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Vier Jahrgänge in einer Klasse

Um Grundschulen zu retten, soll künftig altersgemischter Unterricht möglich sein. Ein Beispiel dafür gibt es.

© Uwe Soeder

Von Jana Ulbrich

Die Bänke stehen nicht in Reih und Glied. Und Klassenlehrerin Uta Posim steht nicht an der Tafel. Sie sitzt gerade mit Leonhard auf dem Fußboden. Leonhard ist Erstklässler und hat sich heute die geometrischen Körper vorgenommen. Uta Posim hat Kegel, Kugel und Co. auf dem Teppich verteilt. Leonard muss die Namen der Körper richtig zuordnen. Gar nicht so einfach. Uta Posim hilft ihm, bis alles stimmt. Den Rest schafft Leonard jetzt allein: Ecken, Kanten und Flächen zählen; prüfen, welche Körper auf welcher Seite stehenbleiben, umfallen oder wegrollen. Er liegt auf dem Bauch und schreibt jedem Körper einen Steckbrief in ein vorgedrucktes Heft.

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Uta Posim kann inzwischen an den Tisch gehen, an dem Clara und Katharina sitzen: Clara, ebenfalls Klasse 1, schreibt an ihrer ersten Geschichte. Sie schreibt die Wörter, wie sie denkt: „Der kater his Findus.“ Macht gar nichts, wenn die Rechtschreibung noch nicht stimmt. Bei Katharina allerdings muss die Rechtschreibung stimmen. Die Zweitklässlerin übt gerade ihre Lernwörter. Eifrig schreibt sie, bildet Wortgruppen, dekliniert. Die Hilfe der Lehrerin brauchen die beiden Mädchen am Tisch jetzt gerade nicht.

Aber Cedrik braucht sie: Der Drittklässler will heute das Rechnen mit Kubikzahlen lernen. Das ist neu für ihn. Das muss ihm Uta Posim erst erklären. Weil Clara merkt, dass das jetzt länger dauern könnte, fragt sie schnell ihre ältere Banknachbarin, ob „nehmen“ groß- oder kleingeschrieben wird. „Klein, ist doch ein Tätigkeitswort“, erklärt Katharina. Das hat Clara jetzt also ganz ohne Lehrerin gelernt.

Freiarbeit heißt die Lernform, die die Schüler hier gerade praktizieren. Das selbstständige Lernen in altersgemischten Klassen ist an der Maria-Montessori-Grundschule in Bautzen pädagogisches Konzept. Uta Posim hat ihre sieben Erst-, sieben Zweit-, fünf Dritt- und sechs Viertklässler im Klassenzimmer gut im Blick. Die Lehrerin ist hier mehr Helferin und Beobachterin. Die Schüler lernen selbstständig, auch mit- und voneinander. Die Unterrichtsmaterialien sind so gestaltet, dass alle auch allein damit zurechtkommen.

Clara hat ihre Geschichte fertig. Uta Posim korrigiert die Fehler. Wenn Clara das jetzt noch einmal abschreibt, stimmt auch die Rechtschreibung. „Der Kater hieß . . .“, schreibt sie. Sehr schön.  Valentin, Klassenstufe 3, sitzt über den letzten Seiten vom Geometrieheft: Parallelverschiebung ist dran. Morgen kriegt er das Heft fertig. Dann wird er der Lehrerin sagen, dass er gleich seinen Test schreiben kann. Der Test wird zeigen, ob er das mit der Parallelverschiebung auch wirklich verstanden hat. Da braucht es keine Klassenarbeiten.

Aber klare Regeln: Ruhe muss herrschen im Zimmer, jeder muss auf Ordnung achten, die Kinder dürfen sich gegenseitig helfen, aber nicht bei der Arbeit stören. Die Schüler wissen, was zu tun ist. Sie bekommen Jahrespläne mit Aufgaben, die sie systematisch abarbeiten. Abducken geht nicht: Seinen Plan muss bis zum Schuljahresende jeder geschafft haben.

Die Bautzener Maria-Montessori-Grundschule ist die einzige im Landkreis, in der Schüler in altersgemischten Klassen lernen. Und die beweist, dass ein solches Lernkonzept nicht nur möglich, sondern auch sehr erfolgreich ist. Aber ob sich darauf künftig auch staatliche Grundschulen einlassen? Womöglich, um den Schulstandort auf dem Lande zu erhalten, für den die Schülerzahlen in einer Klassenstufe nicht mehr ausreichen? So, wie es Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) vor ein paar Tagen groß vorgeschlagen hat?

Wohl kaum! Denn die 71 staatlichen Grundschulen, die es im Kreis jetzt noch gibt, haben keine Not. Sie erreichen die erforderliche Mindestzahl von 15 Schülern pro Jahrgang und sind in ihrem Bestand nicht bedroht. Für keine der Schulen sei altersgemischter Unterricht derzeit eine Option, sagt Angela Ruscher von der Bildungsagentur. Und für 39 jene Grundschulen, die seit 1996 im Kreis geschlossen wurden, kommt die Idee der Ministerin zu spät.

Die Freiarbeits-Stunde in der Montessori-Grundschule ist zu Ende. Die Schüler setzen sich zum Abschlusskreis. Erstklässlerin Clara liest stolz ihre erste selbst geschriebene Geschichte vor. Die anderen klatschen. Wilma hat heute vier Büchsendiktate und zwei Gedichte geschrieben. Cedrik hat den Zahlenfuchs geschafft, Leander die Sterntabelle. Und Wilma kann noch verkünden, dass sie schon den ganzen Jahresplan für die zweite Klasse geschafft hat. Und dass sie morgen mit dem Plan für Klasse 3 beginnt.