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Vielseitige Umweltaktivisten

Das Naturschutzzentrum Neukirch schreibt seit 25 Jahren Erfolgsgeschichte. Sorgen gibt es dennoch.

© Steffen Unger

Von Ingolf Reinsch

Neukirch. Wer vom Neukircher Touristenparkplatz auf den Valtenberg wandert, kommt an zwei neuen Schutzhütten vorbei. Gebaut und aufgestellt wurden sie im Auftrag der Gemeinde von Mitarbeitern des Naturschutzzentrums „Oberlausitzer Bergland“. Auch wer die Oberlandgemeinde auf der anderen, dem Picho zugewandten Seite erkundet, kann auf Möbeln rasten, die in der Werkstatt des Naturschutzzentrums hergestellt wurden: Am „Heimat-Blick“, nahe der Straße Neukirch – Bautzen steht seit Kurzem eine neue Sitzgruppe. Doch die Mitarbeiter des Naturschutzzentrums tischlern nicht nur. Sie pflegen und markieren Wanderwege, mähen Wiesen und Grünstreifen, tragen jedes Frühjahr Tausende von Fröschen auf dem Weg zu ihren Laichgebieten über Straßen, kümmern sich um Parkanlagen und Biotope und realisieren jedes Jahr etliche Bildungs- und Umweltprojekte für alle Generationen. Kommunen, Betriebe, Privatleute sorgen dafür, dass es Arbeit gibt.

Stars im Strampler aus Bischofswerda
Stars im Strampler aus Bischofswerda

Auch in der letzten Woche sind Babys auf die Welt gekommen, die im Landkreis Bischofswerda zu Hause sind.

Kampf um jedes Projekt

Jeder Auftrag ist willkommen, sagt Geschäftsführerin Katrin Poike. Denn er sichert, dass die Mitarbeiter Arbeit und Auskommen haben. Vier von ihnen sind in der Landschaftspflege und im Naturschutz tätig, zweieinhalb Stellen gibt es für die Umweltbildung, und zwei Mitarbeiterinnen kümmern sich ums Büro und die Geschäftsführung. Hinzu kommen ein Teilnehmer am Freiwilligen Ökologischen Jahr und zahlreiche ehrenamtliche Helfer, die sich vor allem in der Umweltbildung engagieren – von den Familienwerkstätten bis zur Weiterbildung von Lehrern.

Etwa ein Drittel seines Budgets muss das Naturschutzzentrum durch Arbeiten in der Natur- und Landschaftspflege sowie im Holzbau erwirtschaften. Die anderen zwei Drittel sind Zuschüsse, vor allem vom Landkreis, der Kreissparkasse und der Euroregion. Geschenkt bekommt das Naturschutzzentrum das Geld natürlich nicht. Dahinter steht harte Arbeit. Für einen Vormittag im Wald zahlen die Schüler drei Euro. Ohne die Förderung wären es mindestens zehn Euro. Mitarbeiter des Naturschutzzentrums fahren auch zu Schulen im Kreisgebiet und führen im Auftrag des Abfallwirtschaftsamtes Projekte zu Müllvermeidung, Mülltrennung und Recycling durch. Andere Bildungsangebote drehen sich um Natur- und Artenschutz, um Pflanzen- und Tierwelt, aber auch gesundes Essen. Das Naturschutzzentrum gehört zu jenen Einrichtungen im Landkreis, die über Jahre Kontakte nach Tschechien pflegen. Noch bis 2019 läuft ein grenzüberschreitendes Bildungsprojekt, an dem Grund- und Oberschulen sowie Gymnasien teilnehmen können. Seit diesem Jahr erhält das Neukircher Naturschutzzentrum mehr Geld aus dem Kreishaushalt. Die Neukircher Landtagsabgeordnete Patricia Wissel (CDU) und Birgit Weber, die Beigeordnete im Landratsamt, machten sich dafür stark, sagt Katrin Poike anerkennend.

In diesem September besteht das Naturschutzzentrum 25 Jahre. Dass es im Jahr 1993 gegründet wurde, geht auf die Initiative von drei Männern zurück: Wolfgang Reiche und Steffen Teufert, die beide schon verstorben sind, und Eckehard Hopf. Alle drei hatten sich Gedanken gemacht, wie Feuchtbiotope, Seggenwiesen und andere Naturschätze im damaligen Kreis Bischofswerda auch nach der Wende erhalten werden können. Das Ergebnis war die Gründung des Naturschutzzentrums. Die Bedingungen seitdem haben sich verändert. Doch geblieben ist der Idealismus jener Leute, die sich für den Natur- und Umweltschutz einsetzen. Das Naturschutzzentrum zahlt seinen festangestellten Mitarbeitern Mindestlohn, auch der Geschäftsführerin. Schon das kann eine Herausforderung sein. „Im Jahr 2016 gab es weniger Projekte. Da mussten wir die Rücklagen angreifen. Doch den Lohn konnten wir immer zahlen“, sagt Katrin Poike. Als sie vor drei Jahren die Leitung der Einrichtung übernahm, war sie sich bewusst, dass sie auch Verantwortung für die Mitarbeiter übernimmt. Zu ihren Aufgaben gehört es, Förderprogramme zu sichten, Konzepte zu entwickeln, Anträge zu schreiben, um immer wieder Arbeit nach Neukirch zu holen.

Engagement mit Mindestlohn

Dass jemand für den Mindestlohn arbeiten kommt, sei nicht selbstverständlich, sagt Katrin Poike. Sie selbst lebt es vor. Es sei vor allem die Freude an der Arbeit, die motiviert, sagt sie. „Wir tun jeden Tag etwas für die Natur und geben es an andere weiter.“ Sie berichtet vom kürzlichen Ferienkochkurs für Jungen und deren Begeisterung. „Wer hat das noch, dass er Freude verbreiten und Wissen vermitteln kann, das nachhaltig wirkt?“, sagt sie. Hinzu kommt der soziale Zusammenhalt im Team. „Man kann auch mit wenig glücklich sein. Die Frage ist, was einem wichtig ist im Leben. Das muss jeder für sich selbst festmachen.“