merken

Viele Eisen im Feuer

Claus Peuckert sorgt in Seifersdorf und Paulsdorf bei etlichen PS am Tag für den richtigen Grip. Er ist Wanderhufschmied und lebt durchaus gefährlich.

© Andreas Weihs

Von Ulrike Keller

Wie geht's Brüder

Eine Reportagereise durch Osteuropa 30 Jahre nach dem Umbruch auf Sächsische.de

Beim flüchtigen Blick in seinen Transporter könnte Claus Peuckert als fahrender Glücksritter durchgehen. Dutzende Hufeisen in jeder Dicke und Größe stecken in dem Holzregal seiner mobilen Werkstatt. Dazu hat der Mittvierziger aus Kurort Hartha Zollstöcke, Schleifscheiben und zwei Gasflaschen an Bord. Der zupackende Typ mit der Lederschürze über den Arbeitshosen ist eine Art Schuhmacher für Pferdestärken, Wanderhufschmied genannt. Stationen an diesem Tage sind in Freital, Seifersdorf und Paulsdorf. Gut Eckersdorf in Freital ist kein Routine-Termin. Zwar kommt er regelmäßig zu den Tieren von Gutsbesitzer Lutz Hühne, doch auf den Holländer Alwin trifft er zum ersten Mal.

Millimeterarbeit: Ein falsch angesetzter Nagel schießt ins Leben des Pferdefußes. © Andreas Weihs
Anprobe: Jeder Pferdefuß braucht einen individuell zugeschnittenen „Schuh“, das Hufeisen. Nur im glühend heißen Zustand kann es geformt und peu à peu angepasst werden. Erst wenn es perfekt sitzt, wird es auf den Huf aufgebrannt. Fotos: Andreas Weihs © Andreas Weihs
© Andreas Weihs

Der 600-Kilo-Bursche reagiert unruhig, steht nicht still, scharrt mit den Hufen. Claus Peuckert hantiert vorsichtiger als sonst. „Das ist Vertrauenssache“, erklärt er. Was diesmal passiert, ist entscheidend. Ein schmerzhafter Fehler und Alwin ist er als Kunden los. „Die merken sich dann: Nee, der nicht wieder.“ Und vorher erntet er im günstigsten Falle einen blauen Fleck, im dümmsten einen Tritt mit schweren Folgen. Einmal in 29 Berufsjahren hat ihn ein Huf am Kopf erwischt. Das Glück war ihm hold. „Die wenigsten Pferde meinen es böse“, betont er. Auf eine Wiederholung legt er es trotzdem nicht an.

Für den Wallach ist der Besuch des Profi-Schusters allerhöchste Zeit. Bei einer „Reifenpanne“ im Gelände hat er zwei seiner Eisen eingebüßt. „Barfuß zu laufen, muss einem Pferd langsam angewöhnt werden. Aber das verträgt auch nicht jedes“, weiß der Hufschmied in fünfter Generation. Von Alwin mit seinem besonders weichen Huf wird es erst gar nicht verlangt. „Wir wollen ja auch vier ordentliche Schuhe anhaben“, sagt Besitzer Hühne.

Claus Peuckert stellt sich den Pferdefuß auf seinen Oberschenkel. Mit einem Hammer schlägt er die Nieten der alten Hufeisen auf und zieht die komplette „Besohlung“ per Zange ab. Dann setzt er Hauklinge und Spezialhammer an und schneidet das nachgewachsene Horn herunter. Wie beim Menschen die Finger- und Fußnägel wachsen, wächst beim Pferd das Horn an den Hufen rund acht Millimeter pro Monat. Entsprechend ist aller sechs bis acht Wochen der schmiedeeiserne Schuh zu klein und muss gewechselt werden. Andernfalls kommt es zu unnatürlichen Sehnenbelastungen und Schrägstellungen des Fußes.

Wären die Utensilien nicht gar so gewaltig: Es sähe fast nach Maniküre aus. Mit einer Raspel begradigt Claus Peuckert den Huf. Dann schaut er in seinen Transporter: „Hufeisengröße Nummer vier für vorn würde passen.“ Schon zündet er den kleinen Ofen und legt die Hufeneisen hinein, bis sie glühen. Bis zu zwölf Pferde beschlägt er pro Tag. Rund 150 betreut er regelmäßig. Nach der Wende ist die Zahl stark angestiegen.

Beherzt greift Claus Peuckert mit der Zange nach den glühenden Eisen in der Flamme. Mit einem Hammer bringt er sie in Form, und zwar in die, die er sich schon beim Entfernen des Horns optisch eingeprägt hat. Jeder Huf unterscheidet sich in Größe und Form vom anderen. Anprobe. Das glühend heiße Eisen hält er an den Huf. Es fällt. Lautes Zischen. Eine Rauchwolke setzt den strengen Geruch von Verbranntem frei. „Steh“, beruhigt Lutz Hühne das Tier. Alwin ist nach wie vor ängstlich. Es scheint, als wolle er sich vergewissern, ob der Unbekannte sein Handwerk auch wirklich versteht. „Wenn der mich kennengelernt hat, weiß er: Das ist ein lieber Onkel“, scherzt Claus Peuckert. Er selbst reitet übrigens nicht. Keine Zeit.

Das Eisen ist dran. Nun muss es befestigt werden. Der heikelste Teil des Hufbeschlagens. „Wenn der Nagel falsch gesetzt wird, geht’s ins Leben“, weiß der Fachmann. „Das schmerzt.“ Die Nägel schlägt er so ein, dass sie sich an der Seite aus der Hornwand herausschieben und noch vernietet werden können. Fertig. Als Belohnung für die 45-minütige Geduldsprobe erntet Alwin eine Möhre. Und was wird nun aus den alten Hufeisen? „Die meisten werden auf dem Reiterhof als Glücksbringer verschenkt“, verrät Claus Peuckert. Der Rest zählt als Schrott.

Weiter geht’s. Nach Seifersdorf. Dort wartet schon Robert Kupietz mit der Stute Lambada. Das Sächsische Springpferd gehört seiner Frau, aber diesmal übernimmt er das Halten. Was in erster Linie Einfühlungsvermögen und Technik erfordert, weniger Kraft. Claus Peuckert arbeitet zu 80 Prozent mit jungen Mädchen zusammen. Und nun der Ablauf von vorn: alte Eisen runter, überschüssiges Horn wegschneiden, neue Eisen ins Feuer. Ratzfatz.

Lambada erhält einen besonderen Winterbeschlag. Für mehr Halt, gegens Rutschen. Dafür bohrt und schlägt Claus Peuckert kleine Eisenstifte von drei bis vier Zentimeter Länge in das Eisen. Nur eine Raffinesse von vielen im breiten Repertoire eines Hufschmieds. Die Stute zieht mal ihr Bein weg, mal tänzelt sie seitwärts. „Sie stört sich an den Fliegen“, entschuldigt ihr Halter. Claus Peuckert sieht es gelassen. Eisenanpassung, Anprobe, Detailkorrektur und „schon passt der Laden“.

Nächste Station: Paulsdorf. Valentin ist an der Reihe, ein Schweres Warmblut und seelenruhiges Voltigierpferd, auf dem sonst 20 Kinder ihre Kunststücke demonstrieren. Auch hier wird Claus Peuckert mit großem Hallo empfangen. „Ein großer Vorteil an diesem Job“, witzelt er. „Weil man dafür sorgt, dass das Pferd wieder gut läuft, ist man immer gern gesehen.“

Sachsen wählt: Am 1. September ist Landtagswahl in Sachsen. Sie wissen noch nicht, wen Sie wählen? Der Wahl-O-Mat für Sachsen hilft Ihnen bei der Entscheidung! Alle Berichte, Hintergründe und aktuellen News zur Landtagswahl finden Sie gebündelt auf unserer Themenseite zur Landtagswahl in Sachsen.