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Viel Staub aufgewirbelt

In Bogatynia regt sich wegen enorm hoher Feinstaubwerte Unmut. Das beobachten auch Deutsche aufmerksam.

© Matthias Weber

Von Anja Beutler

Bogatynia. In Bogatynia ist dicke Luft. Und das nicht, weil derzeit besonders viel Feinstaub die Stadt unter eine Smog-Glocke legen würde. Vielmehr hat das Thema Luftverschmutzung aktuell gehörig Staub aufgewirbelt. Erstmals sind in einer öffentlichen Konferenz, organisiert von polnischen Umweltschützern, Messwerte der zuständigen Umweltbehörde veröffentlicht und erklärt worden. Erstmals äußerten sich in einer solchen Runde Vertreter des Kraftwerkes und des Tagebaus Turow. Erstmals fragten auch kritische Anwohner nach. Aus Deutschland werden diese Entwicklungen achtsam verfolgt – nicht zuletzt, weil Luftverschmutzung an der Grenze nicht haltmacht und die Messstationen in Zittau und Görlitz in der Vergangenheit immer wieder auffällige Werte angezeigt haben.

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Zusammenfassung zur Luftverschmutzung

Luftverschmutzung: Extremwerte für Bogatynia in vergangenen Jahren

Die Messergebnisse haben auch die Einwohner Bogatynias schockiert: 2015 ist in der Stadt an 172 Tagen eine Feinstaubkonzentration gemessen worden, die deutlich über den zulässigen Grenzwerten lag. Die Hälfte des Jahres atmeten vor allem die Bewohner des kleinen Ortsteiles Zatonie demnach sehr schlechte Luft ein, mit allen Folgen für die Gesundheit. Zatonie – oder das, was die Kohleindustrie davon noch übrig gelassen hat – liegt eingekeilt zwischen Tagebau und Kraftwerk und ist stärker betroffen als jeder andere Ort in der Gegend. Dass sich die Lage gebessert hat, zeigen Messwerte zwei Jahre später, wo immerhin „nur“ an 50 Tagen Feinstaub-Grenzwerte überschritten wurden. Roza Ciechanowicz, Leiterin des Woiwodschaftsinspektorates für Umweltschutz mit Sitz in Jelenia Gora, benennt nach den Zahlen auch die Gründe: Hauptgrund für die hohe Belastung ist neben den veralteten Öfen in den Häusern, dem Verkehr und der schlechten Kohlequalität, vor allem der Staub aus dem Tagebau. Der Großteil kommt von Kohlelagerplätzen und Sortieranlagen, den Absetzern, also diesen Maschinen, die terrassenförmige Halden aufschütten, sowie dem Lkw-Verkehr im Tagebaugelände.

Verursacher: Experten machen Tagebau als Hauptquelle aus

Im Gegensatz zum Kraftwerk Turow ist es für die Leitung des Tagebaus deutlich schwerer, der Probleme Herr zu werden. Das wird bei der Konferenz in Bogatynia deutlich. Um das Kraftwerk auf einen umweltfreundlicheren Stand zu bringen, gibt es Filtersysteme und moderne Anlagen. Direktor Jan Wyszynski kann somit von den Messungen auf dem Kraftwerksgelände berichten, die Verbesserungen zeigen. Auch vom Verladeplatz für die Kohle staube es nicht mehr so sehr, weil man hier nun bewässere. Der Tagebau hat eine ungleich schwierigere Situation zu meistern, denn hier spielen Wind und Wetter eine Rolle. Karolina Zerko-Kopij, Leiterin der Umweltschutzabteilung des Tagebaus Turow, zählt auf, womit man dem Staub Herr zu werden versucht: So seien seit 2012 an über 25 kritischen Punkten Wasserdüsen installiert worden, die das Problem eindämmen sollen. Nun soll auch noch eine Schutzwand gebaut werden, die 523 Meter lang wird.

Kritik: Anwohner und Umweltschützer fürchten neue Rutschung

Anwohner zweifeln den Wahrheitsgehalt dieser Aussagen jedoch an und berichten in der Konferenz, dass es in der Praxis anders aussehe und manchmal schon gesunder Menschenverstand der Mitarbeiter helfen könnte: So habe Anfang 2017 ein Absetzer nur 1800 Meter Luftlinie und zehn Meter tiefer gelegen, als der Ort Zatonie gearbeitet. Das Material habe noch nicht mal den Boden berührt, weil es sofort weggeblasen worden sei. In der zweiten Jahreshälfte stand die Maschine dann immerhin 2600 Meter von der Ortschaft entfernt und 100 Meter tiefer. Auch die Umweltschützer kritisieren, dass die Maßnahmen bei Weitem nicht ausreichen und fordern generell eine dauerhafte Messung und Bogatynia – an mehreren Stellen. Ein solchen Monitoring befürwortet auch das Woiwodschafts-Umweltamt. Ein großes Luft-Problem hat zudem die Rutschung eines riesigen Abraumfeldes im Tagebau am 27. September 2016 verursacht. Hanna Schudy von der Aktivistengruppe „Niederschlesischer Smog-Alarm“ ist sich sicher: „Ein solches Ereignis könnte jederzeit wieder passieren, es gibt keinen Schutz bislang.“

Deutschland: Günstiges Wetter und Verbesserungen schlagen durch

Die deutschen Messstationen in Zittau oder Görlitz haben in den vergangenen drei Jahren keine Ausreißer gezeigt – weder 2015 zu den Hochzeiten in Bogatynia noch ab September 2016 – zeigen die Werte Auffälliges, bestätigt Andrea Hausmann, Referatsleiterin Klima- und Luftqualität beim Sächsischen Landesamt für Umwelt und Geologie. Aktuell, so betont sie, gebe es aus deutscher Sicht keine akuten Probleme mit den polnischen Kollegen zu besprechen. Allerdings informierten sie die Kollegen bei einer gemeinsamen Beratung an diesem Mittwoch darüber, dass man seit Längerem in Bogatynia ein Feinstaub-Problem habe, das maßgeblich auf die Kohlelagerung beim Tagebau zurückzuführen sei.

Pläne: Neue Gesetze und Versprechen der Industrie lassen hoffen

Bis 2023 will der Tagebau Turow das Problem lösen und die Kohle geschlossen lagern. Das habe die polnische Delegation beim Besuch in Deutschland erklärt, bestätigte Frau Hausmann. Auch politisch ist der Druck durch die EU gewachsen: Das Land musste sich 2015 ein Anti-Smog-Gesetz geben, das sieben von 16 Woiwodschaften bereits auf regionaler Ebene verabschiedet haben – auch Niederschlesien. Das darin enthaltene Verbot der Kohleverbrennung ab diesem Sommer – maßgeblich in öffentlichen Gebäuden – war ein heiß diskutiertes Thema bei der Konferenz. Viele Teilnehmer versuchten es mit Galgenhumor: Wozu man die Kohle noch kaufen könne, wenn man sie nicht mehr verbrennen dürfe, fragten sie. (mit mm)

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