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Radeberg

Verzweifelte Suche nach der Tochter

Angela Irrgang aus Radeberg brachte vor 40 Jahren Nicole zur Welt. Doch sie hat sie nie gesehen.

Angela Irrgang mit der Geburts- und der Sterbeurkunde ihrer Tochter Nicole. Sie will Aufklärung darüber, ob sie in der Nacht wirklich gestorben ist. „Es gibt einfach zu viele Ungereimtheiten“, sagt sie.
Angela Irrgang mit der Geburts- und der Sterbeurkunde ihrer Tochter Nicole. Sie will Aufklärung darüber, ob sie in der Nacht wirklich gestorben ist. „Es gibt einfach zu viele Ungereimtheiten“, sagt sie. © Steffen Unger

Radeberg. Angela Irrgang kommt nicht zur Ruhe. Sie sitzt nächtelang vor dem Computer, recherchiert, schreibt Mails an Behörden und Ämter, durchforstet Datenbanken. Sie bewegt nur eine Frage: Was ist im Oktober 1979 auf der Entbindungsstation des Freitaler Krankenhauses passiert?

An die Wochen vor der Entbindung erinnert sie sich noch gut. „Ich musste wie andere Mütter auch einmal im Monat zur Untersuchung. Da sagten mir die Ärzte jedes mal, alles ist in Ordnung.“ Dann aber einen Monat vor dem Termin wurde sie in ein Schwangerenheim eingewiesen. „Ich wusste bis dahin nicht einmal, dass es so etwas gibt. Es hieß, ich hätte zuviel Wasser im Körper, das Kind ist aber gesund.“ Gedacht hat sie sich damals nichts dabei. Auch der Tag der Geburt verlief zunächst normal. Die damals 18-Jährige kam ins Krankenhaus in Freital. „Mir wurde eine Spritze gegeben, vermutlich um die Wehen einzuleiten“, sagt die Frau, die heute in Radeberg wohnt. Dann vergingen aber Stunden. „Spät am Abend kam eine Ärztin zu mir, die ich noch nie gesehen hatte. Die sagte, das Kind hätte eine Gesichtslage, so dass mit Kaiserschnitt entbunden werden müsse. Das passierte in der DDR meist unter Vollnarkose. Von der Geburt bekam ich damit überhaupt nichts mit.“ Kaum wieder aufgewacht überbrachte ihr eine Schwester die schreckliche Nachricht. „Meine Tochter sei bei der Geburt gestorben. Die Ärzte hätten alles versucht, doch ohne Erfolg. Danach bekam ich gleich die nächste Spritze und bin in einen Tiefschlaf gefallen“, sagt die heute 58-Jährige. Sie erinnert sich noch daran, dass sie in einem Einzelzimmer gelegen hat, was für DDR-Verhältnisse sehr ungewöhnlich war.

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„Jung und sicher auch blauäugig“

Die Wochen danach sind ihr nur noch bruchstückenhaft präsent. „Ich weiß nur noch so viel, dass ich etwa zwei Wochen im Krankenhaus gelegen habe. Ob es Gespräche mit Ärzten oder Schwestern über den Tod meiner Tochter gab, weiß ich ebenfalls nicht mehr.“ Dann wieder zu Hause kamen nach acht Wochen Geburts- und Sterbeurkunde. Danach wurde die kleine Nicole am 25. Oktober 1979 geboren und starb auch am selben Tag. Nachgefragt hat sie damals nicht. „Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass etwas nicht stimmt. Ich war damals sehr jung und sicher auch blauäugig.“

In ihrer Familie konnte sie in diesen Wochen und auch später kaum über den Tod des Mädchens sprechen. „Kurz vor der Entbindung war meine Oma gestorben, dann verunglückte einige Monate später mein Bruder. Da wollte ich meine Mutter nicht auch noch mit meinen Problemen belasten. Ich habe für mich alleine getrauert.“ Die Familie sei wie gelähmt gewesen in dieser Zeit. – Vor einigen Jahren sah sie im Fernsehen die Reportage über Dirk Schiller. Er verschwand als Dreijähriger 1979 während eines Urlaubs der Familie bei Sangerhausen spurlos. Bis heute gibt es kein Lebenszeichen von ihm. Die Mutter glaubt, dass er entführt wurde und die Stasi die Hände im Spiel hatten. „Die Reportage hat mich getroffen wie ein Blitz. Erinnerungen an den Oktober 1979 kamen hoch und damit auch die vielen Ungereimtheiten.“ Beispielsweise, dass es keine Grabstätte von Nicole gibt. „Verstorbene Babys mit einem Gewicht von mehr als einhundert Gramm müssen beerdigt werden. Das ist aber offenbar nicht geschehen.“ Auch gibt es Widersprüche bei den Geburts- und Sterbezeiten. „So ist als Geburtszeit 22 bis 22.59 Uhr angegeben und eine Sterbezeit von 21.45 Uhr.“ Verzweifelt versucht sie, an genauere Angaben über die Geburt zu kommen. Doch bisher vergebens. „Das Krankenhaus sagt mir, die Akten sind vom Hochwasser zerstört worden. Im Stadt-, im Landes und im Bundesarchiv sind entweder keine oder nur spärlich Angaben zu bekommen.“ Sie hat auch versucht, den Bestatter ausfindig zu machen, der damals in Freital tätig war. „Das ist mir nicht gelungen“, sagt sie. Jetzt hat sie den Antrag gestellt Einsicht in ihre Stasi-Akte zu bekommen. „Vielleicht bekomme ich dort einen Hinweis.“

Weggenommene Kinder

Andreas Laake kennt solche hunderte solcher Fälle. Er ist Vorsitzender und Gründer der Interessengemeinschaft „Gestohlene Kinder in der DDR“. Ihm und seiner Frau war der Sohn kurz nach der Geburt weggenommen worden. Beide saßen aus politischen Gründen zu dem Zeitpunkt in Haft. Er fand seinen Sohn 2013 nach langen Recherchen wieder. „Ereignisse wie bei Angela Irrgang gab es oft. Wir gehen von rund 7 000 Zwangsadoptionen und einer ebenso großen Zahl von unklarem Kindstod aus.“ Dabei ähneln sich die Muster oft. „Die Kinder wurden Menschen weggenommen, die entweder politisch nicht ins Bild der DDR-Oberen passten oder von ihrem Lebensstil her.“ Er hatte 2013 auf Facebook vom Schicksal seiner Familie berichtet. Binnen kurzer Zeit haben sich Hunderte Menschen gemeldet, die Ähnliches erlebt haben. „Heute haben wir in der Interessengemeinschaft 2000 Mitglieder. Das zeigt, wie groß der Aufklärungsbedarf ist.“ Sie tauschen sich aus, geben Hinweise für eine mögliche Recherche. Inzwischen hat die IG viel erreicht. 2018 reichte sie eine Petition im Bundestag ein. Andreas Laake sprach vor den Abgeordneten über sein Schicksal. Jetzt vor wenigen Tagen haben CDU/CSU- und SPD-Fraktion im Bundestag einen Antrag unterzeichnet, in dem wichtige Forderungen der IG berücksichtigt werden. So soll eine zentrale Vermittlungsstelle auf Bundesebene gerichtet werden, an die sich Eltern und mögliche zwangsadoptierte Kinder wenden können. „Außerdem ist unsere Forderung aufgenommen, eine DNA-Datenbank anzulegen, in der Proben von suchenden Eltern und möglichen zwangsadoptierten Kindern abgeglichen werden“, sagt Andreas Laake. Ein weiterer Punkt ist die dauerhafte Akteneinsicht. „Auch das haben wir immer gefordert. Ich hoffe, dass der Antrag eine Mehrheit unter den Abgeordneten findet und die Ziele umgesetzt werden.“

Vielleicht bekommt dann auch Angela Irrgang Klarheit über das Schicksal ihrer Tochter. „Ich will wissen, was damals passiert ist. Ist sie mir weggenommen worden oder ist sie wirklich gestorben?“ Erst dann wird sie Ruhe finden, sagt sie.

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