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Görlitz

Viele Schmetterlinge, Vögel, Bienen kurz vor dem Aus?

Das Artensterben in der Region beschäftigt die Naturforschende Gesellschaft der Oberlausitz in ihrem 30. Jahr.

Alles so schön bunt – doch der Schein trügt. Eine Biene fliegt die Blüte eines Krokusses an. Doch diese Tierart ist gefährdet.
Alles so schön bunt – doch der Schein trügt. Eine Biene fliegt die Blüte eines Krokusses an. Doch diese Tierart ist gefährdet. © dpa-Zentralbild

Am 21. März wollte die Naturforschende Gesellschaft der Oberlausitz ihre 30. Jahrestagung durchführen. Doch wegen des Coronavirus wurde die Veranstaltung abgesagt; ein Nachholtermin ist offen. Geforscht wird dennoch – gerade in Zeiten von Klimawandel und Artensterben. Die SZ sprach darum mit dem langjährigen Vorsitzenden Dr. Fritz Brozio sowie den Mitgliedern Henning Haase und Volker Otte über den Verlust an Artenvielfalt und kleine positive Entwicklungen in der Oberlausitz.

Mit Rückblick auf die lange Forschungstätigkeit der Gesellschaft gefragt: Gibt es das vielzitierte Artensterben oder Schwinden in der Oberlausitz auch?

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Henning Haase: Das gibt es, aber nicht erst jetzt. Die Oberlausitz ist dahingehend ein sehr gut untersuchtes Gebiet, für das Naturforscher schon seit 150 Jahren ein Artensterben feststellen und immer wieder kritisiert haben. Konkrete Aussagen reichen zurück bis ins Jahr 1854. Und wir erfahren auch – die Ursachen ähneln sich.

Ein Experte für Schmetterlinge zählte schon 1924 auf, dass moderne Forst-, Boden- und Wiesenbearbeitung, Düngung, Ausrodung der Laubwälder, Beseitigung von Hecken, Rainen, Vermehrung insektenfressender Arten und technische Neuerungen aus Menschenhand die hauptsächliche Ursache für die Verarmung an Schmetterlingen sind. Und 1927 beschwerte sich der Forscher Theodor Schütze über den Schwund in der Pflanzenwelt und nennt den Landfraß, den Verkehr, die wachsende Siedlung und die Isolation von Einzelvorkommen. Das ist für die Fachwelt nichts neues. Und es ist keine regionale oder deutschlandweite, sondern eine weltweite Biodiversitätskrise (Vielfalt, d. Red.).

Haben Sie konkrete Beispiele vielleicht aus der Vogelwelt?

Fritz Brozio: Die gibt es. Aber vorweggesagt, es gibt auch natürliche Schwankungen in der Population. Und nicht immer entwickeln sich Dinge so, wie man vermuten könnte. Nehmen wir den Truppenübungsplatz Oberlausitz in der Muskauer Heide. Dafür wurden Tausende Hektar Wald entfernt. Das hatte zur Folge, dass das Auerhuhn, das solche Flächen braucht, in den 1990er-Jahren ausgestorben ist. Die neu entstandene offene Landschaft hätte vom Birkhuhn besiedelt werden können, das solche Flächen benötigt und das in den nahen Tagebaugebieten bereits ausgerottet ist.

Aber unsere Forschung hat gezeigt, dass das Birkhuhn in der Muskauer Heide kurz vorm Aussterben ist. Dabei war es einst eine jagdbare Art, die zu Hunderten auf den Tellern der Standesherren gelandet ist. Wir hatten in dem militärischen Sperrgebiet aber keine Möglichkeit, zu untersuchen, warum es sich hier nicht ansiedelt. Klima und Wetter könnten auch eine Rolle spielen. Ernst ist die Lage auch für das Rebhuhn. Früher kam ein Jäger mit 50 erlegten Tieren zurück. Wenn Sie das heute machen würden, haben sie den ganzen sächsischen Bestand im Sack. Oder nehmen wir Wasservögel im Teichgebiet Niederspree. Dort gab es bezogen auf die Summe der vergangenen 50 Jahre noch nie so wenige wie heute.

Dr. Fritz Brozio (73), Rietschen, Naturforschende Gesellschaft der Oberlausitz. 
Dr. Fritz Brozio (73), Rietschen, Naturforschende Gesellschaft der Oberlausitz.  © Irmela Hennig

Wie sieht es bei Moosen und Flechten mit dem Artenschwund aus?

Volker Otte: Dort haben wir die erwähnten natürlichen Schwankungen nicht. Es sind Arten, die Zeit zum Wachsen brauchen. Wir hatten in dem Bereich in der Oberlausitz und auch in den Nachbarländern bis in die 1980er-Jahre hinein deutliche Rückgänge durch starke Umweltbelastungen. Moose und Flechten sind sehr empfindliche Organismen. Allerdings hat sich die Luftqualität inzwischen deutlich verbessert. Es gibt weniger Industrieschadstoffe, weniger Flugasche aus den Kraftwerken. Darum sind einige Arten zurückgekommen und wieder eingewandert. Allerdings sagen uns die historischen Belege für die Region: Ein Drittel der Arten heute sind andere, als wir in der Vergangenheit hatten. Und ein Drittel der früheren Arten fehlt.

Können Sie sagen, warum?

Volker Otte: Ein Kollege aus Österreich, wo es die Luftverschmutzung in dem Ausmaß wie bei uns nicht gab, berichtet, dass dort jetzt Arten verschwinden, die bei uns nicht zurückgekommen sind. Er macht die Stickstoff- und Ammoniakbelastung von Luft und Boden dafür verantwortlich. Bestimmten Flechtenarten wiederum fehlen die in früheren Berichten erwähnten „alten Tannenwälder“. So etwas kann sich nur langsam entwickeln, wenn man das zulässt.

Umweltbelastung ist ein Grund für den Artenschwund. Welche gibt es noch?

Fritz Brozio: Der Mensch nimmt immer mehr Flächen in Anspruch, die natürlichen Lebensräume der Flora und Fauna werden zurückgedrängt. Dann sind da die Monokulturen - das Vorkommen bestimmter Tier- und Pflanzenarten hängt eben auch davon ab, wie der Mensch Flächen nutzt.

Henning Haase: Gerade bei den Vögeln haben wir ein Problem im Offenlandbereich. Arten wie Braunkehlchen, Kiebitz, Brachpieper gibt es kaum noch. Eine Studie von 2017 hat sich mit den Pflanzen auf Oberlausitzer Äckern befasst und einen dramatischen Verlust seit den 1960er-Jahren festgestellt – an Pflanzenmasse und bei der Artenzahl. Das wirkt sich aus auf Insekten, die wieder bestimmten Vögeln als Nahrung dienen. Zudem fehlt vielen Arten durch intensive Landnutzung der Brutraum.

Sie sagen, Schwund gab es schon früher. Wo ist der Unterschied zu heute?

Volker Otte: Die Geschwindigkeit – das Artensterben ist ein Prozess, der sich beschleunigt.

Volker Otte (52), Görlitz, Naturforschende Gesellschaft der Oberlausitz
Volker Otte (52), Görlitz, Naturforschende Gesellschaft der Oberlausitz © Irmela Hennig

Fritz Brozio: Darum ist es so wichtig, dass die Naturforschende Gesellschaft die Tier- und Pflanzenwelt sowie die geologischen Strukturen früher schon erfasst hat und heute weiter untersucht und dokumentiert. Die Oberlausitz, so hat es Christian Düker vom Senckenberg Museum für Naturkunde gesagt, ist da wahrscheinlich die naturwissenschaftlich am besten durchforschte Region Deutschlands. Er nennt das eine Leistung der Bürgerwissenschaftler – denn all dies geschieht ehrenamtlich.

Viel gesprochen wird über das Insektensterben. Gibt es dazu Erkenntnisse aus der Oberlausitz?

Henning Haase: Die Roten Listen für bedrohte Arten liefern dazu ein ziemlich gutes Bild. Sie zeigen unter anderem einen deutlichen Rückgang bei Schmetterlingen – 60 Prozent der Tagfalter werden als gefährdet geführt. Bei zwei Dritteln davon ist die Tendenz negativ, für nur fünf Arten wird langfristig eine positive Entwicklung erwartet. Tagfalter leiden vermutlich unter intensiver Landnutzung mit Überdüngung und Pestiziden. Wo finden Sie heute noch Arnika oder Orchideen? Das Kleine Knabenkraut zum Beispiel, das wuchs früher häufig an Wegrändern. In Sachsen gibt es jetzt nur noch Reste im Erzgebirge.

Gibt es denn auch positive Entwicklungen – genannt werden gern Wolf und Seeadler, die sich wieder ausbreiten.

Fritz Brozio: Die Graugans und der Kranich – sie profitieren von riesigen Feldern, in deren Mitte sie ungestört fressen können.

Henning Haase: Und natürlich haben wir kleine Einzelbeispiele. Im Zittauer Raum haben wir die letzten Vorkommen von Silberdisteln in der südlichen Oberlausitz. Dort wurde von Engagierten ein Bereich für sie freigemacht, jetzt wachsen da wieder junge Pflanzen. Oder, ich betreue ein Winterquartier der Fledermausart Kleine Hufeisennase bei Lückendorf. Dort gibt es jedes Jahr ein, zwei Tiere mehr. Das sind aber Einzelbeispiele, die momentan nicht das große Bild bestimmen.

Was ist also zu tun?

Fritz Brozio: Es ist nötig, dass von offizieller Seite mehr passiert mit Blick auf Monokulturen, Pestizide, Stickstoffbelastung. Wir brauchen wieder Mischwälder mit Bäumen unterschiedlichen Alters. Es geht um die Lebensgrundlage, es muss schnell etwas geschehen. Es gilt, Ursachen des Artensterbens professionell gründlich zu erforschen.

Henning Haase: Auch die kleinen, privaten Aktionen helfen – eine Wiese, die so gemäht wird, dass sie vielfältig blühen kann, ein alter Obstbaum, der stehenbleibt.

Henning Haase (32), Zittau, Naturforschende Gesellschaft der Oberlausitz. 
Henning Haase (32), Zittau, Naturforschende Gesellschaft der Oberlausitz.  © Irmela Hennig

Fritz Brozio: Naturschonender Tourismus ist ein Thema, den versuchen wir zum Beispiel mit Publikationen wie über die Muskauer Heide zu fördern. Und wir geben unser Wissen an den Nachwuchs weiter. Das Interesse ist da sehr groß. Wir freuen uns auch immer über neue Mitstreiter.

Wer kann mitmachen in der Gesellschaft?

Volker Otte: Jeder, der Interesse hat und bereit ist, sich in eine Artengruppe einzuarbeiten. Auch das Alter spielt da keine Rolle.

Die Naturforschende Gesellschaft der Oberlausitz geht zurück auf die 1811 gegründete Ornithologische Gesellschaft zu Görlitz; 1823 Umbenennung in Naturforschende Gesellschaft zu Görlitz; Vereinstätigkeit 1945 bis 1990 unterbrochen, geforscht wurde dennoch, 1990 Neugründung als Oberlausitzer Gesellschaft, heute über 200 Mitglieder.

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