jenny liest vor, hilft den Alltagsgestalterinnen beim Gedächtnistraining und anderen Beschäftigungen. Die 17-Jährige dreht mit Bewohnern, die das wollen, auch gern ein paar Runden durchs Gelände. Was ihr am meisten Spaß macht? „Die Pflege“, sagt sie. Am liebsten holt sie die Bewohner morgens aus den Betten und hilft ihnen beim Waschen und Anziehen. „Weil die Leute so dankbar sind für alles“, erklärt die FSJlerin.

Am Montag wird Jenny ihre letzte Schicht leisten. Dann ist ihr Freiwillige Soziales Jahr Geschichte. Etwas eher als geplant. Weil sie im August ihre Ausbildung zur Sport- und Fitnesskauffrau beginnt. Anfangs hatte sie die Altenpflege favorisiert. Deshalb absolvierte sie in der neunten Klasse bereits ihr Schülerpraktikum im Elstraer Seniorenzentrum. Damals entdeckte sie an der Wandzeitung ein Plakat, auf dem fürs FSJ geworben wurde. Jenny wurde neugierig, erkundigte sich beim Netzwerk für Kinder- und Jugendarbeit Bischofswerda, welches rund 100 FSJ-Stellen in Ostsachsen anbietet und bekam die Stelle in Elstra. Auch wenn ihre Ausbildung jetzt in eine andere Richtung geht, empfindet sie das FSJ keinesfalls als vergeudete Zeit. Ganz im Gegenteil. Es bringe einen guten Einblick in die Praxis. Und man könne ausprobieren, was einem liegt und was nicht. Jenny erkannte, das ihr der Umgang mit Menschen Spaß macht. Doch in die Altenpflege wollte sie am Ende dann doch nicht. Eine Entscheidung die Daniela Gnauck versteht. „Man muss ehrlich zu sich selbst sein.“ Wer Altenpfleger werden will, müsse sich hundertprozentig darauf einlassen. Jeder ticke anders und die Bewohner seien auch nicht jeden Tag in der gleichen Verfassung. „Das ist mitunter schwer zu verkraften.“

Deshalb sei es gerade für medizinische Berufe gut, vorab zu testen, ob man für den Job wirklich geeignet ist, weiß Birgit Pietrobelli, Netzwerk-Vize-Chefin. Das sieht Daniela Gnauck auch so. „Es ist besser, wenn die jungen Leute Praxiserfahrungen sammeln und sich orientieren können, bevor sie Ausbildung oder Studium beginnen.“

Jennys Einsatz sei eine große Bereicherung gewesen. Sowohl für die Bewohner aber auch für die Mitarbeiter. Deshalb wolle man das FSJ auf jeden Fall weiterführen. Zumal „wir sehr gut mit dem Netzwerk zusammenarbeiten“. Die Betreuung sei optimal. Ab September kann also der oder die nächste Freiwillige Dienst tun. Und die Elstraer werden ab September erstmals einen Lehrling zum Altenpfleger ausbilden.