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Verwegene Höllenfahrt von Ozean zu Ozean

Der gebürtige Zittauer Paul Graetz durchquerte 1907 als erster Afrika mit einem Auto.

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Von Gerold Prescher

Am Nachmittag des 4. August 1907 rollt zum ersten Mal ein Automobil durch die Straßen von Daressalam, der Hafenstadt am Stillen Ozean und Hauptstadt des damaligen Deutsch-Ostafrika. Eine Premiere, denn niemand hatte bislang in dieser Stadt ein Auto gesehen. Premiere auch für das mit diesem Auto verbundene ehrgeizige Projekt des deutschen Offiziers Paul Graetz, eines gebürtigen Zittauers. Er wollte den Kontinent von Deutsch-Ostafrika am Stillen Ozean bis Deutsch-Südwestafrika am Atlantik durchreisen. Die Fahrt, die am 10.August 1907 in Daressalam begann, war alles andere als ein Vergnügen, denn es gab damals natürlich keine Tankstellen, und Straßen – so überhaupt vorhanden – glichen eher schwer passierbaren Wegen, von der Störanfälligkeit der Fahrzeuge gar nicht zu reden.

Herr Tucke Tucke

Schnell hatte Paul Graetz bei den Eingeborenen seinen Namen weg: „Bwana Tucke Tucke“: Bwana heißt Herr, Tucke Tucke, weil der Auspuff des Fahrzeugs aus Gewichtsgründen entfernt werden musste.

Graetz wurde am 24. Juli 1875 als Friedrich Paul Grätz in Zittau, Oybiner Straße 278, geboren. Er war Sohn des Kaufmanns Emil Grätz und seiner Frau Maria und wuchs nach dem frühen Tod seines Vaters bei seinem Großvater, dem Textil-Industriellen Brendler in Reichenau auf. Nach der Schulzeit am humanistischen Wettiner-Gymnasium in Dresden und Offiziersausbildung diente er ab 1902 in der kaiserlichen Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika. Hier hatte er unter anderem die Aufsicht über den Bau einer Straße. Die Arbeitsbedingungen – alles Material wurde auf den Köpfen der Afrikaner transportiert – ließen in ihm den Plan reifen, zu beweisen, dass das Auto auch unter afrikanischen Verhältnissen das Transportmittel der Zukunft ist. 1904 besuchte Graetz die Militärakademie in Berlin. Von hier aus bereitete er seine 75000Reichsmark teure Expedition vor, hinterlegte 6000Liter Benzin, 40Reifen und 120Schläuche. Das Benzin lagerte an der Strecke zum Teil in Form von Gräbern, um Plünderungen zu vermeiden. Sein Auto hat Graetz nach seinen Anweisungen in Deutschland bauen lassen und beim Kaiserpreisrennen 1907 in Homburg vorgeführt. Dabei soll Kaiser Wilhelm II. sein Interesse an Graetz‘ Plan bekundet haben. Das Echo in der deutschen Presse war zunächst verhalten. Bis Ende 1907 gab es in den „Zittauer Nachrichten“ nur zwei kurze Mitteilungen.

Telegramm vom Kaiser

Graetz hatte es unterdessen nach 630 Tagen als einzig Verbliebener der Startmannschaft geschafft. Am 1.Mai 1909 stand er nach einer Höllenfahrt in Swakopmund am Strand und ließ die Pneus vom Wasser des Atlantiks umspülen. Kaiser Wilhelm schickte ein Telegramm: „Gut gemacht, Graetz“!

Eine bewunderungswürdige Reise war beendet. Die schlimmsten Fahrbahn-Hindernisse waren Flussläufe ohne Brücken und unwegsame Strecken. Oft war das Auto – in Einzelteile zerlegt – von Einheimischen zum Gegenufer transportiert worden, wo es wieder zusammengesetzt wurde. In einem Fall baute man ein Floß, auf dem der schwere Wagen über einen 100Meter breiten Fluss schwamm. Brücken wurden gebaut, Eisenbahnbrücken genutzt, sperrige Felsen mit Dynamit gesprengt.

Die mangelhafte Automobiltechnik und die geringe Erfahrung der Chauffeure war immer wieder Ursache für Pannen und Verzweiflung. Kurz nach Reisebeginn wurden die Motorenzylinder zerstört. Ein Chauffeur wurde nach Deutschland um Ersatz geschickt, kehrte aber nicht zurück. Reifen und Schläuche waren der Belastung nicht gewachsen, Stahlteile brachen. Graetz stellte Holzkohle her und schmiedete ein mitgeführtes Ersatzteil in ein benötigtes um. Am schlimmsten aber war der Wassermangel, dem sich die Menschen ausgesetzt sahen.

1911 und 1912 durchquerte Graetz Afrika erneut, diesmal mit dem Boot. 1912 und 1913 zeigte er Filme davon im Zittauer Hotel „Drei Kronen“. Am 16.Februar 1968 starb Paul Graetz in Travemünde. Das Grab wurde 1989 beräumt. Dort wie auch in der Geburtsstadt Zittau erinnert heute nichts mehr an ihn.

Buch: Paul Graetz: Im Auto quer durch Afrika. Hess Verlag Göttingen, 25Euro.