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Vier Millionen Kohlewaggons für Pumpe

Bei Hoyerswerda wurde vor genau 20 Jahren der letzte Kraftwerks-Neubau der Lausitz eröffnet. Bilanz und Erinnerungen.

© dpa

Von Irmela Hennig

Hoyerswerda. Sie hat die Türme fallen sehen. Vom neuen Kraftwerk in Schwarze Pumpe hatte Kerstin Schilling am 28. August 1999 beste Sicht auf die Sprengung der drei 140 Meter hohen Schlote. „Tiefenenttrümmerung – vier Jahre hat es gedauert, dann war alles verschwunden.“ Und die Geschichte des ineffizienten und schmutzigen VEB Gaskombinates Schwarze Pumpe war zu Ende.

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1999 wurden die Schornsteine des alten Kraftwerks gesprengt.
1999 wurden die Schornsteine des alten Kraftwerks gesprengt. © Leag
Bei der Inbetriebnahme der neuen Anlage war Bundeskanzler Helmut Kohl da.
Bei der Inbetriebnahme der neuen Anlage war Bundeskanzler Helmut Kohl da. © Leag
In einer Pilotanlage wurde die Abtrennung von  getestet.
In einer Pilotanlage wurde die Abtrennung von getestet. © dpa

Die des damals modernsten Braunkohlekraftwerks der Welt, nur wenige Meter entfernt, hatte da gerade begonnen. Und niemand ahnte bei der offiziellen Inbetriebnahme am 3. Juni 1998, dass dies der letzte Neubau eines solchen Kraftwerks in der Lausitz sein würde. Großer Bahnhof herrschte. Nicht nur Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe weihte die beiden 800-Megawatt-Blöcke ein. Auch Bundeskanzler Helmut Kohl war unter den Ehrengästen. Hielt eine Rede, ließ sich ablichten mit einer chinesischen Delegation, die eher zufällig dem Großereignis beiwohnte. Und prostete fröhlich in die Runde, bis ihm ein Mitarbeiter einen kleinen Zettel reichte. Der Kanzler, so erinnert sich ein SZ-Kollege, der damals dabei gewesen ist, wurde aschfahl, verließ umgehend das Festzelt, stieg in den Hubschrauber. Und flog ins niedersächsische Eschede. Dort waren bei einem Eisenbahnunglück über 100 Menschen ums Leben gekommen. 88 wurden schwer verletzt.

Auch das hat Kerstin Schilling noch vor Augen. Die studierte Kraftwerkstechnikerin, die in Weißwasser lebt, ist heute verantwortlich für die Standortkommunikation im Kraftwerk Schwarze Pumpe. Für das gab es nach nur sechs Wochen Planung schon die Baugenehmigung. „Goldgräberzeit“, nennt Kerstin Schilling diese Nachwendejahre, in denen viel auf kurzem Weg möglich war. Die Errichtung selbst dauerte länger. Im März 1993 war Baustelleneröffnung. 4,5 Milliarden D-Mark wurden investiert. Fünf Jahre später ging das Kraftwerk ans Netz, das rein rechnerisch jährlich im Schnitt drei Millionen Drei-Personen-Haushalte mit Strom versorgt.

Mit dem Kohlezug um die Erde

Knapp 250 Millionen Tonnen Braunkohle wurden dafür bislang eingesetzt. In 4,053 Millionen Waggons wurde der Rohstoff von den Tagebauen Welzow-Süd, Nochten und anfangs Meuro transportiert. Würde man alle Waggons aneinanderkoppeln, käme man mit diesem Zug etwa 1,25 Mal um die Erde.

Es waren wirtschaftliche und ökologische Gründe, die den Bau des Kraftwerkes nötig machten. Mit dem Einigungsvertrag nach der Wende, der den Zusammenschluss von DDR und BRD regelte, galt das westdeutsche Immissionsschutzgesetz auch für den Osten. Es ging um den Ausstoß schädlicher Gase, damals vor allem Stickstoff- und Schwefeloxide. Aber auch um den Wirkungsgrad – also darum, wie viel Energie mit der verwendeten Kohle erzeugt werden kann. Dieser Grad war in den alten Kraftwerken niedrig, lag bei knapp über 30 Prozent. Heute liegt man bei 40 bis 45 Prozent.

Reihenweise hatten also alte Anlagen den Betrieb einzustellen – von Hirschfelde und Hagenwerder über Lübbenau bis Vetschau. Doch irgendwoher musste Strom für die Menschen in der Region kommen. Erneuerbare Energien steckten damals noch in den Kinderschuhen. Öl und Gas gab es vor Ort so gut wie gar nicht. Doch Braunkohle fand man vor der Haustür. Und so lag es nahe, Kraftwerke neu zu bauen oder bestehende zu modernisieren und zu erweitern. Es war die Zeit der Abkürzungen – in den Anfangsjahren mischten Konzerne wie Veag und Espag, dann Laubag mit. Es gab die HEW und die Bewag. Und dazwischen agierte auch noch die LBV – die Lausitzer Bergbau-Verwaltungsgesellschaft, die vor allem ehemalige Tagebau saniert und renaturiert.

2001 erwarb eine Tochter des schwedischen Staatskonzerns Vattenfall die Mehrheit an der Lausitzer Braunkohle AG (Laubag), zu der das Kraftwerk in Schwarze Pumpe gehörte. Die Skandinavier hielten lange fest an der Kohleverstromung. Mitte der 2000er Jahre errichteten sie in Schwarze Pumpe eine Pilotanlage für die Abscheidung von Kohlendioxid. Die Carbon-Capture-and-Storage-Technologie, kurz CCS, wurde vorübergehend zur Zukunftschance für den inzwischen umstrittenen Rohstoff Braunkohle. Bundeskanzlerin Angela Merkel griff 2006 selbst zum Spaten, als der Bau der Test-Einrichtung für CCS in Schwarze Pumpe gestartet wurde. Doch das neue Verfahren, bei dem abgeschieden und verflüssigt wird, beinhaltete eben auch die unterirdische Speicherung des Gases. Doch kaum ein Bundesland fand sich, dass seinen Untergrund dafür hergeben wollte. Zu groß war die Befürchtung, dass das Gas wieder austreten oder irgendwie anderen Schaden anrichten könne. „Bis heute ist das bei den Lagerstätten, wo die Tests dafür gemacht wurden, nicht passiert“, sagt Thoralf Schirmer, Pressesprecher des Energieunternehmens, das inzwischen Leag heißt.

Denn mit dem Aus für CCS in Deutschland, mit der zunehmenden Stimmung gegen Kohleverstromung in der Politik und der Bevölkerung und mit einem Regierungswechsel in Schweden, dem Konzernmutterland, verabschiedete sich Vattenfall von den fossilen Brennstoffen auf dem Kontinent. Schwarze Pumpe wurde verkauft. So wie die übrigen zu Vattenfall gehörenden Kraftwerke und Tagebaue. Die Lausitz Energie Bergbau AG und die Lausitz Energie Kraftwerke AG, zugehörig zum tschechischen Konzern EPH, haben nun das Sagen. Auch in Schwarze Pumpe.

Hier arbeiten heute 270 Männer und Frauen in Vollzeit. Beim Start des Neubaus 1998 waren es 317 Beschäftigte, allerdings in Teilzeit. Einige ehemalige Kraftwerker aus Hagenwerder oder Vetschau beispielsweise fanden hier einen neuen Job. Auf dem Gelände des alten Kraftwerks entstand eine Papierfabrik. Ein neuer Industriepark entwickelte sich, der heute insgesamt 4 400 Leuten Broterwerb bietet. Zu DDR-Zeiten waren es im damaligen Industriegebiet 16 000 Stellen.