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Vier kleine Perlen

Die Städte Roudnice, Litoměřice, Úštěk, Mělník verzaubern mit Kultur und Schönheit. Warum sich ein Besuch wieder lohnt. Teil 3 unserer Serie "Grenzgänge".

Zdenek Bárta liebt seine Stadt Litomerice. Als Pfarrer und Dissident setzte er sich schon vor Jahrzehnten für das Kleinod ein, zusammen mit vielen anderen. Die stolzen Bürgerhäuser von Leitmeritz erzählen auch noch andere Geschichten.
Zdenek Bárta liebt seine Stadt Litomerice. Als Pfarrer und Dissident setzte er sich schon vor Jahrzehnten für das Kleinod ein, zusammen mit vielen anderen. Die stolzen Bürgerhäuser von Leitmeritz erzählen auch noch andere Geschichten. © © by Matthias Rietschel

1. Impressionismus an der Elbe

Roudnice ist ein verschlafenes Städtchen. Niemand würde hier eine der größten Sammlungen des impressionistischen tschechischen Malers Antonín Slavíček vermuten. Der Mäzen August Švagrovský widmete aber die Gemälde seiner Heimatstadt. Später kamen Werke des Expressionismus, Kubismus, Surrealismus bis zu figuraler Postmoderne und abstrakter Malerei hinzu. Wer sich ein Bild über die tschechische Kunst der vergangenen 150 Jahre machen möchte, ist hier genau richtig.

Galerie der modernen Kunst in Roudnice nad Labem. Im Bild Galerist Miroslav Divina.
Galerie der modernen Kunst in Roudnice nad Labem. Im Bild Galerist Miroslav Divina. © © by Matthias Rietschel

Die repräsentativen Räume im Reitstall des Schlosses sind Fluch und Segen zugleich. „Die Lage ist zentral, aber wir würden uns gern vergrößern“, sagt der noch junge Leiter der Galerie, Miroslav Divina. Da sich Reitstall wie Schloss in Privatbesitz befinden, ist es aber schwierig, einen Umbau mit öffentlichen Geldern zu finanzieren. Bis dahin behilft sich Divina immer wieder mit dem Austausch von Gemälden. Dazu kommen wechselnde Ausstellungen. Die Galerie hat einen Namen. „Viele Besucher kommen extra aus Prag oder steigen vom Elberadweg ab.“

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© SZ Grafik

2. Die stolzen Bürger und ihre Häuser

Litoměřice hat Glück gehabt. Das sagt Zdeněk Bárta. Schon vor der Samtenen Revolution 1989 lebten hier Menschen, die sich für ihre Stadt eingesetzt haben. Das ist für Bárta auch die Erklärung, warum vieles in der prächtigen Stadt Leitmeritz an der Elbe erhalten ist. Die stolzen Bürgerhäuser am Markt mit ihren Laubengängen, das markante Rathaus mit dem Kelch, Symbol der Hussiten, die engen Gassen, großzügigen Parks und das Domviertel, Sitz des Bischofs.

Der Markt in Litomerice.
Der Markt in Litomerice. © © by Matthias Rietschel

Wenn sich jemand einsetzte, dann Bárta. Einst Dissident, organisierte der evangelische Pfarrer im November ’89 auf dem Hauptplatz die Demonstrationen. Es ist auch dieser Zusammenhalt, der die Stadt am Fuße der Weinberge und dem Ufer der Elbe lebens- und besuchenswert macht. „Wir haben hier viele Chöre und ein Theater. Im Dom finden regelmäßig Orgelkonzerte statt, es gibt ein Kino und ein Kulturhaus“, zählt Bárta auf. Die Stadt hat eine großartige Galerie, in der der Fundus der Diözese ausgestellt ist. „Aber auch die Vielzahl an Umwelt- und Sozialvereinen sind Kultur“, ist Bárta überzeugt. Das ist ganz im Sinne Václav Havels, mit dem Bárta gut befreundet war. Im einzigen Václav-Havel-Park Tschechiens an der Stadtmauer steht die Büste des einstigen Präsidenten und Literaten. Litoměřice hat aber auch viele gemütliche Cafés und Weinstuben. Trotz der Weinberge in der Umgebung ist Litoměřice auch eine Bierstadt. Hier gibt es gleich drei Brauereien. Und die vierte ist schon im Bau.

3. Gerettet vom Restaurator

Vor Jahren wurde Restaurator Tomáš Hlaváček erstaunt gefragt: „Sie sanieren Denkmäler, die Ihnen gar nicht gehören?“ Für Hlaváček kein Widerspruch. „Ich lebe doch hier“, sagt der Mann aus Úštěk (Auscha). Er schaut auf die wiederhergestellte Synagoge. Der unkonventionelle Bau über zwei Etagen sollte in den 1970er-Jahren abgerissen werden – eine jüdische Gemeinde gab es nach dem Holocaust nicht mehr. Zum Glück blieb er stehen. Nach der Wende kaufte sich Hlaváček zunächst das Nachbarhaus von 1462. „So ein Haus finden sie nirgendwo anders.“ Während das eigene Haus noch lange nicht fertig war, stürzte er sich bereits in die Rettung des jüdischen Friedhofs. Später kam die Synagoge hinzu, die nun zwischen April und Oktober, dienstags bis sonntags geöffnet ist, samt Rabbinerhaus und einer Ausstellung über das jüdische Schulwesen.

Restaurator Tomas Hlavacek in Ustek,
Restaurator Tomas Hlavacek in Ustek, © © by Matthias Rietschel

Hlaváčeks letzte größere Rettung betraf den Kapellenberg (Ostrý), Wallfahrtsort und Dominante in der Nähe der Stadt. Überhaupt ist die auf einem Felssporn gelegene Kleinstadt ein Idyll auf kleinstem Raum mit vielen Geschäften, reizenden Cafés und Museen. In der Adventszeit verwandelt sie sich in einen einzigen Weihnachtsmarkt. Im Sommer lädt der nahe See Chmelář zum Abkühlen ein.

4. Zu Gast beim Fürsten

Auf Schloss Mělník residiert noch ein echter Adliger. „Fürst Jiří Jan Lobkowicz bewohnt einen Schlossflügel“, klärt Manager Jiří Lokšan (im Bild) auf. Kaum hat er das gesagt, trägt ein Mann mit Schürze ein Tablett leeren Geschirrs ins Schlosscafé und grüßt. „Das war er“, raunt Lokšan. Wer ihm nicht persönlich begegnet, sieht ihn auf Bildern im Großen Salon mit seiner Frau, der Opernsängerin Zdenka Belas, und den zwei Söhnen.

Das Geschlecht der Lobkowiczer gehört zu den ältesten in Böhmen. Erst wurde ihr Besitz von den Nationalsozialisten beschlagnahmt, später vom kommunistischen Staat. Nach der Wende erhielten sie ihn zurück. Jiří Jan kannte die Heimat nur aus Erzählungen, er wurde in der Schweiz geboren.

Schlossdirektor Jiri Loksan in Melnik.
Schlossdirektor Jiri Loksan in Melnik. © © by Matthias Rietschel

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