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Viele Bäume sterben 80-jährig

Stadtgrün. Mit Pflege und Neupflanzung setzt sich das Rathaus für den Gehölzbestand ein. Die Grünen aber fordern Nachbesserungen.

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Von Lars Müller

Im Bereich des Professor-Wilhem-Rings und rund um die Sportarena unterhalb des Jacobsteins lässt die Radebeuler Stadtverwaltung in diesen Tagen neue Ahornbäume und Linden setzen. „Es handelt sich hierbei um Ausgleichsmaßnahmen für gefällte Bäume“, erläutert Heike Funke, die im Rathaus für Pflege von Gehölzen entlang von Straßen sowie in öffentlichen Grünanlagen verantwortlich ist.

Seit 1997 wurden im Stadtgebiet von Radebeul insgesamt 1 147 Bäume im öffentlichen Bereich neu gesetzt. Damit wird statistisch jeder gefällte Baum durch 3,4 neue Gehölze ersetzt. Im vergangenen Jahr wurden für 54 gefällte Bäume 109 neu gepflanzt. In Privatgärten wurde 2004 die Fällung von 1 825 Bäumen genehmigt, 339 Anträge abgelehnt. Gut 5000 Gehölze sind als Ausgleich gepflanzt worden.

Alte Bäume werden krank

Nahezu der gesamte Radebeuler Bestand an Straßenbäumen ist nach Angaben von Heike Funke gut 80 Jahre alt, nach und nach müsse der ausgetauscht werden. „Wegen der hohen Belastungen durch den Straßenverkehr werden die meisten Bäume kaum älter als etwa 80 Jahre“, erklärt Heike Funke. Zwei Mitarbeiterinnen des Rathauses gehen regelmäßig auf „Baumstreife“, kommen in jedem Jahr mindestens zwei Mal an jedem Altbaum vorbei. Bei diesen Rundgängen wird auch entschieden, von welchen Bäumen in absehbarer Zeit Gefahren ausgehen könnten. Diese Bäume werden in aller Regel gefällt.

Allzu oft seien diese Entscheidungen jedoch falsch, sagt Rudolf Haas, stellvertretender Fraktionschef von Bürgerforum/Grüne im Stadtrat. Trotz Gutachten von Fachleuten stelle sich nach Baumfällungen häufig heraus, dass das Gehölz noch gesund war und weitere 20 bis 30 Jahre hätte stehen können, so Haas. Das Urteil über den Zustand von Bäumen falle zu schnell, manchmal werde nur mit einem Gummihammer gegen den Stamm geschlagen. Aufwendige Verfahren, bei denen der Baum ähnlich dem Röntgen gescannt wird, kommen in Radebeul kaum zur Anwendung, so der Grünen-Politiker, der bei anstehenden Baumfällungen mitunter in letzter Minute um Rat gefragt wird.

Haas widerspricht der städtischen Darstellung, wonach fast alle alten Bäume mit 80 Jahren krank sind. Nach Haas´ Recherchen haben die meisten Radebeuler Altbäume sowieso schon gut 100 Jahre auf dem Stamm. Zur Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurden die Gehölze gesetzt, als Radebeul zur Garten- und Weinstadt umgestaltet wurde. Es gibt schätzungsweise noch 1 500 Bäume aus dieser Zeit im Stadtgebiet. Eine von den Grünen geforderte Erfassung der Gehölze fehlt bisher.

Die Grünen fordern eine über Jahrzehnte gestreckte Verjüngung der städtischen Gehölze. Zudem müssten die in Alleen geschlagenen Lücken rasch wieder durch junge Bäume geschlossen werden. Die Stadt würde häufig Ausgleichsmaßnahmen gegeneinander aufrechnen sowie die Ersatzbäume bei Fällungen an völlig andere Stellen setzen. Generell sei ein Ersatz alter Bäume schwierig und langwierig, erklärt Haas. Selbst drei oder vier Neupflanzungen brauchten Jahre, um ein ähnliches Mikroklima erzeugen zu können, wie vorher der gefällte Baum. Sogar die derzeit diskutierte Feinstaubentwicklung kann nach Ansicht des Grünen-Stadtrates durch dichtes Laub an Bäumen gemildert werden. Die Grünen fordern eine Aufstockung des Postens für Baumpflege im städtischen Haushalt 2005 auf 70 000 Euro. Immerhin koste ein Jungbaum rund 400 Euro. Die Stadtverwaltung verweist darauf, dass bei Straßenbaumaßnahmen die Ersatz- und Ausgleichspflanzungen schon in der Bausumme enthalten sind.

Als misslungenen und viel zu geringenen Ersatz bezeichnet Haas das junge Bäumchen, welches unlängst für die gefällte Dorflinde vor der Oberschänke in Altkötzschenbroda gepflanzt wurde. „Dort hätte mindestens ein 30 Jahre alter Baum im Wert von 5 000 Euro hin gehört“, so der Grünen-Stadtrat. Statt dessen sei entgegen den Absprachen ein kleines Bäumchen für 400 Euro gesetzt worden.

Die Stadt unterscheidet knapp 50 Baumarten, die an unterschiedlichen Standorten neu gepflanzt werden. So gibt es Listen mit Parkbäumen, mit Bäumen für Villenstandorte, für naturferne innerstädtische Bereiche, für Industriestandort, für elbnahe Standorte sowie für das Hochland mit Lindenau und Wahnsdorf.